Otto-Friedrich-Universität Bamberg
Fakultät Geistes- und Kulturwissenschaften
Juniorprofessur für Europäische Ethnologie
An der Universität 5
96047 Bamberg
Um bestehende Agrarsysteme nachhaltiger zu gestalten, werden gegenwärtig verschiedene Strategien einer ressourcenschonenderen Form der Eiweißproduktion entwickelt – sowohl für die Lebensmittel- als auch für die erheblich von Soja-Importen abhängige Futtermittelindustrie. Zentral ist in diesem Kontext die sogenannte alternative Proteinproduktion (AP), die bisher in erster Linie durch politische, naturwissenschaftliche und industrielle Initiativen vorangetrieben wird. Die Chancen und Potenziale dieser Entwicklungen für die Landwirtschaft selbst werden dagegen bislang kaum beleuchtet.
Das Projekt setzt hier an und untersucht Innovationspotenziale und Umsetzungsmöglichkeiten von nachhaltigeren Verfahren zur Proteinversorgung am Beispiel der Algen- und Insektenproduktion innerhalb bestehender landwirtschaftlicher Strukturen. Von zentralem Interesse sind neben den Gründen für die Umstellung auf innovative Formen der Proteinproduktion die täglichen Arbeits- und Handlungsabläufe, der Umgang mit finanziellen Risiken und Vermarktungsprozessen und vor allem auch die Wissensaneignung innerhalb eines bisher in der Landwirtschaft noch nicht üblichen und daher im Rahmen der Ausbildung nicht vermittelten Produktionsbereiches. In Verbindung von qualitativen und quantitativen Methoden wird zum einen für den deutschsprachigen Raum erhoben, wo AP-Verfahren in der landwirtschaftlichen Praxis bereits eingesetzt werden und welche Positiv- bzw. Negativerfahrungen hiermit bereits bestehen. Zum anderen fokussiert das Projekt auf die Vernetzung und den Austausch dieser Pionierbetriebe sowie die Rückspiegelung der Ergebnisse in landwirtschaftliche Ausbildungs- und Kommunikationskanäle, um aktiv zur Wissensweitergabe beizutragen.
Auf diese Weise ergibt sich ein starker Praxistransfer: Es werden implizites Erfahrungswissen und eingespielte Handlungspraxen sichtbar gemacht. So können künftig Chancen der noch jungen umweltentlastenden Betriebszweige genutzt und Risiken bearbeitet werden. Vor allem wird es möglich, Potenziale und Verbesserungsmöglichkeiten aus ihrer gelingenden bzw. nicht gelingenden Umsetzung heraus zu erkennen.
In Kooperation der Europäischen Ethnologie der Otto-Friedrich-Universität Bamberg und der Agrarkommunikation der Hochschule Osnabrück erfolgt ein mehrstufiger Projektaufbau.
Teilprojekt I fördert den Austausch zwischen Pionierbetrieben und erhebt deren Erfahrungen erstmals systematisch. Dabei wird die noch in der Anfangs- und Testphase befindliche Anwendung von AP bezüglich ihres Modellcharakters in agrarischen Kontexten mithilfe qualitativ-ethnologischer Methoden und der Durchführung von mehreren Workshops begleitet. Ziel ist es, ein umfassendes und tiefgehendes Verständnis über die landwirtschaftlichen Betriebsentscheidungen und sie bedingenden Faktoren zu gewinnen. Mithilfe der Durchführung von mehrstündigen, qualitativen Leitfadeninterviews mit unterschiedlichen auf den Betrieben arbeitenden Personen (Leiter:innen, Mitarbeiter:innen, Hofnachfolger:innen etc.) und parallel stattfindenden Forschungsaufenthalten auf den Höfen erfolgt eine engmaschige Begleitung und Analyse der Pionierbetriebe und ihrer Wirtschaftsweisen. Darüber hinaus finden Positionen von Start-Up-Unternehmen aus dem AP-Bereich, Berater:innen sowie institutionellen Vertreter:innen Eingang in die Untersuchung.
Teilprojekt II generalisiert und quantifiziert die in TP I gewonnenen Befunde durch statistische Erhebung in Form einer Online-Befragung. Erstmals werden so grundsätzlich vorhandenes Wissen und Haltungen bezüglich AP für die Landwirtschaft in Deutschland erfasst. Auf diese Weise überführt TP II zudem die qualitativen Einzelbeobachtungen in eine hypothesengeleitete Breitenanalyse innerhalb der Landwirtschaft.
Teilprojekt III spiegelt die Ergebnisse zurück in die landwirtschaftliche Praxis – dies mit Hilfe von Informations- und Lehrmaterialien, die im Projekt ausgearbeitet werden. Bei der Materialerstellung und -verbreitung werden im Sinne eines kollaborativen Ansatzes die Erfahrungs- und Lernprozesse innovativer Pionierbetriebe der Algen- und Insektenproduktion auch für weitere interessierte Landwirt:innen und Nachwuchskräfte der Branche nutzbar gemacht. Diese richten sich sowohl an Landwirt:innen, die sich für AP-Verfahren interessieren, als auch an Lehrkräfte in der landwirtschaftlichen Bildung und Auszubildende im Agrarbereich.