Rüm Hart - Stiftung der Familie Janssen
Sandheide 41
21149 Hamburg
Seegraswiesen zählen zu den produktivsten und ökologisch wertvollsten Lebensräumen der Ostsee. Sie bieten Wirbellosen und Fischarten Nahrung, Schutz, Laichplätze und Kinderstuben, stabilisieren den Meeresboden, mindern Erosion, verbessern die Wasserqualität und binden Kohlenstoff. Zugleich sind sie durch Eutrophierung und Lichtmangel, Sedimentumlagerungen, mechanische Störungen, intensive Küstennutzung und zunehmenden Hitzestress stark gefährdet. Für die westliche Ostsee wird der Verlust gegenüber der potenziellen historischen Ausdehnung auf rund 51 Prozent geschätzt. Auch vor Fehmarn sind ehemals bewachsene Flächen heute vegetationsarm oder nur noch mit Restbeständen besiedelt.
Die Wiederherstellung wird durch den hohen Personal-, Zeit- und Kostenaufwand manueller Pflanzungen und Erfolgskontrollen gehemmt. Bei der Bestandsaufnahme besteht zudem eine methodische Lücke zwischen großflächigen, aber wenig detailreichen Satellitendaten und präzisen, jedoch aufwendigen Tauchkartierungen. Effiziente, standardisierte und skalierbare Verfahren zur Standortbewertung und langfristigen Erfolgskontrolle fehlen. Neu angelegte Bestände sind außerdem durch Ankerwurf, Bootsverkehr und Freizeitnutzung gefährdet.
Das dreijährige Vorhaben „BLUE MEADOWS Fehmarn – Seegrasrenaturierung in der Ostsee“ will daher jährlich rund 80.000 Seegrastriebe und insgesamt etwa 21.000 m² Seegraswiesen an geeigneten Standorten vor Fehmarn wieder ansiedeln. Damit sollen Küstenlebensräume wiederhergestellt, Biodiversität und Fischbestände gefördert, Sedimente stabilisiert sowie die Funktionen der Wiesen für Wasserqualität, Küstenschutz und Kohlenstoffbindung gestärkt werden. Ergänzend werden Schutzmaßnahmen wie die Kennzeichnung junger Pflanzflächen mit Mooringbojen und gezielte Umweltinformation erprobt.
Innovativ ist die Verbindung praktischer Renaturierung durch ein dauerhaftes Netzwerk geschulter ehrenamtlicher Naturschutztaucherinnen und -taucher mit einer dreistufigen Monitoring-Kaskade aus Satelliten-, Drohnen- und Unterwasserdaten. Wasserlandefähige Drohnen schließen die Lücke zwischen Fernerkundung und Vor-Ort-Kontrolle. Eine KI-basierte Bildanalyse soll Seegras automatisch erkennen, Bestände bewerten, geeignete Pflanz- und Spenderstandorte identifizieren und Entwicklungen über mehrere Jahre vergleichen. Werkzeuge und Daten werden offen bereitgestellt. So entsteht ein kosteneffizienter, übertragbarer und skalierbarer Modellansatz für weitere Renaturierungsvorhaben in der Ostsee.
Das Vorhaben wird von 2027 bis 2029 in jährlich wiederkehrenden, aufeinander aufbauenden Phasen umgesetzt; Abschluss und Gesamtauswertung erfolgen Anfang 2030. Zu Jahresbeginn werden Pflanzflächen und Spenderwiesen mit Tauchgängen sowie Luft- und Unterwasseraufnahmen untersucht. Bestandsdichte, Vitalität, Sediment und Wassertiefe bilden die Grundlage für Auswahl, Genehmigungen und Einsatzplanung. Zwischen Mai und Mitte Juli folgen die Pflanzaktionen. Geschulte ehrenamtliche Naturschutztaucherinnen und -taucher entnehmen freigegebene Triebe schonend aus Spenderwiesen, bereiten sie vor und pflanzen sie in festgelegten Abständen auf vegetationsarmen Flächen ein. Pro Jahr sollen rund 80.000 Triebe auf etwa 7.000 m² ausgebracht werden, insgesamt auf rund 21.000 m².Im Spätsommer werden Anwuchs, Triebdichte, Ausdehnung und Vitalität kontrolliert und Flächen für das Folgejahr sondiert. Das Monitoring verbindet drei Ebenen: Satellitendaten zeigen regionale Entwicklungen, wasserlandefähige Drohnen liefern hochauflösende Luftbilder und Unterwasseraufnahmen, Tauchteams überprüfen die Befunde vor Ort. KI-basierte Klassifikations- und Segmentierungsverfahren sollen Seegras automatisiert erkennen, die Eignung von Pflanz- und Spenderflächen bewerten sowie Wachstum und Resilienz in Zeitreihen untersuchen. Die Resultate fließen jeweils in die Planung des Folgejahres ein. Parallel werden junge Bestände durch Markierungen und Mooringbojen vor Ankerwurf und Freizeitnutzung geschützt. Informationsangebote sensibilisieren lokale Nutzer. 2029 werden alle Flächen vergleichend bewertet; Anfang 2030 folgen KI-Gesamtauswertung, Handlungsempfehlungen, Verstetigungskonzept sowie die offene Bereitstellung von Daten und Werkzeugen. Die Rüm Hart-Stiftung steuert als Bewilligungsempfängerin die Fördermittelverwaltung, Berichterstattung, Öffentlichkeitsarbeit und den Wissenstransfer. Lake Diver Hannover e. V. organisiert die ehrenamtlichen Teams und verantwortet Tauch-, Pflanz- und Monitoring-Einsätze einschließlich Logistik und Datenerhebung. Standortwahl und Methoden werden mit GEOMAR und der CAU Kiel abgestimmt. Über den Stand der Praxis hinaus geht die Verbindung von Citizen Science und Renaturierung mit Satelliten-, Drohnen- und Unterwasserdaten sowie KI-Auswertung. Sie reduziert Kosten, Tauchaufwand und Eingriffe, verbessert Vergleichbarkeit und Skalierbarkeit und schafft einen übertragbaren Ansatz zur Wiederherstellung ökologisch wertvoller Küstenlebensräume.