Artenschutzmanagement gGmbH
Brühlhof 2
70794 Filderstadt
Die Weinwirtschaft steht am Beginn einer längerfristigen Krise, die zu Betriebsaufgaben und dem Brachfallen größerer Flächenanteile in allen deutschen (und europäischen) Reblandschaften führt. Neben mangelnder Rentabilität und rückläufigem Weinkonsum treffen die Folgen der Klimakrise mit häufiger werdenden Extremwetterereignissen die Winzerinnen und Winzer auf den meist ohnehin schon schwierig zu bewirtschaftenden Flächen hart. Damit sind im Gegensatz zu bisher plötzlich insbesondere steile, zunehmend aber auch flache Weinbergslagen für Naturschutzzwecke verfügbar. Das birgt Chancen für eine nachhaltige Landschaftsentwicklung: Die aus Sicht des Artenschutzes häufig sehr wertvollen Flächen bieten aufgrund der trockenwarmen Bedingungen und der kulturhistorischen relevanten Bewirtschaftung in der Vergangenheit vielen Tier- und Pflanzenarten einen einzigartigen Lebensraum. Auch aus Sicht der Bevölkerung ist es ein großes Anliegen, dass die Weinberge weiterhin als mehr oder minder „offene“ Kulturlandschaft wahrgenommen werden können und die Bewirtschaftung der angrenzenden, noch in Nutzung befindlichen Weinberge nicht durch Sukzession erschwert wird. Nachdem die Artenschutzmanagement gGmbH im Kochertal bereits Weinberge für den Artenschutz bewirtschaftet, möchte sie nun auf den mittels Spende übertragenen Flächen in Talheim/Horkheim exemplarisch aufzeigen, wie man mit den brachfallenden Weinbergen umgehen kann, um sie vor Sukzession zu schützen und die wertvolle Artenvielfalt der Lebensräume zu erhalten. Dazu sollen verschiedene Pflegemaßnahmen vergleichend umgesetzt und die Effektivität der Maßnahmen mittels Arterfassung (Durchführung durch die Arbeitsgruppe für Tierökologie und Planung GmbH) überprüft werden. Eine begleitende sozioökonomische Analyse durchgeführt von der Hochschule Geisenheim Uniersity wird sich damit befassen, ob die Maßnahmen ökonomisch tragfähig sowie gesellschaftlich akzeptiert sind.
Start der Maßnahmen im Herbst 2026:
Flächenkomplex I: Abschieben von Oberboden und Einsaat regionalen Saatguts. Mit dem Erdmaterial der abgeschobenen Fläche soll ein Wall mittig in der Parzelle aufgebaut werden (Funktionen: eine als „beetle banks“ bekannte Struktur, Nistgelegenheit für Wildbienen). Flächenkomplex II: Bodenbearbeitung und Einsaat regionalen Saatguts. Flächenkomplex III: Als Vergleich zu den Einsaatflächen soll hier keine Einsaat vorgenommen werden.
In den Folgejahren erfolgen auf Flächenkomplex I-III zeitlich (z.B. überjährig stehende Vegetation), räumlich und fachlich (Beweidung, Mahd und Abräumen tlw. in Kombination mit Bodenbearbeitung) gestaffelte Pflegemaßnahmen jeweils in unterschiedlicher Form, welche der Förderung eines Blühaspekts über die gesamte Vegetationsperiode hinweg sowie der Sicherstellung eines regelmäßigen Neuentstehens vielerorts im Mangel befindlicher früher Sukzessionsstadien in Form von überjähriger Vegetation mit wichtigen Nist- und Überwinterungsstrukturen für eine Reihe von Insektenarten dienen.
Durch semiquantitative Arterfassungen von ausgewählten Insektengruppen (voraussichtlich Laufkäfer, Tagfalter und Widderchen, Wildbienen und solitäre Wespen, Heuschrecken sowie Zikaden) und Pflanzengesellschaften in den Jahren 2026 und 2029 lassen sich die ökologische Qualität der Flächen zu Beginn der Maßnahmenumsetzung sowie im weiter fortgeschrittenen Zustand ermitteln, um den Erfolg der Maßnahmen zu überprüfen.
Im Rahmen des Projekts soll eine sozioökonomische Analyse erfolgen, die das Projekt sowie die durchgeführten Maßnahmen begleitet: Zur Abschätzung einer langfristigen wirtschaftlichen Tragbarkeit der vorgesehenen naturschutzfachlichen Aufwertungsmaßnahmen soll eine Kostenschätzung der anfallenden Investitionen und Pflegemaßnahmen erfolgen. Es werden qualitative Befragungen und Interviews mit zentralen Akteuren zur Einschätzung der aktuellen und potenziellen Nutzung, zur Akzeptanz biodiversitätsfördernder Maßnahmen und zum Erhalt der weinbaulich geprägten Kulturlandschaft durchgeführt. Im Ergebnis werden vor dem Hintergrund der Resultate aus oben genannten Studien sowie durch Modellrechnungen, einer Dokumenten- und Literaturanalyse (z.B. vergleichbare Projekte) und einer SWOT-Analyse Empfehlungen für politische und planerische Entscheidungen sowie für Weinbaubetriebe formuliert.