Projekt 39606/01

Feasibility study for the project of innovative, sustainable reconstruction of a damaged building in Ukraine

Projektdurchführung

Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft
Fachbereich Architektur
Lehrgebiet Architektur und Ressourcen
Villestr. 3
53347 Alfter

Zielsetzung

Das von der DBU finanzierte Projekt „Feasibility Study for the Innovative, Sustainable Reconstruction of a Damaged Building in Ukraine” wurde über einen Zeitraum von zehn Monaten für den "Mykolaiv Water Hub" (MWH) durchgeführt - eine Organisation, die sich für die nachhaltige Bewirtschaftung der Wasserressourcen in der Region Mykolajiw in der Ukraine einsetzt. In Zusammenarbeit mit: Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft; Stadtrat von Mykolajiw; Wasser Hannover GmbH, GIZ.

Die Stadt Mykolajiw stellte ein Grundstück zur Verfügung, auf dem ein bestehendes Gebäude steht, mit dem Ziel, einen physischen Raum für MWH zu schaffen. Das bestehende Gebäude steht seit mehreren Jahrzehnten leer und ist daher stark verfallen. Die Nutzungsgeschichte des Gebäudes reicht möglicherweise 150 Jahre zurück.

Das Projekt wurde in parallelen Arbeitsabläufen durchgeführt. Zunächst wurde ein partizipativer Planungsprozess mit den zukünftigen Nutzer:innen durchgeführt, insbesondere im Hinblick auf Funktionalität und Nutzung. Gleichzeitig wurde eine forschungsbasierte Planung zu konstruktiven, material- und baurechtlichen Fragen durchgeführt. Das Projekt zielt darauf ab, das bestehende Gebäude zu sanieren, zu erweitern und an die zukünftigen Anforderungen von MWH anzupassen. Besonderes Augenmerk wurde auf nachhaltige Strategien gelegt, wie z. B. die maximale Erhaltung des bestehenden Gebäudes, die Minimierung von Beton und Materialien aus fossilen Quellen sowie die maximale Verwendung natürlicher und/oder recycelter Baumaterialien.

Die Lage des Gebäudes in einer Stadt, die seit Beginn der groß angelegten Invasion im Jahr 2022 unter einer schweren Trinkwasserkrise leidet, sowie seine Nähe zur Frontlinie und zur anhaltenden Kampfhandlungen verdeutlichen die Bedeutung solcher Projekte und die damit verbundenen Herausforderungen. Gleichzeitig steht das Projekt für eine positive, langfristige Entwicklung in der Region.

Arbeitsschritte

Da dieses Projekt mehrere Stakeholder und eine Vielzahl von Nutzer:innen umfasst, wurde für die Organisation des Planungsprozesses ein partizipativer Ansatz gewählt. Im Laufe eines Jahres fanden fünf partizipative Workshops statt. Diese wurden in unterschiedlichen Formaten durchgeführt. Potenzielle Partner und zukünftige Nutzer:innen wurden ebenfalls zur Teilnahme eingeladen. Da dieses Projekt noch keine etablierte Gemeinschaft hatte, war die Suche nach Partnern Teil des Prozesses. Entsprechend dem Charakter dieses Projekts wurden die wichtigsten Entscheidungen im Dialog mit den Stakeholdergruppen getroffen. Für die meisten Teilnehmer:innen war dies die erste Erfahrung mit einem solchen Prozess. Jeder Workshop wurde sorgfältig dokumentiert und in Protokollen zusammengefasst, die allen Teilnehmer:innen zur Verfügung gestellt wurden.

Parallel zum partizipativen Prozess führten wir Recherchen zu Materialien und Techniken durch. In der ersten Phase dieser Recherchen suchten wir nach Möglichkeiten, die bestehende Mauer zu erhalten und sie vor weiteren Wasser- und Feuchtigkeitsschäden zu schützen. Außerdem untersuchten wir alternative Methoden zur Erhaltung der Mauer ohne Betonverstärkung. Darüber hinaus recherchierten wir nach Strategien zur Wiederverwendung von Materialien, die aus baulichen Gründen nicht im Gebäude verbleiben konnten.

In der zweiten Phase wurden lokale Baumaterialien und -techniken untersucht. Dabei wurde besonderes Augenmerk auf die Materialien und Techniken des ehemaligen Stausees von Kachowka gelegt. Zudem wurde eine regionale Analyse der Verfügbarkeit von naturbasierten Materialien und Baustoffen durchgeführt. Auf Basis verschiedener Varianten von Wandkonstruktionen aus natürlichen Materialien führten wir eine Prüfung anhand der Kriterien Verfügbarkeit, Umsetzbarkeit mit lokalen Technologien, Einhaltung der ukrainischen Bauvorschriften und Leistungsfähigkeit durch. Darüber hinaus fand die Suche nach lokalen Partnern statt. In dieser Phase untersuchten wir die Möglichkeit der Wiederverwertung von Bauschutt und dessen Zusammensetzung für diese Art von Gebäuden.

In der letzten Phase untersuchten wir mögliche Baustrategien im Kontext der aktuellen ukrainischen Brandschutznormen, die in der Ukraine sehr streng sind und die Verwendung von biobasierten Materialien erheblich einschränken. Wir verglichen deutsche und ukrainische Normen, um die Unterschiede zu verstehen und in Zukunft eine Sondergenehmigung von den lokalen Behörden zu erhalten.

Ergebnisse

Diese Machbarkeitsstudie wurde in einer Stadt durchgeführt, die unter den schwerwiegenden Folgen eines zerstörten Wasserversorgungssystems, erheblichen Bevölkerungsrückgängen sowie der ständigen Gefahr durch anhaltende Kampfhandlungen leidet. Diese kriegsbedingten Probleme werden durch den Klimawandel noch verschärft, sodass Wasser in der Region zu einer wertvollen und knappen Ressource wird. Trotz dieser Herausforderungen spielt das Projekt eine wichtige Rolle, um positive Veränderungen in der Region zu bewirken und eine Gruppe von Stakeholdern zusammenzubringen.

Dieses Projekt ist Teil der breiteren, globalen Debatte über den Wiederaufbau der Ukraine und leistet einen kritischen Beitrag zur Neubewertung ausbeuterischer Paradigmen im Zusammenhang mit der Nutzung natürlicher Ressourcen in der Bauindustrie. Diese Paradigmen, die größtenteils aus dem kolonialen Erbe des vorigen Jahrhunderts stammen, wurden verinnerlicht und als Teil der lokalen Praxis normalisiert.

Die Entscheidung, den Kachowka-Staudamm als Quelle für lokale Ressourcen in den Mittelpunkt zu stellen, ist nicht nur symbolisch. Sie ist eine strategische Fallstudie, um alternative, lokal verankerte und nachhaltige Ansätze für die Materialnutzung zu untersuchen. Damit versucht dieses Projekt, eine ökologisch und emanzipatorisch ausgerichtete Vision für den Wiederaufbau zu formulieren, indem es sich von überlieferten Formen der Abhängigkeit löst.

Fazit

Als Ergebnis des partizipativen Prozesses, der in fünf Workshops erarbeitet wurde, haben wir ein umfassendes Architekturprojekt erstellt. Dieses berücksichtigt die Wünsche der zukünftigen Nutzer:innen sowie konstruktive und städtebauliche Einschränkungen. Anschließend haben wir die Verwendung lokaler, biobasierter und recycelter Materialien im Rahmen der ukrainischen Vorschriften untersucht, um die am besten geeigneten Lösungen zu ermitteln. Abschließend wurden die Baukosten für die Umsetzung des Projekts geschätzt. Das Projekt stieß bei den Teilnehmer:innen auf großes Interesse.

Unter Berücksichtigung der Herausforderungen, Potenziale und Risiken empfehlen wir, das Projekt fortzusetzen. Dazu sollten weitere Schritte im Genehmigungsprozess mit den lokalen Behörden und Planungspartnern unternommen werden. Parallel dazu sollten weitere Forschungen zu verwandten Themen durchgeführt werden, beispielsweise zu trockenen Bauweisen, der Verwendung von Schilf und schnellwachsenden Baumarten für den Bau sowie der Skalierbarkeit dieses Projekts im ukrainischen Kontext.

Mit der Veröffentlichung der Projektergebnisse wollen wir aufzeigen, dass sich komplexe architektonische Probleme im ukrainischen Kontext mit lokalen, biobasierten und recycelten Materialien lösen lassen. Dadurch wird zudem der Dialog über den grünen Wiederaufbau der Ukraine angeregt und es werden konkrete Lösungsvorschläge unterbreitet.

Übersicht

Fördersumme

43.391,00 €

Förderzeitraum

09.09.2024 - 30.06.2025

Bundesland

Grenzüberschreitend

Schlagwörter

Grenzüberschreitend