Der Gebäudesektor gilt mit seinen hohen Treibhausgasemissionen sowie seinem intensiven Ressourcenverbrauch als Sorgenkind bei der Erreichung der Klimaziele. Gleichzeitig ist er ein entscheidender Hebel auf dem Weg zur Klimaneutralität und einer ressourcenschonenden Wirtschaft. Klima- und ressourcenschonendes Bauen verbindet Umwelt- und Klimaschutz mit wirtschaftlicher Effizienz – durch weniger Emissionen, weniger Materialverbrauch und langfristig geringeren Kosten.
Laut Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) entfallen rund 40 Prozent der deutschen Treibhausgasemissionen auf das Bauen und Wohnen. Der größte Anteil – rund 75 Prozent – entsteht im laufenden Betrieb durch Heizen und Stromverbrauch. Etwa 25 Prozent entfallen auf Bau, Herstellung und Modernisierung einschließlich Baustoffproduktion und Lieferketten.
Dass der Handlungsdruck hoch ist, zeigt der Klimaschutzbericht 2025 der Bundesregierung. Der Gebäudesektor hat sein Klimaschutzziel verfehlt und die zulässige Jahresemissionsmenge im Jahr 2024 erneut um 4,7 Millionen Tonnen CO₂-Äquivalente überschritten. Auch vorläufige Daten des Umweltbundesamtes für 2025 zeigen, dass die Emissionen mit 110 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente weiterhin steigen, statt sinken (Stand April 2026). Mit der Änderung des Klimaschutzgesetzes 2024 entfallen zwar die sektorscharfen Einsparungsziele, dennoch bleibt das übergeordnete Ziel bestehen:: Bis 2030 sollen die Emissionen des Gebäudesektors im Vergleich zu 1990 um 66 bis 67 Prozent sinken und auf 70 bis 72 Millionen Tonnen CO₂-Äquivalente reduziert werden.
Das Bauwesen hat außerdem einen enormen Ressourcenbedarf. Rund 90 Prozent der in Deutschland eingesetzten mineralischen Rohstoffe werden beim Bauen verwendet – das entspricht jährlich über 500 Millionen Tonnen. Gleichzeitig entstehen mehr als 200 Millionen Tonnen Bauabfälle pro Jahr, rund 61 Prozent des gesamten Abfallaufkommens. Zwar werden etwa 90 Prozent der Bauabfälle verwertet, jedoch überwiegend in minderwertigen Anwendungen wie dem Straßenbau oder der Deponierung. Der hochwertige Wiedereinsatz beispielsweise im Hochbau bleibt bislang begrenzt. Damit besteht ein erhebliches, bislang nicht ausgeschöpftes Potenzial für eine echte Kreislaufwirtschaft, in der Bauabfälle wieder zu wertvollen Baustoffressourcen werden und Stoffkreisläufe konsequent geschlossen werden.
Der Gebäudesektor steht damit zugleich vor zwei zentralen Herausforderungen: der deutlichen Reduktion von Treibhausgasemissionen und einem nachhaltigeren Umgang mit Ressourcen. Hinzu kommt der weiterhin hohe Bedarf an Wohnraum in vielen Regionen. Der steigende Wohnraumbedarf lässt sich unter diesen Rahmenbedingungen nur durch eine grundlegende Transformation des Bauens klimaverträglich bewältigen.
Vor diesem Hintergrund ist der Bedarf an innovativen, praxistauglichen Lösungen besonders groß. Genau hier setzt die Förderung der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) an: Sie unterstützt Projekte, die klima- und ressourcenschonendes Bauen voranbringen und neue Ansätze für eine nachhaltige Transformation des Bausektors entwickeln und in die Anwendung bringen.
Sabine Djahanschah aus dem DBU-Referat „Zukunftsfähiges Bauwesen“ gibt im Interview Einblicke in aktuelle Entwicklungen des nachhaltigen Bauens und zeigt auf, wo die Förderung der DBU gezielt Impulse für ressourcenschonende und zirkuläre Bauweisen setzt.
Sabine Djahanschah: Nachhaltiges Bauen heißt für mich, ganzheitlich zu denken – also Materialeffizienz, Energieeinsparung, Kreislaufprinzipien und den Erhalt des Gebäudebestands zusammenzubringen. Es beginnt schon in der frühen Planungsphase und betrachtet ein Gebäude über seinen gesamten Lebenszyklus hinweg. Dazu gehört auch, nachwachsende Rohstoffe wie Holz oder Lehm gezielt einzusetzen und den Materialverbrauch insgesamt zu reduzieren. Am Ende geht es um Gebäude, die langfristig nutzbar und energieeffizient sind. Und klar ist auch: Der Bestand sollte dabei Vorrang haben – also Sanierung, Umbau und Weiterentwicklung vor Neubau.
Sabine Djahanschah: Zukünftig sollten Gebäude so geplant werden, dass Materialien möglichst lange im Kreislauf bleiben. Derzeit ist die Bauweise noch stark linear geprägt, auch weil geeignete Planungswerkzeuge für eine konsequente Kreislaufwirtschaft fehlen. Das zeigt sich unter anderem daran, dass in Deutschland rund 55 Prozent des Abfallaufkommens aus Abbruchmaterial stammen – das ist ein sehr hoher Anteil. Unsere Vorhaben setzen genau hier an und verbessern die Planungs- und Bewertungsinstrumente, sodass zirkuläres Bauen auch in der Ökobilanz besser abgebildet werden kann. Ziel ist es, diese Ansätze dauerhaft im Bauwesen zu verankern.
Sabine Djahanschah: Als Stiftung fördern wir Projekte, die mit innovativen Ideen die Kreislaufwirtschaft im Bauwesen voranbringen. Das reicht von neuen Verfahren, um Beton zu recyceln oder aus Bauschutt wieder hochwertige Baustoffe herzustellen, bis hin zu Ansätzen, die den Materialeinsatz insgesamt reduzieren – etwa durch innovative Herstellungs- und Bauverfahren. Darüber hinaus fördern wir den Einsatz von CO₂-armen und nachwachsenden Baustoffen wie Holz oder Lehm.
Ein zentraler Ansatz zur Reduktion von Ressourcenverbrauch und Umweltbelastungen im Bauwesen ist die Kreislaufwirtschaft. Sie verfolgt das Ziel, Materialien möglichst lange im Nutzungskreislauf zu halten und Abfälle zu minimieren. Auch regulatorische Entwicklungen auf EU-Ebene sowie in Deutschland stärken diesen Übergang zu langlebigeren und besser wiederverwendbaren Baustoffen. Dazu zählen insbesondere der EU-Aktionsplan für die Kreislaufwirtschaft im Rahmen des European Green Deal, die reformierte EU-Bauproduktenverordnung sowie die seit 2023 geltende Mantelverordnung zur Regelung mineralischer Ersatzbaustoffe in Deutschland. Vor diesem Hintergrund rücken innovative Ansätze in den Fokus, die über die klassische stoffliche Verwertung hinausgehen und neue Wege für eine echte Kreislaufführung im Bauwesen eröffnen.
Die folgenden drei DBU-Projekte zeigen, wie diese Transformation in der Praxis umgesetzt werden kann – von einem Vergleichsdashboard für nachhaltige Planungsentscheidungen über ein Echtzeit-Monitoring von Recycling-Baustoffen bis hin zur hochwertigen Wiederverwertung mineralischer Bauabfälle in marktfähigen Produkten.
Der Wandel hin zu einem klima- und ressourcenschonenden Bauen erfordert neben geschlossenen Stoffkreisläufen auch eine grundlegende Neuausrichtung bei der Wahl der eingesetzten Materialien. Im Zentrum stehen dabei alternative Baustoffe, die im Vergleich zu konventionellen, energieintensiven Materialien deutlich geringere Umweltwirkungen aufweisen und zugleich neue baukulturelle und funktionale Möglichkeiten eröffnen.
Besonders Holz als nachwachsender Rohstoff, aber auch Lehm als regional verfügbarer Baustoff gewinnen dabei zunehmend an Bedeutung. Ergänzend rücken innovative Ansätze wie Materialien aus Paludikulturen in den Fokus, die eine Nutzung nasser Moorstandorte ermöglichen und gleichzeitig zum Klimaschutz beitragen. Auch hybride Bauweisen, etwa der Verbund von Holz und Naturstein, zeigen neue Wege für langlebige und ressourcenschonende Konstruktionen auf.
Der MOE-Fellow Mikel Pepaj verglich drei mit 3D-Druck errichtete Wohngebäude mittels Ökobilanz (LCA) und Lebenszykluskostenanalyse (LCC), bei denen jeweils unterschiedliche Baumaterialien zum Einsatz kamen: Beton, Lehm und biobasierte Verbundwerkstoffe. Während Lehm mit den niedrigsten CO₂-Emissionen überzeugt, bleibt Beton aufgrund ausgereifter Technologien die kostengünstigste Variante. Biobasierte Materialien liegen ökologisch im Mittelfeld, verursachen jedoch deutlich höhere Kosten. Insgesamt wird ein klarer Zielkonflikt zwischen Klimawirkung und Wirtschaftlichkeit sichtbar. Weitere Informationen: Ökobilanz und Lebenszykluskosten von Beton, Lehm und Verbundwerkstoffen im 3D-Wohnungsbau – DBU
Holz ist ein nachhaltiger Baustoff, da es als nachwachsender Rohstoff während des Wachstums CO₂ aus der Atmosphäre bindet und dieses über die Nutzungsdauer eines Gebäudes speichert. Dadurch lassen sich im Vergleich zu energieintensiven Materialien wie Beton oder Stahl erhebliche Emissionen vermeiden. In Verbindung mit nachhaltiger Waldbewirtschaftung trägt Holz so zur Reduktion von Treibhausgasen im Bausektor bei. Auch hybride Bauweisen kommen zum Einsatz, etwa Kombinationen von Holz und Naturstein wie Granit, die die Tragfähigkeit und Dauerhaftigkeit des Steins mit den klimatischen Vorteilen des Holzes verbinden können.
Die vier DBU-Projekte adressieren unterschiedliche Ansätze – von digital unterstützter Planung und Ökobilanzierung im Holzbau über eine ressourceneffiziente Holz-Granit-Verbundbrücke bis hin zu zwei großmaßstäblichen Holzhochhausprojekten im urbanen Raum.
Lehm wird seit Jahrtausenden verwendet und ist ein besonders nachhaltiger Baustoff. Anders als herkömmliche Ziegel oder Zement werden Mauersteine aus Lehm nicht gebrannt, sondern getrocknet. Ihre Herstellung benötigt laut der Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung (BAM) daher bis zu 85 Prozent weniger Energie und weist eine gute CO2-Bilanz auf.
Auch können Lehmmauersteine aufgrund ihrer Wasserlöslichkeit vollständig recycelt werden: Sämtliche Bestandteile, insbesondere die wertvolle Ressource Sand, lassen sich sortenrein zurückgewinnen und können in einer geschlossenen Kreislaufwirtschaft erneut genutzt werden. Allerdings wird Mauerwerk aus Lehm bisher kaum eingesetzt und das liegt vor allem an den aktuellen Vorschriften, die sehr restriktiv sind.
Zwei DBU-Projekte setzen genau hier an: Während die Bundesanstalt für Materialforschung (BAM) gemeinsam mit Partnern die wissenschaftlichen Grundlagen für tragendes Lehmmauerwerk mit einer DIN-Norm geschaffen hat, zeigt ein weiteres Vorhaben zur industriellen Fertigung großformatiger Lehmsteine, wie sich diese Erkenntnisse in marktfähige Bauprodukte für den Neubau übertragen lassen.
Paludikulturen bieten als nachwachsende Rohstoffquelle aus wiedervernässten Mooren ein hohes Potenzial für den Klima- und Ressourcenschutz, da sie fossile und mineralische Materialien ersetzen und gleichzeitig die Moorwiedervernässung als effektive Klimaschutzmaßnahme unterstützen.
Auf dieser Grundlage entwickelt das DBU-geförderte Startup „Planterial“ mit dem „Paluboard“ eine innovative Nährbodenplatte für die Dachbegrünung. Sie basiert auf Paludi-Biomasse wie Schilf und wird in einem energieeffizienten Heißpressverfahren mit einem biologisch abbaubaren Bindemittel hergestellt. Das System verbessert durch Wasserspeicherung und Verdunstungskühlung das Stadtklima und trägt zugleich zur Biodiversität auf Gebäuden bei. Eine ausführliche Beschreibung des Projekts zeigt, wie sich mit Paludi-Rohstoffen Klimaschutz und urbane Klimaanpassung verbinden lassen. Nachhaltige Dachbegrünung aus Paludikultur – DBU
Alternative Baustoffe können den weltweit stark wachsenden Bedarf im Bauwesen derzeit noch nicht in ausreichendem Umfang decken. Daher kommt insbesondere im Betonbau der Entwicklung klima- und ressourcenschonender Verfahren eine zentrale Bedeutung zu. Beton ist der weltweit meistverwendete Baustoff, verursacht jedoch durch die energieintensive Zementherstellung erhebliche CO₂-Emissionen und zählt damit zu den zentralen Stellschrauben für mehr Klimaschutz im Bauwesen. Gleichzeitig fallen in der Produktion große Mengen mineralischer Reststoffe an, die bislang nur begrenzt in Stoffkreisläufe zurückgeführt werden. Vor diesem Hintergrund gewinnen Ansätze zur Reduktion des Materialeinsatzes und zur Verbesserung der Kreislauffähigkeit zunehmend an Bedeutung.
Wie unterschiedlich die Wege zu einem klima- und ressourcenschonenderen Betonbau, verdeutlichen die folgenden beiden DBU-Projekte. Im ersten Projekt werden neuartige Hohlkörpersysteme für Betondecken entwickelt, die den Betonverbrauch deutlich reduzieren und die Rezyklierbarkeit verbessern. Das zweite Projekt setzt auf klinkerreduzierte Zemente, Recyclingmaterialien und CO₂-bindende Prozesse zur Senkung der Emissionen. Insgesamt wird deutlich, dass sowohl konstruktive als auch materialbasierte Innovationen entscheidend sind, um Beton nachhaltiger zu gestalten.