Hochschule Weihenstephan-Triesdorf
Präsident
Am Hofgarten 4
85354 Freising
Die Ausgangssituation für die Projektidee ist zum einen in dem geringen Selbstversorgungsgrad mit Schnittblumen in Deutschland begründet. Es besteht dennoch eine hohe Nachfrage nach Schnittblumen, diese werden überwiegend importiert und haben einen hohen CO2-Fußabdruck aufgrund der langen Transportwege. Zum anderen haben Endverkaufsgärtnereien zeitweise freie Produktionskapazitäten, da sie energieintensive Kulturen aufgrund der gestiegenen Energiekosten zurückfahren. Fixkosten fallen aber trotzdem an. Insbesondere klein- und mittelständische Endverkaufsbetriebe suchen nach Lösungsansätzen, um die vorhandenen Produktionskapazitäten in der angespannten Situation nachhaltig und wirtschaftlich betreiben zu können. Eine Möglichkeit könnte die hydroponische Kultur von Schnittblumen auf vorhandenen Ebbe-Flut-Tischen sein. Mit dieser Kulturweise können in einem geschlossenen System Schnittblumen regional, nachhaltig und umweltverträglich angebaut werden und die Gärtnereien können sich mit ihren Produkten gegenüber dem Lebensmitteleinzelhandel und den Baumärkten profilieren.
Bei der hydroponischen Kultur stehen die Pflanzen in speziellen Töpfen mit minimalen Substratmengen. Die Töpfe werden in Hydroponik-Platten fixiert und durch regelmäßigen Anstau mit Wasser und Nährstoffen versorgt. Die Kulturführung ist anspruchsvoll, da das Puffersystem für Nährstoffe und den pH-Wert gering ist und sie erfordert Düngekonzepte, die an die lokale Wasserhärte angepasst werden.
Bei der Weiterentwicklung des hydroponischen Kultursystems liegt der Schwerpunkt auf einem möglichst geringen Ressourceneinsatz: Energie, Wasser, Substrat (torffrei), Pflanzenschutz und Arbeitsaufwand. Mit einer jahreszeitlich angepassten Kulturauswahl wird ein ganzjähriger Einsatz angestrebt. Durch die Fokussierung auf die „Um-Nutzung“ von bereits vorhandenen Gewächshausflächen mit Ebbe-Flut-Tischen wird neue Flächenversiegelung vermieden und ein höherer Flächennutzungsgrad ohne Steigerung der fixen Kosten und der CO2-Entstehung erreicht.
Die praxisnahe Entwicklung eines hydroponischen Anbausystems für Schnittblumen soll zu einer funktionalen Kulturanleitung führen, die auf wissenschaftlichen Erkenntnissen basiert und sich durch eine gute Übertragbarkeit auf verschiedene Kulturen und Betriebe auszeichnet. Sie bewirkt eine Erweiterung des Angebots für Endverkaufsgärtnereien, das frisch, lokal und umweltgerecht produziert wird und somit die Wettbewerbsfähigkeit der mittelständischen Betriebe erhöht.
Für die ersten 3 Projektmonate sind die Feinplanungen der Versuche vorgesehen (AP 1). Dies umfasst die Auswahl der Kulturen (Pflanzenarten und -sorten) und die dazugehörigen Anbaufenster im Jahresverlauf. Die Entscheidung für die Hydroponik-Kultursysteme beinhaltet die möglichen Kombinationen aus Hydroponik-Platten, Töpfen und Substraten. Auf Basis von im Betrieb vorhandenen Ebbe-Flut-Tischen werden die erforderlichen technischen Ausstattungen und die notwendigen Änderungen erarbeitet. Bei der Auswahl der Kulturen wird auf die Expertise der Fachschule für Blumenkunst hinsichtlich des floristischen Potenzials einzelner Schnittblumenarten und auf die des Erzeugerringes für Blumen und Zierpflanzen Bayern Süd e.V. hinsichtlich der gärtnerischen Eignung gesetzt.
AP 2 stellt mit den Anbauversuchen an der HSWT den zentralen Aufgabenpart über drei Vegetationsperioden dar. Hier werden die Kultursysteme und Substrate hinsichtlich ihrer pflanzenbaulichen Eignung für unterschiedliche Schnittblumenkulturen untersucht und die Ergebnisse evaluiert. Zentrale Aspekte - auch in Zusammenarbeit mit Düngemittelhersteller(n) − sind die Erarbeitung von Nährlösungszusammensetzungen, die für ein breites Spektrum an Kulturen einsetzbar sind, sowie alle Fragen, die mit der Bewässerung zusammenhängen.
Die betriebswirtschaftliche Bewertung und die folgende Einbindung in ein Marketingkonzept der Betriebe erfolgt im AP 3. Bei ausgewählten Kulturen werden kulturbegleitend Daten zur Produktion erhoben und Deckungsbeiträge errechnet. Diese bilden die Basis für ein Marketingkonzept, das zum Ende der Projektlaufzeit in Zusammenarbeit mit der staatlichen Fachschule für Blumenkunst erarbeitet wird.
Die Umsetzung und Evaluierung der hydroponischen Kulturverfahren in gärtnerischen Praxisbetrieben ist für das 2. und 3. Projektjahr vorgesehen (AP 4). Hier erfolgt eine fachliche Begleitung und Unterstützung durch die HSWT und durch den Erzeugerring für Blumen und Zierpflanzen Bayern Süd e.V.
AP 5 bündelt die Maßnahmen zum Wissenstransfer. Diese umfassen die Erstellung von Kulturanleitungen und Schulungen von Praktikern. An dieser Stelle wird der Erzeugerring als Multiplikator eingebunden. Darüber hinaus werden die Ergebnisse auf Fachtagungen und in der gartenbaulichen, praxisnahen Fachpresse veröffentlicht und in die Lehre im Modul Zierpflanzenbau (Bachelor Gartenbau) einfließen. Eine wissenschaftliche Veröffentlichung in einem Open-Access-Journal ist vorgesehen.
Zum aktuellen Forschungsstand (4/26) setzt sich ein geeignetes hydroponisches Kultursystem aus einer intervallgesteuerten Bewässerungsanlage, Hydroponik-Platten, Töpfen aus Sphagnum oder Holzfaser und unterschiedlichen Kulturen zusammen (Abbildung 1, Abbildung 2). Die Verwendung von Töpfen aus organischen Materialien bietet mehrere Vorteile − Pufferwirkung für Wasser und Nährstoffe und somit stabilere Kulturbedingungen sowie einen nachhaltigen Einsatz von nachwachsenden Rohstoffen. Darüber hinaus kann auf den Einsatz von weiteren Kultursubstraten verzichtet werden.
Die Kultivierungsperiode ist je nach Pflanzenart ganzjährig und mit mehrmaligen Ernten möglich. Im Laufe des ersten Projektjahres wurde eine Vielzahl an unterschiedlichen Schnittblumenarten und - sorten erfolgreich getestet. Besonders gut haben sich für den Sommer Anthirrhinum majus (Löwenmäulchen) (Abbildung 3), Zinnia elegans (Zinnie) und Cosmos bipinnatus (Schmuckkörbchen) bewährt. Anemone coronaria (Anemone), Ranunculus asiaticus (Ranunkel) und Dianthus barbatus (Bartnelke) eigneten sich durch eine frostfreie Überwinterung mit Antreiben im Frühjahr für eine sehr energiesparende Kulturweise.
In Bezug auf die Wasserqualität wurde die Nutzung von unverschnittenem Regenwasser als kritisch für den pH-Wert-Verlauf ermittelt. Aufgrund des nicht vorhandenen Puffers der Bikarbonate schwankte der pH-Wert sehr stark. Daher wurde für die weiteren Versuche der Regenwasseranteil auf 70 % begrenzt und kalkhaltiges Leitungswasser beigemischt. Dieses Vorgehen entspricht den Anforderungen an eine nachhaltige und umweltgerechte Produktion von Schnittblumen. Die Düngerauswahl muss immer entsprechend der vorliegenden Wasserhärte vorgenommen werden. Eine zusätzliche Eisenversorgung empfiehlt sich für die meisten Kulturen, um Eisenmangelchlorosen vorzubeugen.
Weiterer Forschungsbedarf besteht hinsichtlich der bislang ungeklärten Anreicherung von pflanzenschädlichem Nitrit in den Nährlösungen. Da die Zusammensetzung des bislang gewählten Düngers einen Einfluss auf die Entstehung von Nitrit haben könnte, wurde ein breit aufgestelltes Düngerscreening in Verbindung mit unterschiedlichen Wasserqualitäten in einem aktuell laufenden Versuch angelegt.
Zur betriebswirtschaftlichen Bewertung werden die in den Pilotbetrieben im 2. und 3. Projektjahr gewonnenen Daten als Grundlage dienen. Die nächsten Schritte folgen dem im Antrag definierten Zeit- und Arbeitsplan.
Bei der Auswahl der Medien zur Veröffentlichung (Tabelle 1) wurde großer Wert daraufgelegt, die klein- und mittelständischen Gartenbaubetriebe mit Eigenproduktion und Endverkauf zu erreichen, da sie zum einen als Pilotbetriebe für die Beteiligung am Projekt gewonnen werden sollen und zum anderen in der Folge die Ergebnisse direkt umsetzen können. Daher erfolgten die ersten Veröffentlichungen in der TASPO und Gärtnerbörse als gartenbaulich-praxisnahe Zeitungen bzw. Zeitschriften, die eine große Verbreitung unter Gärtnern haben sowie auf Hortigate (Online-Informationsplattform für den Gartenbau). Mit dem Poster und der angebotenen Führung auf dem Growing Media Symposium wurden vor allem die Forschenden im Gartenbau angesprochen, die sich mit Fragen zu Substraten und mit substratreduzierten bzw. substratlosen Kultursystemen wie Hydroponik beschäftigen. Im Bereich Forschung ist die Veröffentlichung des Projektes auf der Homepage unserer Hochschule (HSWT) zu finden. Eine Führung im Rahmen des FiniTo-BWL Projekttreffens zielte auf Praktiker im Gartenbau ab. (Stand der Veröffentlichungen zum 1.4.2026)
Projektseite auf HSWT-HomepageDie für das erste Projektjahr geplanten Ziele und Fragestellungen wurden mit den durchgeführten Versuchen bearbeitet und beantwortet. Der Meilenstein 1 „Grundsätzliche Funktionsfähigkeit des Kultursystems gegeben“ wurde erreicht.
Während der Versuche traten neue Fragstellungen und Herausforderungen auf, mit deren Bearbeitung ebenfalls begonnen wurde. Hier ist z.B. das Problem der zeitweiligen Nitrit-Anreicherung in den Nährlösungen zu nennen, dessen Ursache noch unbekannt ist.
Für das 2. und 3. Projektjahr sind umfangreiche Evaluierungen der im Versuchsbetrieb erarbeiteten Erkenntnisse in gärtnerischen Praxisbetrieben (Pilotbetriebe) vorgesehen. Diese werden die Praxistauglichkeit des hydroponischen Kultursystems testen und wertvollen Input zu dessen Weiterentwicklung liefern.