
Mellrichstadt. Blütenbunte Wiesen wiegen sich auf der DBU-Naturerbefläche Mellrichstadt im sanften Wind. Den hohen naturschutzfachlichen Wert der offenen Landschaft hat ein Team des DBU Naturerbes, einer Tochtergesellschaft der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) und Flächeneigentümerin, erneut nachgewiesen. Zurückzuführen sei er im Wesentlichen auf magere Böden, naturverträgliche Bewirtschaftung und Störungsarmut.
Lockere Wiesen mit flatterigen Gräsern und blütenreichen Kräutern
Durch lichte Wälder, entlang grüner Bachtäler und über sanfte Hügel führt die kurvenreiche Straße von der Autobahn A7 nach Mellrichstadt, einer Kleinstadt am Fuße der Rhön in Unterfranken. Das Ziel: eine nach der Stadt benannte drei Kilometer westlich des Ortes gelegene DBU-Naturerbefläche. Bereits am Eingang der Liegenschaft wiegen sich im sachten Wind wie zum Willkommen rund 40 Zentimeter hohe Windröschen mit ihren großen, weißen Blüten. „Anemone sylvestris“, nennt Dr. Roland Schröder, Flächenbetreuer im DBU Naturerbe, den wissenschaftlichen Namen der Pflanzenschönheit. In Deutschland gilt sie als selten und gefährdet. „Ihre typischen Lebensräume, wie Waldränder im Übergang zu Kalk-Magerrasen, sind durch intensive Landnutzung vielfach verschwunden“, so Schröder. Ein würziger Duft liegt in der Luft, im Hintergrund ruft ein Kuckuck. Und im Gegensatz zu den eintönig gelb blühenden Rapsfeldern und den braunen Äckern der umgebenden Landschaft sind nun lockere Wiesen mit flatterigen Gräsern und blütenreichen Kräutern zu sehen. Die schauen sich Schröder und seine Kolleginnen und Kollegen in den nächsten Tagen genauer an. Ihr Arbeitsauftrag: Biotoptypenkartierung – eine flächendeckende Erfassung, Bewertung und Dokumentation der Pflanzenarten-Zusammensetzung mit Standort- und Strukturmerkmalen sowie der Biotoppflege in einem bestimmten Gebiet.
Erhalt der Lebensbedingungen für Biodiversität dringend nötig

Das Team beginnt, auf einer bunten blütenreichen Wiese, die gefundenen Arten zu benennen: „Sedum acre“, „Pilosella officinarum“, „Bromus erectus“ und „Salvia pratensis“ – wissenschaftliche Namen für Scharfer Mauerpfeffer, Kleines Habichtskraut, Aufrechte Trespe und Wiesen-Salbei. „Wir erfassen im Offenland jede einzelne Pflanzenart, deren Häufigkeit innerhalb eines Biotopes – die sogenannte Deckung – und andere damit zusammenhängende Daten“, sagt Lena Fitzner vom DBU Naturerbe. Biotoptypenkartierung erfolge standardisiert, denn „nur mit einer wissenschaftlich fundierten Datengrundlage“ seien ihr zufolge „Veränderungen und Gefährdungen der biologischen Vielfalt beurteilbar“. Auf die Frage, warum das wichtig ist, erklärt Fitzner: „Seit der Übertragung im Jahr 2015 gehört die Fläche zum DBU Naturerbe“, so Fitzner. Seitdem trägt die Stiftungstochter Verantwortung für den naturschutzfachlichen Zustand. Der ließe sich Fitzner zufolge etwa durch die Methode prüfen. Zudem stehe der Erhalt der Biotope im Naturerbe Mellrichstadt aufgrund von zwei überlappenden Natura-2000-Schutzgebieten im Zusammenhang mit Naturschutzzielen der Europäischen Union (EU). „Unser Ziel ist es, die Lebensbedingungen für die Biodiversität hier zu erhalten oder sogar zu verbessern“, so Fitzner. Das sei dringend nötig, denn unlängst hatte die Initiative „Faktencheck Artenvielfalt“ allein für Deutschland festgestellt, dass 69 Prozent der Biotoptypen im Offenland als langfristig gefährdet gelten, 80 Prozent davon zeigen eine negative Entwicklungstendenz. Auch die an diese Lebensräume gebundenen Arten zeigen der Initiative zufolge größtenteils die gleichen ungünstigen Trends.

376 Pflanzenarten auf 82,7 Hektar Biotopfläche kartiert
In Mellrichstadt geht es den Kartierenden dieses Jahr jedoch um mehr als eine Momentaufnahme. Im Jahr 2016 wurde die rund 200 Hektar große Naturerbefläche schon einmal kartiert. „Zehn Jahre später wollen wir prüfen, ob sich die Naturschutzmaßnahmen der vergangenen Jahre bewährt haben“, sagt Jan Felix Schneider vom Naturerbe-Team, der ebenfalls vor Ort ist. „Monitoring nennt sich das“, sagt er und schaut auf sein Tablet. In einer speziell entwickelten Software-Anwendung, der sogenannten „Namis Biotop-App“, hakt er jede gefundene Pflanzenart ab, die 2016 bereits gelistet wurde, und fügt neue hinzu. Allein auf einem nur zwei Handballfelder großen sogenannten Kalkmagerrasen kommt er auf 88 Arten – 34 mehr als 2016. Für die DBU-Naturerbefläche Mellrichstadt konnte das Monitoring-Team des DBU Naturerbe insgesamt eine Verbesserung des Managementzustands feststellen. Am Ende der Kartierungswoche waren insgesamt 82,7 Hektar Biotopfläche kartiert. Das entspricht einer Flächengröße von rund 115 Fußballfeldern. Darauf sind 376 Pflanzenarten gelistet, davon 124 Arten, welche landes- oder bundesweit auf der Roten Liste geführt werden. Stark gefährdet sind etwa verschiedene Orchideenarten, die Gewöhnliche Spinnen-Ragwurz und das Flammen-Adonisröschen gelten in Bayern sogar als vom Aussterben bedroht. „Die DBU-Naturerbefläche Mellrichstadt ist ein Juwel für die Biodiversität“, so Schneider. In Europa seien ihm zufolge etwa die hier vorkommenden, sehr artenreichen Kalkmagerrasen mittlerweile selten geworden und deshalb durch die Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie der EU geschützt.
Bemerkenswerte Artenvielfalt durch extensive Nutzung
Dass sich im Naturerbe Mellrichstadt diese bemerkenswerte Artenvielfalt durch extensive Nutzung entwickelt und erhalten hat, ist unter anderem historisch begründet, so Schröder. Bis Ende des 19. Jahrhunderts beweideten Schafe das Gelände, zwischendurch erfolgte umweltschonender Ackerbau und von 1962 bis 2006 hielt der Panzerübungsbetrieb die Flächen offen – ohne Einsatz von Dünge- und Pflanzenschutzmitteln. Seit der Übertragung ins DBU Naturerbe mäht ein Landwirt einmal im Jahr die Wiesen und schafft das Mahdgut weg, „damit der Boden nährstoffarm bleibt“, sagt Schröder. Besonders arten- und strukturreich sind ihm zufolge jedoch die Magerrasen, die von Ziegen mit ihrer wählerischen Fressweise beweidet werden. „Die sind deutlich krautreicher und sehen etwa mit dem lilafarbenen Wiesen-Salbei und den violetten Tauben-Skabiosen buntblumiger aus,“ so Schröder. Auch der Orchideenreichtum mit Bocks-Riemenzunge und verschiedenen Knabenkräutern sei spektakulär. Naturschonende Bewirtschaftung und Störungsarmut gehören im DBU Naturerbe zu den Erfolgsfaktoren für den Erhalt der biologischen Vielfalt im Offenland. Gemeinsam mit dem Bundesforstbetrieb Reußenberg als Ansprechpartner vor Ort setzt das DBU Naturerbe zahlreiche Maßnahmen um, die zuvor oft umfangreich geplant werden.


