Stickstoff (N) ist ein unentbehrlicher Nährstoff für alles biologische Wachstum. Deshalb gehört der Einsatz mineralischer und/oder organischer Stickstoffdünger zur gängigen Praxis im Pflanzenbau, um die für den jeweiligen Standort bestmöglichen Erträge sowie marktgerechte Produktqualitäten sicherzustellen. Das Problem: Der menschliche Eingriff in den N-Kreislauf führt häufig zu Stickstoffüberschüssen, die Ökosysteme, Klima, Luftqualität und Biodiversität belasten. Im Freilandgemüsebau kommt hinzu, dass Feldgemüse, das nicht das Mindestgewicht für die Vermarktung erreicht, aussortiert wird und oftmals untergepflügt auf dem Acker verbleibt – ein Verlust von Lebensmitteln, die den Stickstoffgehalt im Boden zusätzlich erhöht. In einem DBU-Projekt hat die Landwirtschaftskammer Niedersachsen gemeinsam mit Praxispartnern untersucht, wie eine stickstoffreduzierte Düngung auf die äußere Qualität von vier Gemüsearten Einfluss nimmt und wie sich dann veränderte Produktqualitäten auf die Vermarktung der Produkte auswirken.
Ein Praxistest mit Kohlrabi, Brokkoli & Co.
Für den Handel mit Gemüse gibt es gesetzlich festgeschriebene Mindestanforderungen an die Qualität der Ware. In der Handelspraxis haben sich durch den Wettbewerb jedoch häufig darüberhinausgehende Standards einzelner Abnehmer, insbesondere aus dem Lebensmitteleinzelhandel, etabliert. Was diesen Lieferantenstandards nicht entspricht, wird nicht abgenommen und vielfach direkt auf dem Anbaubetrieb entsorgt. Diese Anforderungen an Größe, Farbe, Beschaffenheit der Blätter setzen in der Regel einen bestimmten Düngemitteleinsatz voraus. Die Kernidee des Projektes war es daher, bei der Vermarktung konsequent „nur“ die gesetzlichen Mindestanforderungen anzuwenden und so konkrete Einsparpotenziale zu identifizieren.
Zu diesem Zweck haben die Projektpartner zunächst Kohlrabi, Brokkoli, Blumenkohl und Eisbergsalat mit reduzierter Stickstoffdüngung angebaut und die Ernteergebnisse systematisch nach Größe, Gewicht und Qualitätsmerkmalen ausgewertet. Anschließend erfolgte die Vermarktung ausschließlich nach den gesetzlichen Vorgaben – ohne zusätzliche, marktübliche Kriterien des Handels. In mehreren Testmärkten einer Einzelhandelskette erfassten die Forschenden in vergleichenden Ansätzen die Verkaufszahlen und begleiteten das Vorhaben mit Verbraucherbefragungen sowie gezielten Informations- und Kommunikationsmaßnahmen.
Eine Frage der Vermarktung und der Wuchsbedingungen
Die Ergebnisse zeigten deutliche Veränderungen im Pflanzenwachstum: Weniger Stickstoff führte je nach Kulturart zu reduzierter Größe und Gewicht sowie veränderten Wuchsformen und Farbausprägungen. Extreme Wetterlagen wie Hitze, Trockenperioden und Starkregen beeinträchtigten die Ertragssicherheit spürbar. Im Handel wirkten sich die sichtbaren Qualitätsveränderungen zunächst tendenziell negativ auf die Verkaufszahlen aus. Gleichzeitig haben gezielte
Verbraucherinformationen diese Effekte teilweise ausgeglichen oder sogar überkompensiert. Die Akzeptanz hing zudem stark vom sozialen und wirtschaftlichen Umfeld der jeweiligen Märkte sowie von der jeweiligen Gemüseart ab.
Insgesamt hat das Projekt gezeigt, dass es grundsätzlich möglich ist mit einer reduzierten Stickstoffdüngung Gemüse zu produzieren, welches dem gesetzlichen Standard entspricht. Dabei steigt jedoch das Risiko von Missernte, so dass der Erfolg noch stärker von Standortbedingungen, Witterungsverläufen, Marktdynamiken und dem Engagement der Vermarktungspartner abhängt. Hier wurden durch das Projekt neue kommunikative und kooperative Ansätze zwischen den Partnern der Wertschöpfungskette erprobt.
Um künftig belastbare Empfehlungen für eine ressourceneffiziente und zugleich marktfähige Gemüseproduktion zu entwickeln, gilt es diese Ansätze durch langfristige, standortübergreifende Untersuchungen kooperativ weiterzuentwickeln.
Die Ergebnisse des Projektes sind in ihrer Form einzigartig, da sie in einem Projekt entstanden ist, welches eine Betrachtung entlang der gesamten Wertschöpfungskette für Frischegemüse erlaubt hat. Einzelne Aspekte, wie Erfahrungen und Empfehlungen zur Stickstoffdüngung werden in einem weiteren geplanten Modell- und Demonstrationsvorhaben zur integrierten Produktion von Freilandgemüse aufgegriffen.
Projektdurchführung
Landwirtschaftskammer Niedersachsen
Mars-la-Tour Str. 6
26121 Oldenburg
DBU-AZ: 35489/01
Förderzeitraum: 01.06.2020 – 31.07.2024
