Naturhistorisches Museum Wien
1. Zoologie
Burgring 7
A-1010 Wien
Der Klimawandel beeinflusst nicht nur natürliche Ökosysteme auf der Erde, sondern wirkt sich ebenso auf das Klima in Städten und das Innenklima in Gebäuden aus. Dadurch werden auch kulturelle Einrichtungen wie Museen, deren Depots, Bibliotheken, Archive und historische Gebäude beeinflusst. Langanhaltenden Hitzeperioden führen im Sommer zu einem Anstieg der Innenraumtemperatur in Museen. Klimaanlagen, sofern vorhanden, sind für diese hohen Temperaturbereiche oft nicht konzipiert und kommen hier an ihre Grenzen.
Insekten sind von ihrer Umgebungstemperatur abhängig und es ist zu erwarten, dass sie durch die prognostizierten Klimaveränderungen beeinflusst werden. Eine steigende Durchschnittstemperatur und höhere Temperaturmaxima werden vermutlich die Aktivität und auch die Anzahl der Nachkommen erhöhen. Auch neu eingeschleppte Arten in Gebäuden profitieren besonders von diesen Umständen. Schädlinge werden in vielen Museen in Deutschland bereits im Rahmen eines integrierten Schädlingsmanagement durch ein Monitoring überwacht. Es gibt aber keine Auswertung über deren Verbreitung, Häufigkeit und die erhöhten Risiken durch den Klimawandel.
Dieses Projekt untersucht den Einfluss des Klimawandels (höher Durchschnittstemperatur, Temperaturmaxima, extreme Wetterereignisse) auf Museumschädlinge in Museen in Deutschland. Dazu werden in allen Bundesländern und klimatisch unterschiedlichen Regionen in Deutschland möglichst viele Museen, Depots und historische Gebäude ausgewählt und kontaktiert, um Klimadaten und Daten zu vorkommenden Schadinsekten zu sammeln. Für das Innenraumklima in den Gebäuden (Temperatur und Raumfeuchte) soll zur Zeit- und Kostenersparnis auf bereits vorhandene Daten der Museen zurückgegriffen werden. Zusammen mit Klimaprognosen werden die gefundenen Zusammenhänge dazu verwendet, Projektionen von einzelnen Schädlingsarten und unterschiedlichen geographischen Regionen in Deutschland im Hinblick auf den Klimawandel zu erstellen.
Damit soll ein Verfahren etabliert werden, dass das Ableiten von Prognosen einer Befallswahrscheinlichkeit und des Schädigungspotentials ermöglicht, unerwartete Schadensereignisse zu minimieren, die andernfalls massive Gegenmaßnahmen ggf. unter Einsatz chemischer Bekämpfungsmittel erforderlich machen würden. Ziel des IPM in Museen ist es immer einen Schaden an Objekten durch Schädlinge zu vermeiden und als zweiter wichtiger Punkt den Einsatz von chemischen Bekämpfungsmitteln zu vermeiden. -> Beitrag zur Umweltentlastung
Durchgeführte Tätigkeiten / Meilensteine im Zeitraum vom 2.11.2024 bis 30.06.2026:
• Erstellen einer projektbezogenen Artenliste interessanter und neuer Schädlingsarten in Deutschland, mit Abbildungen.
• Erstellen eines Infoblatts für teilnehmende Museen zum Einsatz von Schädlingsfallen im Monitoring (Standort, Position im Raum, Art der Falle, Kontrolle, Rücksendung).
• Verschiedene Institutionen wurden aktiv zur Teilnahme am Projekt eingeladen. Hierzu erfolgten Aufrufe in den Fachzeitschriften Museum Aktuell und Restauro sowie über den Deutschen Museumsbund, ICOM Deutschland und den Verband der Restauratoren. Darüber hinaus wurde zur Projektteilnahme über die Verteiler der Nichtstaatlichen Museen Bayern sowie über die bundesweiten Verteiler der Bibliotheken und Archive in Deutschland eingeladen.
• Kuratierung der Wanderausstellung „Hier nagt nicht nur der Zahn der Zeit Museumskäfer, Motten, Schimmel und der Klimawandel“ und Eröffnung in Wien, München und Görlitz.
• In den vergangenen 24 Monaten wurden 192 Institutionen (Museen, Archive, Bibliotheken etc.) für das Projekts kontaktiert. Davon haben 72 Institutionen die Einladung zur Teilnahme am Projekt angenommen und decken insgesamt 134 Standorte in ganz Deutschland ab. 58 Institutionen haben mit insgesamt 64 verschiedenen Standorten Ihre Klimadaten zur Verfügung gestellt.
• 135 Standorte die Klimadaten und bzw. oder Insektenfallen zur Verfügung gestellt haben.
• Auswertung von über 5000 Insektenfallen von 135 Standorten, die über Deutschland verteilt sind.
• Vortrag bei der DBU-Veranstaltung "Erbe erhalten, Zukunft sichern - Neue Wege der Klimaanpassung" am 8. und 9. Dezember 2025 in der James-Simon-Galerie in Berlin.
• Einreichen der Publikation „Klimawandel und sein Einfluss auf Schädlinge in Museen in Deutschland“ im oekom Verlag in der Reihe „DBU-Umweltkommunikation”.
• Workshop in Kassel am 10.6.2026 zur Präsentation und Diskussion der Ergebnisse (Vorort: 28 Teilnehmer, online: 60 Personen).
• Entwicklung des Online-Rechners zur Klimaklassifizierung (KnowYourClimate).
• Erstellen von Handlungsanleitungen für die Verbesserung des Insektenmonitoring.
• Erstellen von Handlungsanleitungen für Klimamessung und -Auswertung.
• Maßnahmenkatalog für präventive Maßnahmen zur Vermeidung v
Schwerpunkt NHM Wien: Zusendung der Fallen und Auswertung dieser, Entwicklung der Ausstellung
Schwerpunkt Rathgen Forschungslabor Berlin: Sammeln und Auswerten der Klimadaten, Unterstützung bei der Ausstellung
Das Tier mit dem größten Schadpotential und Wahrscheinlichkeit eingeschleppt zu werden (mit Verpackungsmaterialien) ist das Papierfischchen Ctenolepisma longicaudatum, es ist in den letzten Jahren zum häufigsten Schädling neben der Kleidermotte, Staubläusen und diversen Pelzkäfern in Museen, Bibliotheken und Archiven geworden. Es wurde in 71 Standorten und insgesamt über 5440 Individuen gefangen, aber nur in einzelnen Häusern mit einer sehr hohen Anzahl pro Standort, wo ein Befall befürchtet werden muss.
Wir konnten keine klare Zuordnung der Schädlingsarten nach bestimmten Regionen, Gebäudetypen oder Innenklima feststellen, die Konzentration liegt in den Städten, wo auch am meisten Standorte vertreten sind. Vermutlich sind die Datenlage und Anzahl der Standorte für eine solche Zuordnungen zu gering. Die Verbreitungskarten von INaturalist zeigen ähnlicher Ergebnisse.
Nur ein Teil der Museen und Institutionen hat ein regelmäßiges und intensives Monitoring mit Insektenfallen. Hier besteht ein großer Verbesserungsbedarf. In allen Standorten wurden Schädlinge gefunden aber meist nur vereinzelt und es sind vermutlich keine Objekte befallen oder akut gefährdet.
Insekten sind von ihrer Umgebungstemperatur abhängig und werden daher, wenn die Innenräume nicht klimatisiert werden, durch die prognostizierten Klimaveränderungen fördernd beeinflusst. Eine steigende Durchschnittstemperatur und höhere Temperaturmaxima verstärken ihre Aktivität, ihre Entwicklungsdauer verkürzt sich und die Anzahl der Nachkommen ist erhöhen. Neu eingeschleppte Arten profitieren besonders in Gebäuden von diesen Umständen, da sie sich unter den künstlichen Bedingungen der Innenräume besonders anpassungsfähig erweisen.
Der Zusammenhang zwischen Klimawandel, Innenklima und Schädlingen ist aber komplex statistisch nachzuweisen, da die Artenzusammensetzungen von vielen Faktoren abhängen: Geografischer Standort, Stadt-Land, Gebäudetyp, Geschichte der Einschleppung von Tieren, Nahrungsverfügbarkeit, Lebensräume im Gebäude oder Besucherfrequenz. Durch Laborstudien wissen wir aber, dass eine Erhöhung der Temperatur um wenige Grad zu einer deutlich schnelleren Entwicklung der Schädlinge führt. Daher wird sich der Klimawandel auch direkt auf Schädlinge auswirken, besonders in nicht gekühlten Gebäuden. In vollklimatisierten Museen und Depots benötigen die Schädlinge meist ein ganzes Jahr oder länger für ihre Entwicklung, hier sind die Auswirkungen gering.
7. Internationale SiLK-Tagung KULTUR!GUT!SCHÜTZEN!, 2024, James-Simon-Galerie, Berlin,
Beitrag und Aufruf zur Teilnahme in Restauro 2024
Beitrag und Aufruf zur Teilnahme in Museum Aktuell Nr. 301/2024
Präsentation, ,,Notfallverbund österreichischer Museen und Bibliotheken Jahresreffen‘‘ Salzburg,
Präsentation, ,,International Museum Climate Conference Vienna’’, Wien
Vortrag bei der 40 Jahre - ÖRV Tagung in Wien, Dezember 2025
Vortrag bei dem VDR März, 2026
Vortrag beim Projekts-Workshop: ‚Klimawandel und sein Einfluss auf Schädlinge in Museen in Deutschland‘: Neue Vorkommen invasiver Schadinsekten in deutschen Museen - vom Papierfischchen bis zur Amerikanischen Kiefernwanze, Kassel, 2026.
Vortrag beim Projekts-Workshop: Klimawandel und sein Einfluss auf Schädlinge in Museen in Deutschland Kassel, 2026.
Vortrag beim Projekts-Workshop: Classification of the indoor climate conditions of Memory Institutions in Germany, Kassel, 2026.
GEO Ausgabe Nr. 3 vom 20.02.2026 befindet sich ein Artikel mit dem Titel: „Alarmstufe Motte – Wenn der Kammerjäger ins Museum kommt“.
Infos zu dem Projekt: www.museumsschaedlinge.de
Ausblick: Zentraler Forschungsbedarf und zukünftige Entwicklungen
Ergebnisse aus dem Projekt sollen eine Grundlage bilden, um unterschiedliche Gebäudearten besser auf Veränderungen durch den Klimawandel vorzubereiten und biogene Schäden an Objekten nachhaltig zu vermeiden. Bestimmte Gebäudetypen und Schädlingsarten werden vermutlich stärker durch Klimaveränderungen beeinflusst. Insbesondere diese Schädlingsarten gilt es in Museen und anderen Sammlungsgebäuden verstärkt zu kontrollieren und zu vermeiden.
IPM in Museen entwickelt sich weiter und steht durch den Klimawandel und neue Schädlinge vor zusätzlichen Herausforderungen. Die Museumsmitarbeitenden müssen für diese Aufgaben geschult und sensibilisiert werden. Das Forschungsprojekt hat gezeigt, dass das Monitoring mit Fallen nicht standardisiert ist und in vielen Häusern verbessert werden sollte: mehr und bessere Fallen, regelmäßigere Kontrollen und ein regelmäßigerer Austausch sowie Unterstützung bei der Bestimmung der Tiere.
Die Auswertung der Klimaklassifizierung hat gezeigt, dass nur wenige Museen die strengen Vorgaben erfüllen können. Daher sollte in jeder Sammlung kritisch über die Anpassung des Klimakorridors diskutiert werden, um Energie zu sparen und einen nachhaltigeren Museumsbetrieb zu ermöglichen, dies hat nur eine geringe Auswirkung auf die Schädlinge. Hilfreich ist dafür der entwickelte Online-Rechner zur Klimaklassifizierung.