Klimaschutz-Unternehmen e. V.
Invalidenstr. 91
10115 Berlin
Die EU und Deutschland arbeiten an Kreislaufwirtschaftsstrategien, um bisher lineare Geschäftsmodelle zu zirkulären zu transformieren. Deutschland hat seit Dezember 2024 eine Nationale Kreislaufwirtschaftsstrategie. Mit einem noch nicht beschlossenen Aktionsprogramm will die Bundesregierung die Strategie umsetzen. Doch in der Praxis sehen Unternehmen Zielkonflikte zwischen Kreislaufwirtschaft und Klimaschutz:
Zirkuläres Wirtschaften kann Reduktionsziele gefährden: Wenn Unternehmen effiziente und langlebige Produkte entwickeln, verlängern sie deren Nutzungsdauer und senken die Emissionen über den gesamten Lebenszyklus. Werden die langlebigen Produkte nachgefragt und mehr produziert, steigen dadurch die unternehmensinternen Emissionen. Haben die Unternehmen sich absolute Reduktionsziele wie Science Based Targets gesetzt, müssen sie ihre Emissionen auch dann senken, wenn sie mehr produzieren. Das heißt durch Kreislaufwirtschaft kann es für Unternehmen schwieriger werden, ihre schon gesetzten, validierten und kommunizierten Einsparziele zu erreichen. Sie riskieren schlechtere Bewertungen oder sogar einen Imageschaden.
Zirkuläres Wirtschaften kann außerdem Probleme mit vorgeschriebenen Recyclingquoten bedeuten: Wenn Unternehmen langlebige Produkte auf den Markt bringen, werden die verbauten Rohstoffe später recycelt. Da sie Recyclingquoten erfüllen müssen, haben Unternehmen wenig Anreize, langlebige Produkte zu entwickeln. Kreislaufwirtschaft kann also in der Praxis die Entwicklung langlebiger Produkte hemmen, obwohl sie genau das zum Ziel hat.
Bei diesen Zielkonflikten setzte das Projekt Wege zum zirkulären Geschäftsmodell an. Die Projektpartner Klimaschutz-Unternehmen und Universität Kassel arbeiteten mit 13 Unternehmen aus verschiedenen Branchen wie Abfall, Kunststoff, Logistik, Medizin, Metall oder Textil zusammen. Bei der Umstellung auf zirkuläre Geschäftsmodelle geht es für Partner und Projektunternehmen nicht um einzelne Abschnitte, sondern den gesamten Lebenszyklus von Produkten. Angefangen bei Idee und Design über Produktion, Nutzung und Reparatur bis zur Rückführung nach Ende der Nutzungsphase.
Das Projekt hatte zum Ziel, mit den teilnehmenden Unternehmen Zielkonflikte und mögliche Lösungsansätze zu analysieren, um daraus Empfehlungen und eine digitale Entscheidungshilfe für Betriebe zu entwickeln, die am Anfang der Transformation zur Kreislaufwirtschaft stehen. Berücksichtigt wurden auch gesetzliche Vorgaben wie der Digitale Produktpass und die CSRD.
Im Verlauf des Projekts betrachteten die Partner Zielkonflikte zwischen Kreislaufwirtschaft und Klimaschutz, die eine Transformation zu zirkulären Geschäftsmodellen für Unternehmen erschweren. Um generelle Konflikte und konkrete Herausforderungen bei der Umstellung sowie Potenziale und Lösungsansätze zu erfassen, führten sie eine Umfrage durch und analysierten Informationen der teilnehmenden Unternehmen. Die Ergebnisse nutzten sie für ein digitales Tool und leiteten daraus allgemeine, branchenübergreifende Handlungsempfehlungen zur Umstellung auf zirkuläre Geschäftsmodelle ab. Diese Empfehlungen sollen Unternehmen helfen, die erste Schritte zum zirkulären Wirtschaften gehen wollen.
Genauer untersuchten die Projektpartner die Branchen Kunststoffe, Metalle und Textil mit dem Kunststoffverarbeiter Pöppelmann, dem Oberflächenverzinker ZINQ und dem Textilreinigungsbetrieb Schäfer Mietwäsche. Gemeinsam erarbeiteten sie Maßnahmen und analysierten, wie sie sich auf Klimaschutz und Kreislaufwirtschaft auswirken. Sie überprüften die Maßnahmen außerdem auf ökonomische Machbarkeit. Dabei berücksichtigten sie gesetzliche Vorgaben und bereiteten die Daten so auf, dass die Projektunternehmen sie auch für ihre Nachhaltigkeitsberichterstattung nach CSRD und Digitale Produktpässe (DPP) nutzen können. Zudem entwickelten sie ein Modell für dynamische Materialflussanalysen, das zeigt, wann und in welcher Qualität Rohstoffe nach der Nutzungsdauer für Unternehmen wieder verfügbar sind. Erkenntnisse aus der Zusammenarbeit insbesondere mit diesen drei Unternehmen nutzten die Partner darüber hinaus für eine digitale Entscheidungshilfe, die Betriebe beim Einstieg in die Transformation unterstützt. Dafür verwendeten sie auch die Umfrageergebnisse.
Über die gesamte Projektdauer tauschten sich die Partner regelmäßig mit den Unternehmen aus zu den übergreifenden Themen Kreislaufwirtschaft, Klimaschutz und Berichterstattung. Sie informierten dabei zu aktuellen Erkenntnissen des Projekts, aus Forschung und Politik. Außerdem stellten Projektunternehmen Best Practice vor. Bei diesen Terminen konnten sich die Unternehmen auch untereinander vernetzen.
Das Projekt erreichte sein zentrales Ziel: Eine digitale Entscheidungshilfe zu entwickeln und zusammen mit dem an der Universität Kassel gegründeten Start-up be2morrow zu programmieren. Die erste Version dieses Tools richtet sich an Unternehmen aus den Branchen Kunststoff, Oberflächentechnik sowie Textil. Auf Basis von Unternehmensdaten und Kreislaufwirtschaftsstrategien wie Reparatur, Wiederverwendung oder Recycling macht es Vorschläge zu geeigneten Maßnahmen, die zirkuläre Prozesse voranbringen und auf Klimaschutz einzahlen. Mit der implementieren Bewertungslogik bringt das Tool die Themen Kreislaufwirtschaft und Klimaschutz zusammen, die Politik, Wirtschaft und Gesellschaft bisher oft isoliert betrachten.
Den ursprünglichen Zeitplan passten die Partner an. Denn Materialflussanalysen, Ökobilanzen und Berichterstattung für die näher betrachteten Branchen Kunststoff, Metall und Textil nahmen mehr Zeit in Anspruch. Gleichzeitig konnten sie sich so intensiver mit einzelnen Unternehmen beschäftigen und erarbeiteten detaillierte Ergebnisse zu einzelnen Maßnahmen. Diese Erkenntnisse waren eine gute Basis für die digitale Entscheidungshilfe.
Neben Klimaschutz und Kreislaufwirtschaft bewertet die digitale Entscheidungshilfe auch ökonomische Aspekte. Das Tool ist flexibel: Unternehmen können vordefinierte Standardwerte auswählen oder eigene Daten eingeben. Für neue Berechnungen lassen sich die Werte anpassen. Die Entscheidungshilfe sortiert Maßnahmen immer so, dass Unternehmen direkt erkennen können, welche besonders sinnvoll sind.
Das Tool ist ein Katalysator für die Transformation zur Kreislaufwirtschaft. Es schlägt Unternehmen, die erste Schritte gehen wollen, Maßnahmen vor und sensibilisiert sie für deren Auswirkungen. Das kann Unternehmen helfen, Maßnahmen schneller umzusetzen und die Umwelt zu entlasten. Es kann sie auch administrativ entlasten, denn sie können die Ergebnisse direkt für ihre Berichterstattung wie Produktpässe nutzen. Bis auf weiteres können Betriebe es über eine von be2morrow gehostete Seite kostenlos nutzen.
Nach 18 Monaten intensiver Zusammenarbeit mit den 13 Unternehmen ist die zentrale Erkenntnis des Projekts: Damit zirkuläres Wirtschaften funktioniert und Kreislaufwirtschaft in Deutschland an Fahrt aufnimmt, müssen sich Unternehmen in ihren eigenen und mit anderen Branchen sowie mit Forschung und Politik austauschen, Pilotprojekte starten, Erfahrungen sammeln, zirkuläre Produkte skalieren und zu industrieller Praxis machen.
Informationen zum Projekt, Empfehlungen, Umfrageergebnisse etc. veröffentlichten die Partner auf einer von den Klimaschutz-Unternehmen gehosteten Website. Dort verlinkt ist auch die digitale Entscheidungshilfe. Das Tool kann gerade kleinen und mittelständischen Unternehmen am Anfang der Transformation ihrer Geschäftsmodelle Ideen für Maßnahmen geben und zeigen, was sie für Kreislaufwirtschaft bringen bzw. wie sie sich auf die Umwelt auswirken. Alle Ergebnisse wurden kommuniziert an Presse, Politik auf Bundes- und Landesebene, Verbände, Stiftungen, Initiativen, NGOs, Think Tanks und Behörden. Dafür nutzten die Partner vor allem Kanäle der Klimaschutz-Unternehmen wie Newsletter und LinkedIn. Sie veröffentlichten Artikel zum Projekt und Umfrageergebnissen in IHK-Magazinen oder der VDI-Fachzeitschrift umwelt+energie. Sie präsentierten Inhalte und Projektunternehmen der Öffentlichkeit außerdem bei Veranstaltungen wie Forum Waschen oder einer DPP-Fachkonferenz vom Sachverständigenrat für Verbraucherfragen, dem Klimaschutztag und einer Konferenz der Klimaschutz-Unternehmen in Berlin. Gemeinsam mit der DBU organisierten sie außerdem eine Diskussion zu Kreislaufwirtschaft in der Kunststoffindustrie auf der Fachmesse K.
Projektwebsite bei Klimaschutz-Unternehmen e.V.In den 18 Monaten Projektlaufzeit arbeiteten die Partner konstant auf eine digitale Entscheidungshilfe hin, die bei den berechneten Maßnahmen neben Kreislaufwirtschaft auch Klimaschutz und Kosten berücksichtigt. Eingeflossen sind Ergebnisse der Umfrage zu Zielkonflikten, von Materialflussanalysen und Ökobilanzen. Dafür untersuchten sie, welche Indikatoren aus dem Bereich der Kreislaufwirtschaft das Tool beachten muss und konzentrierten sich nach Rücksprache mit den Unternehmen Rezyklateinsatz und Toxizität bzw. Materialgesundheit. Genauer analysierten sie die für Kreislaufwirtschaft wichtigen Industrien Kunststoffe mit Pöppelmann, Textilien mit Schäfer Mietwäsche und Metalle mit ZINQ. Informationen dieser Unternehmen führten die Partner mit Empfehlungen und Lösungsansätzen aller Projektunternehmen aus der Umfrage zu branchenübergreifenden Handlungsempfehlungen zusammen und nutzten sie für die Programmierung der digitalen Entscheidungshilfe. Zunächst richtet sich das Tool deshalb an Unternehmen aus diesen drei Branchen.
Gespräche mit den Unternehmen sowie mit Akteur*innen aus Forschung und Politik zeigten: Langfristig sollte das Tool neben Indikatoren für Kreislaufwirtschaft und Klimaschutz um weitere Kategorien wie Mikroplastik und andere Branchen ergänzt werden.