Christian-Albrechts-Universität zu Kiel
Geographisches Institut
(Room 03.005)
Ludewig-Meyn-Str. 8
24118 Kiel
Der Schutz der Meere gewinnt angesichts zunehmender Belastungen durch Nutzungskonflikte, Klimawandel und Umweltverschmutzung an Bedeutung – auch auf kommunaler Ebene. Kiel (seit 2020) und Flensburg (seit 2022) sind die ersten Meeresschutzstädte Deutschlands; Lübeck erwägt, nachzuziehen. Auch Kommunen wie Hamburg, Bremen oder Rostock rücken Meeresschutz in den Fokus.
Bisher lag der Schwerpunkt vor allem auf ökologischen und technologischen Aspekten. Doch Meeresschutz ist mehr als Ökologie und Technologie – er ist auch eine Frage der Gerechtigkeit. Nicht alle Bevölkerungsgruppen haben den gleichen Zugang zu Bildungs- und Beteiligungsangeboten oder die Möglichkeit, eine persönliche Verbundenheit zum Meer zu entwickeln. Ihre Interessen und Bedürfnisse werden nicht gleichberechtigt berücksichtigt. Zudem profitieren Menschen unterschiedlich von Meeresschutzmaßnahmen und sind ungleich in Informations- und Entscheidungsprozesse eingebunden.
Das Konzept eines sozial gerechten Meeresschutzes – auch Meeresgerechtigkeit genannt – ist in der kommunalen Praxis und in öffentlichen Debatten bislang kaum verankert. Ein langfristig wirksamer und gesellschaftlich tragfähiger Meeresschutz zur Erreichung von SDG 14 und der Klimaziele gelingt jedoch nur, wenn ökologische, technologische und soziale Dimensionen zusammengedacht werden. Notwendig ist ein integrativer Ansatz, der gerechte Teilhabe, Anerkennung und Zugang zu Problem- und Handlungswissen sowie Fragen nach Inklusion, Macht und Chancengleichheit systematisch berücksichtigt.
Das Vorhaben richtet den Blick auf die soziale Dimension im Meeresschutz. Dabei dient das mehrdimensionale Konzept der Meeresgerechtigkeit als Analyserahmen. Am Beispiel der Meeresschutzstadt Kiel wird untersucht, wie Kommunen Meeresschutz sozial gerecht gestalten und damit einen transformativen Beitrag leisten können. Durch die Einbindung kommunaler Akteur:innen und verschiedener Bevölkerungsgruppen wird sichtbar, wer Zugang zu maritimen Räumen und Beteiligungsprozessen hat – und wer bislang außen vor bleibt, und warum dies der Fall ist.
Die Projektziele sind:
– Identifizierung und Analyse bestehender sowie absehbarer Ungerechtigkeiten im kommunalen Meeresschutz,
– Entwicklung eines Praxisleitfadens für Kommunen mit konkreten Handlungsfeldern, Strategien und Rahmenbedingungen zur Förderung von Meeresgerechtigkeit,
– Förderung von Dialog, Vernetzung und Bewusstsein für soziale Gerechtigkeit im Meeresschutz durch Öffentlichkeitsarbeit.
Das Vorhaben basiert auf einem qualitativen, interpretativ-verstehenden Forschungsansatz. Durch problemfokussierte Interviews mit narrativen Sequenzen sowie teilnehmende Beobachtung wird ein fundiertes Verständnis lokaler Perspektiven und Bedarfe in Bezug auf sozial gerechten Meeresschutz gewonnen. Befragt werden Personen aus kommunaler Verwaltung, Zivilgesellschaft, Kultur, Wirtschaft, Politik sowie Wissenschaft und Bildung.
Das Vorhaben gliedert sich in drei Arbeitsphasen: Grundlagenphase (Recherche und Vernetzung), empirische Phase (Datenerhebung und -analyse) sowie Verstetigungsphase (Synthese der Ergebnisse und Entwicklung des Praxisleitfadens). Begleitend erfolgt kontinuierliche Öffentlichkeitsarbeit zur Sichtbarmachung des Projektes und seiner Ergebnisse.
Der Praxisleitfaden als zentrales Projektergebnis bietet Kiel, Flensburg und weiteren im Meeresschutz engagierten Kommunen Impulse, Orientierung und ein praxisnahes Instrument für einen integrativen und sozial gerechten Meeresschutz.
Die ERWARTBAREN Projektergebnisse lassen sich in Output (unmittelbare Ergebnisse) und Outcome (mittelbare Ergebnisse) unterteilen. Der Output umfasst den Praxisleitfaden. Der Outcome beschreibt langfristige qualitative Effekte, die sowohl aus der Projektarbeit als auch aus der Anwendung des Leitfadens resultieren:
Zuwachs an Problem-, Fach- und Handlungswissen: Kommunen und Bewohner:innen haben ein größeres Bewusstsein für Meeresschutz und Meeresgerechtigkeit und wissen, wie sie in ihren jeweiligen Verantwortungs- und Handlungsbereichen zum Meeresschutz beitragen können.
Beitrag zur Umweltentlastung: Kommunen fördern einen sozial gerechten Meeresschutz, der durch die Teilhabe aller Bevölkerungsgruppen die Entlastung der Meere und Küste stärkt (z. B. klimaschonendes Verhalten, reduzierter Plastikverbrauch, meeresfreundliche Ernährung).
Stärkung von Dialog, Austausch und Vernetzung: Es bestehen weitreichende kommunale Netzwerke im Bereich Meeresschutz und Gerechtigkeit. Das Wissen über Handlungsfelder und Schlüsselakteur:innen schafft Synergien und ermöglicht koordinierte, wirkungsvolle Maßnahmen auf lokaler Ebene.
Schaffung institutionalisierter Strukturen: Dauerhafte Strukturen in der kommunalen Verwaltung fördern einen sozial gerechten Meeresschutz, etwa durch die Benennung von Meeresbeauftragten oder die Einrichtung von Arbeitsgruppen.
Implementierung von Meeresgerechtigkeit: Bei der Umsetzung von Meeresschutz in Kommunen wird langfristig auf soziale Gerechtigkeit geachtet, so dass ökologische Ziele mit fairer Teilhabe und Chancengleichheit verknüpft werden.