
Osnabrück/Eberswalde. Extremwetter wie die aktuellen Rekordtemperaturen inklusive langanhaltender Hitzeperioden könnte infolge des Klimawandels künftig zunehmen – mit Gefahren nicht nur für die menschliche Gesundheit, sondern auch mit erheblichen Risiken für die Landwirtschaft. Denn die Hitze macht neben den Tieren besonders den Ackerböden zu schaffen. Ein möglicher Ausweg: Bäume und Sträucher in Agrarlandschaften für ein kühleres Mikroklima. Die Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde (HNE) forscht an Methoden zum optimalen Miteinander von Gehölzen und Ackerland – mit rund 295.000 Euro Förderung der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU). Ein erster Feldtag stellt das Konzept am Donnerstag, 16. Juli, bei einem Partnerbetrieb in Sachsen-Anhalt vor.
Rückkehr zur einst üblichen Vermischung von Forst- und Agrarflächen
Die Dürregefahr wird in Deutschland zur großen Herausforderung für landwirtschaftliche Betriebe. DBU-Generalsekretär Alexander Bonde: „Eine funktionierende Landwirtschaft ist essenziell für eine intakte Gesellschaft und gleichzeitig Lebensgrundlage der Landwirtinnen und Landwirte.“ Daher müsse die Branche finanzierbar und niedrigschwellig für die Folgen des Klimawandels gewappnet werden. Die Hochschule Eberswalde arbeitet an einer solchen Lösung: die einst übliche Vermischung von Forst- und Agrarflächen, auch Agroforst genannt. Laut Projektmitarbeiterin Leonie Steinherr hatte der Strukturwandel in der Landwirtschaft auf vielen Agrarflächen die Entfernung von Hecken und Bäume zur Folge – die „Ausräumung von Landschaften“. „Die gezielte Umkehr dieses Trends kann die Dürregefahr auf Äckern reduzieren“, so Steinherr. Das Projekt der HNE entwickle dafür Empfehlungen zur Gehölzauswahl und zu Anpflanzmethoden.

Kühlende Wirkung auf das Mikroklima
Das Wachstum von Bäumen und Sträuchern auf und neben Feldern bewirkt Steinherr zufolge mehrere positive Veränderungen: „Die Pflanzen sorgen für ein kühleres Mikroklima auf den Feldern. Zudem binden sie Wasser und verhindern die Winderosion der Erde, einerseits durch Wurzelwerk, andererseits als Windschutz.“ Wichtige Nährstoffe verbleiben so auf den Äckern. Außerdem hat die Ausräumung von Agrarlandschaften nach Steinherrs Worten der Artenvielfalt stark geschadet. „Das Anpflanzen unterschiedlicher Gehölze bietet wieder mehr Nahrung und Lebensräume für Tiere, insbesondere Insekten“, so Steinherr. Eine zurückkehrende Biodiversität könne ebenfalls einen positiven Einfluss auf das Wachstum von Nutzpflanzen haben.
Walnuss, Esskastanie und Maulbeere auch landwirtschaftlich nutzbar

Die HNE-Forschenden arbeiten mit drei Landwirtschaftsbetrieben in Brandenburg und Sachsen-Anhalt zusammen. Steinherr: „Für die historisch bedingt besonders großen Betriebe und Agrarlandschaften im Osten Deutschlands können Dürren schnell verheerende Folgen haben.“ Übertragbar seien die Ergebnisse des Projekts mit regionalen Anpassungen auch deutschland- und europaweit. „Knapp 650 Bäume pflanzen wir bei diesen drei Betrieben an – vor allem Walnuss- und Maulbeerbäume sowie Esskastanien“, so Steinherr. Der Clou an diesen Arten: „Neben ihren positiven Effekten auf Mikroklima und Biodiversität sind alle auch landwirtschaftlich nutzbar“, erklärt die Eberswalder Forscherin. Walnüsse und Esskastanien könnten geerntet und als Lebensmittel verkauft werden, die proteinreichen Maulbeerblätter seien für Tierfutter geeignet. „Müssen die Bäume gefällt werden, steht hochwertiges Holz zur Verfügung“, ergänzt Steinherr. Dies alles reduziere finanzielle Hürden bei der Umstellung auf Agroforstwirtschaft. Die Projektmitarbeiterin weiter: „Die Landwirte müssen bei der Transformation der Landwirtschaft mitziehen können. Deshalb präsentieren wir unsere Forschungsergebnisse möglichst einfach umsetzbar per Leitfaden, Erklärvideos und wissenschaftlichen Publikationen.“ Auch in die Lehre für angehende Landwirte an der HNE fließe der Agroforst-Ansatz bereits ein. Steinherr: „Auf dem Feldtag in Balgstädt (Sachsen-Anhalt) am 16. Juli können Interessierte das Konzept Agroforst direkt vor Ort kennenlernen.“ Weitere Feldtage sollen folgen.
Biodiversität und Bodenfruchtbarkeit Nutznießer von Agroforst
Das Konzept Agroforst ist laut der zuständigen DBU-Referentin Dr. Melanie Kröger in den letzten Jahren zunehmend in der Branche bekannt geworden. Allerdings mangele es bislang noch an der praktischen Umsetzung. „Die vielseitige Wirkung von Bäumen und Sträuchern auf Äckern kann die Folgen des Klimawandels abfedern. Mikroklima, Biodiversität und Bodenfruchtbarkeit profitieren gleichermaßen“, so Kröger. Agroforst müsse aufgrund der Wachstumsdauer der Bäume langfristig geplant werden – weshalb eine einfache und zeitnahe Realisierung wichtig sei. Hier hat das HNE-Projekt laut Kröger durch das Aufzeigen effektiver Anbaumöglichkeiten und finanzieller Perspektiven bei Landwirten Überzeugungskraft. „Agroforst kann Landwirtschaft in Zeiten des Klimawandels krisenfester machen“, sagt die DBU-Referentin.
Bei fachlichen Fragen: (AZ 38701/01): Leonie Steinherr, Tel. +49 172 7254306