HafenCity Universität Hamburg (HCU)
Henning-Voscherau-Platz 1
20457 Hamburg
Anlass des Projekts ist es, die Potenziale und Herausforderungen neuer sozio-ökologischer Treiber der Gewässerentwicklung, wie Klimaanpassung und Grüne Infrastruktur, in realen Projekten und Planungsprozessen zu untersuchen sowie Gelingensbedingungen für eine integrierte Gewässerentwicklung zu erproben. Die zentrale Fragestellung lautet: Welche sektorübergreifenden Governance-Strukturen, planerischen Prozesse und Instrumente sind erforderlich, um eine multifunktionale Gewässergestaltung im urbanen Kontext in die Umsetzung zu bringen?
Neben dem Wissenstransfer und dem Gewinn übertragbarer Erkenntnisse steht der Praxisbezug im Mittelpunkt des Projekts. Ziel ist es, die Umsetzung bestehender Projekte in Hamburg, Leipzig und Stuttgart „im Huckepack“ durch Planung, Fachberatung und wissenschaftliche Reflektion zu unterstützen und dabei im Tun übertragbare Erkenntnisse zur Optimierung dieser Planungsprozesse zu sammeln. Dieser methodische Ansatz bietet die Möglichkeit, die Umsetzung konkreter Maßnahmen zu beschleunigen und die Praxiserfahrungen für andere Kommunen übertragbar aufzubereiten.
In drei Pilotvorhaben sollen konkrete Herausforderungen, Gelingensbedingungen und Lösungsansätze zu hochaktuellen Handlungsfeldern der urbanen Gewässerentwicklung erforscht und deren Umsetzbarkeit geprüft werden. Die Auswahl dieser Handlungsfelder erfolgte auf der Basis der Analyse strategischer Dokumente der EU, des Bundes, der Länder und der Kommunen sowie Fachverbände und auf Grundlage von Interviews mit Akteur:innen vor Ort.
Die übergeordneten Ziele des Projekts sind, modellhafte interdisziplinäre Gewässerentwicklungsprojekte an Fallbeispielen in Hamburg, Leipzig und der Region Stuttgart zu erforschen und aus lokalen Erkenntnissen wirksame integrierte Planungsmethoden zu entwickeln. Diese sollen mit einer Expert:innen-Begleitgruppe – bestehend aus Vertreter:innen anderer Kommunen, Verbände und Wissenschaft – reflektiert werden. Durch einen breit angelegten Wissenstransfer soll die Verbreitung des Konzepts „Lebendige urbane Gewässerkorridore“ in Deutschland gefördert werden.
Die Fragestellung und Standorte der Pilotprojekte sind:
1. Wassersensible Stadtentwicklung und nachhaltige Regenwasserbewirtschaftung für urbane Gewässer (Pilot Stadt Leipzig)
- Wie kann eine dezentrale Regenwasserbewirtschaftung mit Einleitung in die Oberflächengewässer im urbanen Raum grundstücksübergreifend umgesetzt werden, um die Prinzipien der Schwammstadt erfolgreich zu implementieren?
- Wie können diese Synergien in planerischen Prozessen und Instrumenten weiterentwickelt und langfristig verfestigt werden (für Ausschreibungen, Wettbewerbe, in Regelwerken und Kooperationsverträgen im Hinblick auf Haftung, Nutzung, usw., in legislativen Anpassungen und Ergänzungen, bei der Planfeststellung)?
2. Etablierung neuer Strukturen der Ko-Produktion und Aktivierung der Stadtgesellschaft für die urbane Gewässerentwicklung (Pilot Region Stuttgart)
- Wie kann eine Verknüpfung von Pflichtaufgaben (z.B. Hochwasserschutz, WRRL, Gewässerausbau für Schifffahrt) mit freiwilligen Aufgaben (z.B. Naherholung, Klimaschutz) zustande kommen (vor dem Hintergrund geringer werdender finanzieller und personeller Ressourcen)? Wie können dabei Synergien mit den Vorhaben der Kommunen sowie dem Ausbau und den Unterhaltungsmaßnahmen des Bundes gelingen?
- Was sind gute Strategien für Aktivierung und Sensibilisierung unterschiedlicher Stakeholder und Zielgruppen spezifisch in der urbanen Gewässerentwicklung? Wie kann dabei die Einbindung von zivilgesellschaftlichen Initiativen und Anwohner:innen langfristig gelingen?
Wie kann Wissens- und Erfahrungstransfer zwischen der Verwaltung (Bund, Land, Kommune) und externen Akteur:innen spezifisch in der urbanen Gewässerentwicklung gelingen?
3. Biotop- und Freiraumverbund für urbane Gewässer als Bestandteil der Blau-Grünen Infrastruktur (Pilot Hansestadt Hamburg)
- Wie können Zielgruppen aus der privaten Wirtschaft in den Planungsprozess zur Umsetzung des Biotopverbunds durch Gewässerentwicklung im urbanen Raum einbezogen werden?
- Welche Methoden sind für die langfristige und verbindliche Einbeziehung der Schlüssel-Stakeholder in diesem Prozess effektiv? Können Patenschaften von Gewerbeunternehmen für ökologische Aufwertung und Ufer- und Gewässerabschnitte eine Option darstellen?
Wie können geeignete Programme, Vereinbarungen und Kooperationen für eine aktive Beteiligung privater Stakeholdergruppen an der Entwicklung der Gewässerkorridore aufgestellt werden? Welche rechtlichen und fachlichen Rahmenbedingungen sind dafür notwendig?
Das Projekt wählt den Ansatz der systematischen Verknüpfung der handlungsrelevanten Bearbeitung und parallelen wissenschaftlichen Begleitung von Pilotprojekten, um durch die aktive Beteiligung des Forschungsteams und die enge Zusammenarbeit mit den Praxisakteur:innen tiefere Einblicke in die Planungsprozesse zu gewinnen. Ziel ist es, auf der Basis einer zyklischen Reflexion im Hinblick auf die schrittweise erzielten Ergebnisse der Praxisprojekte integrierte Lösungen zu identifizieren und systematisch sowie übertragbar aufzubereiten.
In der Region Stuttgart konzentriert sich das Pilotprojekt auf den Neckar als Bundeswasserstraße (Gewässer 1. Ordnung) sowie auf die Fils als Gewässer 2. Ordnung. Im Fokus steht die Etablierung neuer Strukturen der Ko-Produktion sowie die Aktivierung der Stadtgesellschaft für die urbane Gewässerentwicklung. Beteiligt sind der Verband Region Stuttgart, das Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt Neckar sowie Akteur:innen der Zivilgesellschaft. Das Projekt bewegt sich damit an der Schnittstelle von Regionalentwicklung, Gewässerentwicklung und Schifffahrt und adressiert insbesondere governance-bezogene und gesellschaftliche Fragestellungen.
Das Pilotprojekt in Leipzig bezieht sich auf den Pleißemühlgraben, ein künstlich angelegtes und derzeit verrohrtes Gewässer. Der Schwerpunkt liegt hier auf wassersensibler Stadtentwicklung und nachhaltiger Regenwasserbewirtschaftung im Zuge der Offenlegung und Umgestaltung verrohrter Gewässerabschnitte. Träger ist die Stadt Leipzig, vertreten durch das Amt für Stadtgrün und Gewässer, Abteilung Gewässerentwicklung. Das Projekt verbindet Aspekte der Wasserwirtschaft mit Fragestellungen der Stadt- und Freiraumentwicklung.
In Hansestadt Hamburg umfasst das Pilotprojekt verschiedene Typen innerstädtischer Gewässer, darunter die Untere Bille und die Billekanäle sowie die Osterbek mit Osterbek- und Goldbekkanal, die sowohl Kanäle als auch Gewässer 1. und 2. Ordnung einschließen. Ziel ist die Entwicklung und Stärkung des Biotopverbunds als Bestandteil der blau-grünen Infrastruktur der Stadt, ausdrücklich unter Einbeziehung von Stakeholder-Gruppen aus der privaten Wirtschaft. Zu den beteiligten Akteur:innen zählen die Stiftung Lebensraum Elbe, die Behörde für Umwelt, Klima, Energie und Agrarwirtschaft (BUKEA) sowie private Stakeholder und Anlieger aus Gewerbe und Industrie. Das Projekt operiert damit im Spannungsfeld von Naturschutz, Gewässerentwicklung, Stadt- und Freiraumentwicklung sowie Privatwirtschaft.
Die gewonnenen Erkenntnisse werden in geeigneter Form für jeweilige Zielgruppe präsentiert und für die interdisziplinäre Kommunikation aufbereitet. Dies umfasst die Ansprache von Fachleuten und Wissenschaft (akademische Publikationen) ebenso wie die Öffentlichkeitsarbeit (kürzere interaktive Formate), die fachliche Kommunikation mit der Verwaltung und die Darstellung der Projektergebnisse gegenüber Fördermittelgeber:innen.
Darauf aufbauend unterstützt das Projekt aktiv die Durchführung der Planungsprozesse mit Kommunikationsformaten für die Umsetzung der Maßnahmen in den Pilotprojekten. Dies geschieht unter anderem durch die Organisation von Workshops und Fachveranstaltungen sowie durch die Beratung zu planerisch-technischen Aspekten der Umsetzung und zu Strukturen und Methoden der Koproduktion und Beteiligung.
Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der Organisation eines kontinuierlichen Wissenstransfers zwischen den drei Städten und Pilotprojekten. Der Austausch von Erfahrungen, Arbeitsweisen und Ergebnissen wird gezielt moderiert, öffentlich sichtbar gemacht und aktiv nach außen vermittelt.
Die Möglichkeit der Umsetzung der drei Pilotvorhaben vor Ort und die Kooperationen mit Akteur:innen aus Praxis und Verwaltung gewährleisten eine hohe Praxisnähe des Forschungsprojekts und Anwendbarkeit der Ergebnisse. Die drei Projekte verfolgen jedoch jeweils unterschiedliche methodische Ansätze und erzeugen kontextspezifische, lokal verankerte Ergebnisse. Die Aufgabe der HCU besteht im Rahmen der zweijährigen Projektlaufzeit darin, diese Prozesse zu begleiten, zu dokumentieren, gezielt zu unterstützen und parallel dazu wissenschaftlich zu reflektieren. Darüber hinaus übernimmt die HCU eine koordinierende Rolle bei der Identifikation und Aufarbeitung übergreifender Fragestellungen. Ziel ist die Entwicklung übertragbarer Produkte – wie Leitfäden, Planungshilfen und Planungsinstrumente –, die über die Laufzeit der Einzelprojekte hinaus Anwendung finden und weiterentwickelt werden können.
Die zunehmende Bedeutung von Querschnittsaufgaben zwischen den Bereichen Umwelt- und Naturschutz, Klimaanpassung und -schutz, Naherholung sowie Hochwasserschutz besonders in urban geprägten Räumen macht sektorübergreifende Planungsansätze immer notwendiger.
Die Ergebnisse des DBU-Projekts „Sektorübergreifende Planungsprozesse und -instrumente der integrierten Gewässerentwicklung“ sollen durch gezielten Wissenstransfer und konkrete Handlungsempfehlungen zur Entwicklung übertragbarer integrierter Instrumente für die urbane Gewässerentwicklung beitragen.