02.03.2018 | Lämmersalat und Ziegenmelker profitierten von Bomben und Panzern

Stiftungstochter legt für zehn Jahre Naturschutz-Maßnahmen für DBU-Naturerbefläche Marienfließ fest

Marienfließ Offenland
Idyllische Sandmagerrasen mit blühender Heide sind auf der DBU-Naturerbefläche Marienfließ die Folge der ehemaligen militärischen Nutzung. Heute ist die Fläche immer noch kampfmittelbelastet, doch seltene Tier- und Pflanzenarten finden gerade hier ihren speziellen Lebensraum.
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Breitblättriger Hohlzahn
Der Breitblättrige Hohlzahn braucht Pionierstandorte mit offenem Boden als Lebensraum.
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Bombentrichter
Wassergefüllte Bombentrichter erzählen noch heute von der einstigen Nutzung.
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Lebensgefahr
Insbesondere der Ostteil der Fläche, das "Bombodrom", darf nicht betreten oder befahren werden, da er stark kampfmittelbelastet ist.
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Karte Marienfließ
Die 474 ha große DBU-Naturerbefläche Marienfließ besteht aus einem Westteil, genannt "Roteichen", und einem Ostteil, das "Bombodrom".
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Wahlstorf. Über ein Vierteljahrhundert ist es her, dass in Marienfließ Bomben fielen und Panzerschießübungen gemacht wurden. Seitdem 1992 das Übungsgelände der sowjetischen Truppen an den Bund übergeben wurde, ist es ruhig geworden. Und so darf es auch bleiben, geht es nach der Tochtergesellschaft der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU), dem DBU Naturerbe. Insbesondere auf der 2010 übertragenen DBU-Naturerbefläche Marienfließ, für die nun ein Naturerbe-Entwicklungsplan erstellt wurde. Dieses etwa 474 Hektar (ha) große Areal ist Teil der ehemals militärisch genutzten Fläche, die heute zu einem Schutzgebietskomplex von nationaler und europaweiter Bedeutung gehört. „Mit Bomben und Panzern richtete der Mensch einst Zerstörung an. Entscheidend ist aber, dass im Zuge der militärischen Nutzung zum Beispiel artenreiche Heidelandschaften entstanden sind“, sagt Prof. Dr. Werner Wahmhoff, fachlicher Leiter des DBU Naturerbes. „Die wollen wir pflegen und weiterentwickeln.“

Ehemalige militärische Nutzung prägt die Fläche noch heute

Auch wenn die militärische Nutzung bereits vor 27 Jahren eingestellt wurde, sei die DBU-Naturerbefläche Marienfließ immer noch davon geprägt. Der Ostteil, das sogenannte „Bombodrom“, wurde von den Luftstreitkräften der sowjetischen Truppen als Bombenabwurfplatz genutzt, um Städtebombardements zu üben. Der Westteil der Liegenschaft, genannt „Roteichen“, war ein Panzerschießplatz der Landstreitkräfte.Aufgrund der flächenhaften, über fünf Jahrzehnte dauernden militärischen Nutzung gilt nahezu das gesamte Areal als kampfmittelverdächtig oder -belastet“, sagt Wahmhoff. Insbesondere das Bombodrom dürfe nicht betreten oder befahren werden, da es stark kampfmittelbelastet ist. Vor Ort ist die DBU durch Koordinator Matthias Weber vom Bundesforstbetrieb Trave vertreten, der der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BImA) zugeordnet ist.

Machbarkeitsstudie für „Bombodrom“

Was für einen Naturschatz das Militär hinterlassen hat, sei daher gar nicht so einfach zu ermitteln. „Um herauszufinden, welchen naturschutzfachlichen Wert eine Fläche hat, müssen wir sie begehen und Tier- und Pflanzenarten bestimmen. So ermitteln wir den Ist-Zustand“, stellt Privatdozentin Dr. Heike Culmsee, Leiterin der Naturerbe-Entwicklungsplanung auf DBU-Naturerbeflächen, dar. Aufgrund der Kampfmittelbelastung wurden die Lebensräume des Bombodroms mit Hilfe von Luftbildern interpretiert und klassifiziert: Über Zweidrittel bestehe aus Wald, rund 30 Prozent seien Heideflächen. „Nach und nach würde sich der gesamte Ostteil zu Wald mit überwiegend Kiefern und Sandbirken entwickeln und die Heide würde verschwinden“, gibt Culmsee zu bedenken. Da es sich bei den Heiden um einen Lebensraumtyp von europaweiter Bedeutung handele, wurde in einer durch das Land Mecklenburg-Vorpommern beauftragten Machbarkeitsstudie geprüft, inwieweit zukünftig pflegend eingegriffen werden kann. Eine wenigstens teilweise Offenhaltung des Gebiets ist auch für den Ziegenmelker als europaweit gefährdete Vogelart der halboffenen Landschaften wichtig.

Gefährdete Tier- und Pflanzenarten sind auf waldfreie Flächen angewiesen

Für den 2,5 Kilometer entfernten Westteil „Roteichen“ werden – wenn nicht bereits festgestellt - Kampfmittel vermutet. Von Wahlstorf aus können Besucher einen Rundweg wandern. Großflächige Magerrasen und kleinere Heideflächen prägen das Landschaftsbild. „Bei den Kartierungen fanden wir wertvolle Pflanzenarten wie den Breitblättrigen Hohlzahn und den Lämmersalat, typische Arten der Sandäcker, für deren Erhaltung Deutschland eine besondere Verantwortung trägt“, sagt Culmsee. „Lämmersalat und Hohlzahn brauchen Pionierstandorte mit offenem Boden als Lebensraum.“ Ebenso seien drei stark gefährdete Heuschreckenarten wie die Westliche Beißschrecke auf der DBU-Naturerbefläche nachgewiesen worden, die trockene, besonnte Lebensräume mit wenig Vegetation benötigen. Culmsee: „Überlassen wir ‚Roteichen‘ sich selbst, würde auch hier Wald entstehen und die wertvollen Tier- und Pflanzenarten des Offenlandes verschwinden.“ Extensive Schaf- oder Ziegenbeweidung, sogenanntes Entkusseln oder auch kontrolliertes Brennen sollen das verhindern. Wenn stellenweise auch der blanke Boden frei gehalten werden soll, um die seltenen Pflanzenarten zu fördern, müsse nach Restmunition sondiert werden.

Naturerbe-Entwicklungsplan mit Landesbehörden und Bundesamt für Naturschutz abgestimmt

Der Naturerbe-Entwicklungsplan wurde in Abstimmung mit dem Ministerium für Landwirtschaft, Umwelt und Verbraucherschutz Mecklenburg-Vorpommern, Landesforst Mecklenburg-Vorpommern, dem Landesamt für Umwelt, Naturschutz und Geologie Mecklenburg-Vorpommern, dem Staatlichen Amt für Landwirtschaft und Umwelt Westmecklenburg, der unteren Naturschutzbehörde des Landkreises Ludwigslust-Parchim und dem Bundesamt für Naturschutz erarbeitet. So ist eine gemeinsame Maßnahmenplanung bei der Natura-2000-Managementplanung gewährleistet.

Naturschutz auf rund 69.000 Hektar ehemaliger Militärfläche

Die gemeinnützige DBU-Tochter versteht sich als Treuhänderin des Nationalen Naturerbes für nachfolgende Generationen. Die DBU-Naturerbefläche Marienfließ ist eine von 70 Flächen der Gesellschaft. Sie hat die rund 474 ha große Liegenschaft 2010 vom Bund als Teil des Nationalen Naturerbes übernommen. Auf bundesweit insgesamt rund 69.000 ha im Eigentum der Stiftungstochter – größtenteils ehemalige Militärflächen – sollen offene Lebensräume mit seltenen Arten durch Pflege bewahrt, Wälder möglichst ohne menschlichen Eingriff ihrer natürlichen Entwicklung überlassen, artenarme Forste zu naturnahen Wäldern umgewandelt und Feuchtgebiete sowie Gewässer ökologisch aufgewertet oder erhalten werden.