„Wir sind der Krise nicht ausgeliefert“ – Interview mit Dr. Roda Verheyen

Die Umwelt hat keine Stimme, doch Umwelpreisträgerin Dr. Roda Verheyen will das ändern. Sie bezeichnet sich als „Klimaanwältin“ und befasst sich in ihrem Job hauptsächlich mit kimabezogenen Fällen. Im Interview spricht sie über die unverzichtbare Allianz mit der Wissenschaft, erzählt, warum Klimaschutz eigentlich die größte Freiheitsfrage unserer Zeit ist und wie sie aus ihrem Handeln die Kraft schöpft, niemals aufzugeben.

Wie sieht Ihre Arbeit als „Umweltjuristin“ aktuell aus?
Ich bin hier in Hamburg Partnerin einer Kanzlei, in der ich unheimlich gerne arbeite. Wir sind auf das Energie- und Umweltrecht fokussiert, bearbeiten aber auch klassische Fälle wie das Baurecht. Nach außen würde man mich vielleicht als „Klimaanwältin“ bezeichnen. Diese Kategorie gibt es im deutschen Recht zwar nicht, aber das macht nichts: Es beschreibt einfach sehr gut die Tatsache, dass ich mich im Beruf überwiegend mit klimabezogenen Fällen befasse und versuche, so viel wie möglich für den Schutz des Klimas zu erreichen.

Sind sie deshalb Anwältin geworden – um viel für den Klimaschutz zu erreichen?
Ich bin seit 2006 Anwältin. Damals gab es zwar kein „Klimaschutzrecht“ an sich, aber natürlich das Umweltrecht. In meinem „Leben davor“ war ich Campaignerin – natürlich für die Umwelt. Ich habe damals überlegt, wie man das geltende Recht für den Klimaschutz einsetzen kann. Obwohl auf politischer Ebene – spätestens seit 1992 – schon lange internationale Abkommen beschlossen, Absichtserklärungen abgegeben und Programme aufgelegt wurden, kam bei den Gerichten nichts an. Und das, obwohl Klimaschutz natürlich auf allen Ebenen des Rechts relevant war und ist: Menschenrechte, soziale Gerechtigkeit, Pflichten von Unternehmen. Meine allerersten Fälle waren dann Klagen und Verfahren gegen neue Kohlekraftwerke. Damals gab es bundesweit Planungen, mehr als 40 Kohlekraftwerke neu zu errichten. Das war auch der Grund, warum ich überhaupt Anwältin geworden bin. Die Umwelt hat keine Stimme. Also müssen wir Menschen das übernehmen – zumal es auch um unsere Rechte geht.

Welche Rolle spielt die Wissenschaft bei Ihrer Arbeit?
Die Wissenschaft spielt eine enorm große Rolle. Ohne die Klimawissenschaft wäre keine meiner Klimaklagen möglich gewesen. Da ist zum einen die allgemeine Klimaforschung, die aufzeigt, was in verschiedenen Szenarien der Erwärmung mit unserer Welt passiert. Dazu hat beispielsweise der DBU-Umweltpreisträger Mojib Latif in meinen Verfahren beigetragen. Zum anderen haben wir wichtige Ergebnisse aus der Attributionsforschung genutzt. Sie untersucht, welcher konkrete Schaden oder welches Ereignis – wie eine Überflutung oder eine Hitzewelle – sich tatsächlich auf den menschengemachten Klimawandel zurückführen, also attribuieren, lässt. Vor einigen Jahren hat Friederike Otto, die wohl bekannteste Attributionswissenschaftlerin, den Deutschen Umweltpreis der DBU erhalten. Diese Art der Forschung ist für meine Arbeit absolut zentral.

Warum?
Wir brauchen in der Justiz wissenschaftliche Erkenntnisse und Gutachten vor Gericht, um Kausalketten zu schließen und Dinge hieb- und stichfest zu beweisen. Ich bin zwar selbst keine Klimawissenschaftlerin, aber es ist wichtig, dass ich mich tiefgehend dafür interessiere – sonst könnte ich diese Verfahren gar nicht erst führen.

Roda Verheyen im Gespräch in ihrer Hamburger Kanzlei. Foto: Kathrin Pohlmann/DBU

Also sind Ihre Klagen echte Teamarbeit?
Absolut. Klimaklagen sind reine Teamarbeit! Ich sitze hier zwar als Anwältin im Vordergrund, aber gedanklich stehen hinter mir bei jeder Klage, die ich je geführt habe, mindestens 30 Menschen. Keine einzige Klage kommt ohne erheblichen wissenschaftlichen Einsatz und ohne die Arbeit vor Ort aus. Das reicht vom Fotografieren eines betroffenen Hauses über Attributionsstudien zu schmelzenden Gletschern bis hin zu Berechnungen, wie viel Bodenfeuchte Deutschland in den letzten 20 Jahren verloren hat. Hier werden hochkomplexe, naturwissenschaftliche und ökologische Sachverhalte aufgearbeitet. Und natürlich gehören zum Team auch die Mandantinnen und Mandanten: Ohne Menschen, die mit ihren konkreten Problemen zu mir kommen und die ich dann rechtlich vertreten darf, gäbe es keine einzige dieser Klagen.

Klimaschutz wird in der öffentlichen Debatte oft als „Verbots- und Verzichts-Thema“ dargestellt. Wie erleben Sie das?
Es macht mich betroffen, dass Menschen, die den Klimaschutz konsequent einfordern, oft als „Verhinderer“ oder „Verkomplizierer“ dargestellt werden. Ich denke, es ist das genaue Gegenteil. Jeder Euro, der heute noch in fossile Energien fließt, ist falsch investiert – auch gesellschaftlich gesehen. Wir müssten die Chancen der Transformation viel mutiger und stärker wahrnehmen. Wenn man uns diesen Vorwurf des „Verzichts“ macht, muss man das einmal mit der Freiheit künftiger Generationen abgleichen. Echter Klimaschutz schränkt uns heute vielleicht gefühlt ein, aber er sichert überhaupt erst die Freiheit und die Lebensgrundlagen derer, die nach uns kommen.

Sie sind auch ehrenamtlich sehr engagiert?
Ja. Ich bin z.B. ehrenamtlich Mitglied des Hamburgischen Verfassungsgerichts. In fast allen Bundesländern ist es so geregelt, dass auch Nicht-Berufsrichterinnen Teil dieser Gremien sein können. Außerdem habe ich den Verein „Green Legal Impact“ gegründet. Der Verein hat die Aufgabe, das Umweltrecht leichter verständlich und leichter anwendbar für zivilgesellschaftliche Gruppen zu machen. Und ich habe auch noch weitere Ehrenämter, halte viele Vorträge und versuche, möglichst mit vielen jungen Menschen in Kontakt zu sein.

Was gibt Ihnen Zuversicht?
Persönlich bringt mich die Situation manchmal an den Rand der Verzweiflung. Aber ich besitze glücklicherweise ein sehr hohes Maß an Energie und damit auch Selbstwirksamkeit. Sie bewahrt mich davor, mich resigniert auf eine Bank zu setzen und zu weinen. Stattdessen kanalisiere ich diese Energie lieber und stecke sie direkt in neue Verfahren und neue Kooperationen. Das ist meine Trauerarbeit und genau die gibt mir am Ende auch die Zuversicht zurück. Wir sind der Krise nicht ohnmächtig ausgeliefert. Wir können etwas tun, wir können verändern – und genau diese Gewissheit gibt mir Mut. Schauen wir doch mal in die Ukraine – was die Menschen dort schaffen, auf kurzen Wegen, zusammen und das mitten im Krieg ist doch unfassbar. Ich sage nicht, alles ist zu retten, aber wer nichts retten will, gibt sich selbst auf.

Der peruanische Gletschersee Palcacocha. Um ihn geht es in einer ihrer bekanntesten Klagen. Foto: ©Hupiu Tapia/Germanwatch