Im Boden findet der Begriff Anthropozän seinen Ursprung: Er verweist auf materielle Spuren menschlicher Aktivitäten in den geologischen Ablagerungen des Planeten. Als Bezeichnung eines neuen Erdzeitalters, definiert durch den geologisch messbaren anthropogenen Einfluss, betont das Konzept zwar die tiefgreifende Umgestaltung der Erde, lenkt die Aufmerksamkeit jedoch bislang kaum auf jene dünne Lebensschicht, „von der unser Leben abhängt [und die] kontaminiert, erodiert, ausgetrocknet, verbrannt, explodiert, überflutet und weltweit verarmt ist“ (Ros; Sheikh 2018, S. 163). Die verschiedenen Lebensformen sind in ihren alltäglichen Subsistenzbeziehungen auf Böden angewiesen und durch sie miteinander verbunden – dennoch bleiben Böden in Wissenschaft, Politik und Öffentlichkeit weitgehend unsichtbar. Ihre fortschreitende Degradierung sowie ihre Wahrnehmung als bloße Ressource haben in den Geistes- und Sozialwissenschaften bislang nur wenig Beachtung gefunden.
Das Dissertationsprojekt versteht sich als kultur- und medienwissenschaftliche Analyse, die zu einem erneuerten Bodenbewusstsein beitragen will. Es fragt, wie wissenschaftliche, praktische und künstlerische Wissensformen über Böden miteinander verflochten werden können, um neue Wege des Wahrnehmens, Kommunizierens und Handelns zu eröffnen. Ziel ist es, die Rolle audiovisueller Kulturen in der Entwicklung eines solchen Bewusstseins zu untersuchen – insbesondere dort, wo audiovisuelle Kunst die Interaktion der Gesellschaft mit Böden neu imaginiert.
Das Projekt gliedert sich in drei qualitative Analyseteile:
Der erste Teil beleuchtet wissenschafts- und kulturgeschichtliche Entwicklungen, die zum heutigen Status quo der Bodendegradierung geführt haben. Bei der Untersuchung von Bodenwissenskulturen liegt ein besonderer Fokus auf der historischen Entwicklung der Bodenkunde im deutschsprachigen Raum und der Frage, wie sich Boden-Narrative in Kunst und Wissenschaft gegenseitig beeinflusst haben.
Der zweite Teil widmet sich zeitgenössischen künstlerischen Arbeiten, die als kritische und imaginative Gegenentwürfe zu dominanten Bodenverständnissen gelesen werden können. Hier wird untersucht, wie audiovisuelle Kunst, die in Kulturen, Politiken und Repräsentationssystemen eingebettet ist, neue Formen des In-Relation-Tretens mit unsichtbaren Bodenökologien, ihren Services und Prozessen ästhetisch entwirft.
Der dritte Teil greift unterschiedliche Theorien diskursanalytisch auf und diskutiert, wie die Verbindung solcher künstlerischer und wissenschaftlicher Perspektiven zu einem Paradigmenwechsel beitragen kann – hin zu neuen ethischen, politischen und gesellschaftlichen Zugängen zum Boden.
Von der Annahme ausgehend, dass visuelle Kulturen entscheidend prägen, wie ökologische Krisen wahrgenommen und verhandelt werden, basiert die Dissertation auf einem Korpus zeitgenössischer audiovisueller Darstellungen lebendiger Böden und Mensch-Boden-Verflechtungen. Diese Produktionen stellen eine relevante Quelle kreativer Imaginationen dar, die „kritische Fragen zum Gebrauch, dem Missbrauch und der Bewirtschaftung und Kultivierung des Bodens“ (Toland, 2015, S. IV) aufwerfen können. Sie eröffnen Resonanzräume, in denen wissenschaftliche Erkenntnisse, politische Diskurse und öffentliche Meinungsbildung dynamisch miteinander in Austausch treten.
Alexandra Tolands Vorschlag einer relationalen Pedologie folgend, in der „die Bodenkunde zu einem Akteur der kulturellen Produktion [wird, während die Kunst zu] einem Partner in der Wissensproduktion und –vermittlung“ (Toland, 2015, S. VII) avanciert, zielt die interdisziplinäre Arbeit darauf ab, verschiedene Wissensressourcen miteinander zu verknüpfen. Damit trägt sie zur inter- und transdisziplinären Erweiterung der Bodenkunde bei und zeigt, wie die Geistes- und Medienwissenschaften zur politischen, kulturellen und ethischen Wiedereinbettung von Gesellschaften in Böden beitragen können. Denn die Ontologien der Böden und die Art, wie wir diese denken, bestimmen, wie wir sie pflegen und was aus ihnen wird.