
Erfurt. Vergleichsweise jung und zu drei Vierteln wild – so könnte der Wald auf der rund 80 Hektar großen DBU-Naturerbefläche Drosselberg im Kern beschrieben werden. Zudem hat die Tochtergesellschaft der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU), das DBU Naturerbe, einige Besonderheiten erfasst, wie Trollblumen- und Orchideenwiesen. Welche Ziele es gibt und was in den kommenden zehn Jahren naturschutzfachlich erforderlich ist – das beschreibt der jetzt fertiggestellte Naturerbe-Entwicklungsplan.
Wildnis: Mehr als 75 Prozent des Waldes bleibt sich selbst überlassen
Die DBU-Naturerbefläche Drosselberg liegt am südlichen Stadtrand von Erfurt im Thüringer Becken und gehört nahezu vollständig zum europäischen Schutzgebietsnetzwerk Natura 2000. Vornehmlich Eichen, Buchen und Eschen finden sich auf dem fast durchweg bewaldeten Areal. „Vor allem die Eichen und Buchen erreichen ein höheres Alter von bis zu 180 Jahren“, sagt Dr. Heike Schneider, Projektverantwortliche im DBU Naturerbe. Eine große Baumartenvielfalt mit Ahorn-Arten, Pappeln und Birken gibt es in den jüngeren Altersklassen, zwischen 20 und 100 Jahren. „Für diesen vergleichsweise jungen und recht dicht gewachsenen Wald spricht eine hohe Naturverjüngung“, so die Forstwissenschaftlerin. Zudem sei ihr zufolge das Vorkommen zahlreicher Baumarten in verschiedenen Altersklassen gut für die Stabilität der Waldökosysteme unter zukünftigen Klimabedingungen. Grundlegendes Ziel im DBU Naturerbe sei, so Schneider, die rasche Überführung der Wälder in eine natürliche Waldentwicklung ohne weitere Eingriffe. „Für den wilden Wald von morgen haben wir am Drosselberg sehr gute Voraussetzungen – bereits mehr als 75 Prozent des Waldes bleibt schon jetzt sich selbst überlassen“, so Schneider.
Mischbestände aus heimischen Baumarten sowie Alt- und Totholz erhöhen Lebensvielfalt

Das DBU Naturerbe fördert Schneider zufolge Mischbestände aus heimischen Baumarten, die deutlich mehr Lebensräume mit höherer Artenvielfalt schaffen und stabiler sind als monotone oder nichtheimische Bestände. „Trotz des noch geringen Anteils an Alt- und Totholz konnten wir im Drosselberg fünf brütende Spechtarten nachweisen, darunter den in Deutschland stark gefährdeten Grauspecht“, sagt Schneider. Das helfe ihr zufolge anderen Tiergruppen: „Fledermäuse nutzen Spechthöhlen zum Beispiel als Tages- und Winterquartiere oder für die Jungenaufzucht.“ Festgestellt worden seien insgesamt 14 Fledermausarten im Flora-Fauna-Habitat-Gebiet „Steiger – Willroder Forst – Werningslebener Wald“, in dem die DBU-Naturerbefläche Drosselberg liegt. Schneider: „Eine davon ist deutschlandweit eine Rarität: die Kleine Hufeisennase, eine europaweit streng zu schützende Art.“ Vom Alt- und Totholz profitieren auch Käfer und Pilze sowie insgesamt eine strukturreiche biologische Vielfalt.
Extensive Bewirtschaftung erhält bunt blühende Wiesen
In den nächsten Jahren stehen Schneider zufolge vor allem die Pflege von fünf zerstreut liegenden Waldwiesen und die offengehaltene Nord-Süd-Trasse einer unterirdischen Fernwasserleitung im Fokus. In Mitteleuropa mittlerweile selten gewordene Wildbestände verschiedener Blütenpflanzen gibt es hier noch, sagt Schneider: „Auf einer der Waldwiesen der Naturerbefläche wachsen die meisten der im Gebiet festgestellten gefährdeten Blühpflanzenarten mit gleichzeitig der größten Individuenzahl: Trollblumen, Heil-Ziest, Kugelige Teufelskralle sowie Geflecktes Knabenkraut – eine Orchideenart.“ Um die bunt blühenden Wiesen mit ihrem hohen Kräuteranteil zu erhalten, werden sie extensiv durch einen Pächter bewirtschaftet, also ein- bis zweimal im Jahr gemäht ohne Einsatz von Düngern oder Pflanzenschutzmitteln. Mitarbeitende des Bundesforstbetriebs Thüringen-Erzgebirge kümmern sich vor Ort um die Umsetzung. Für DBU-Koordinator Jörn Krüger und Revierleiterin Beatrix Schwarz stellt der Naturerbe-Entwicklungsplan eine Arbeitshilfe dar, mit der sie die jährlichen Maßnahmen planen.
Naturschutz ist Gemeinschaftsaufgabe – gesamtes DBU-Naturerbe umfasst 70.000 Hektar

Ein rund 80 Hektar großes Gebiet des heute noch aktiven Standortübungsplatzes Erfurt/Drosselberg wurde 2004 aus der militärischen Nutzung genommen, dem Nationalen Naturerbe zugeführt und damit dem Naturschutz gewidmet. Im Jahr 2019 hat der Bund diese Fläche an die Stiftungstochter aus Osnabrück übertragen. Gemeinsam mit ihren Kolleginnen und Kollegen sowie dem Bundesforstbetrieb hat Schneider den 83-seitigen Managementplan erstellt und mit den Behörden abgestimmt. Ein langwieriger Prozess: Externe Büros kartierten zunächst alle vorhandenen Biotope und Lebensraumtypen, erhoben Daten zum Waldzustand und erfassten zudem Pflanzen- und Brutvogelarten. Aufbauend auf diesen Daten entwickelte das Projektteam die geplanten naturschutzmaßnahmen für Wald und Offenland. „Wir erarbeiten auf allen unseren 66 Flächen mit rund 70.000 Hektar Vorschläge für die geplanten Naturschutzmaßnahmen“, sagt Susanne Belting, Fachliche Leiterin im DBU Naturerbe. Doch Naturschutz ist ihr zufolge eine Gemeinschaftsaufgabe: „Für die Umsetzung der Maßnahmen stimmen wir uns mit den beteiligten Behörden ab und setzen auf eine vertrauensvolle Zusammenarbeit mit landwirtschaftlichen Betrieben und Partnerorganisationen.“. Nun steht der naturschutzfachliche Fahrplan für die DBU-Naturerbefläche Drosselberg bis 2036 fest.