Projekt 39165/01

Nachhal(l)tigkeit – Nachhaltige Fachkräfteausbildung für eine umweltschonende Textil- und Bekleidungswirtschaft

Projektdurchführung

Hochschule Niederrhein
Forschungsinstitut für Textil und Bekleidung (FTB)
Webschulstr. 31
41065 Mönchengladbach

Zielsetzung

Das Projekt „Nachhal(l)tigkeit – Nachhaltige Fachkräfteausbildung für eine umweltschonende Textil- und Bekleidungswirtschaft“ umfasst die Ausarbeitung und Pilotdurchführung zweier Wahlfächer (bilingual) für das Masterprogramm mit inhaltlichem Fokus auf systemische Nachhaltigkeitsanforderungen, umweltentlastenden Produkt-/Prozessoptimierung und Strategieentwicklung unter Anwendung innovativer Didaktik und Einbeziehung unternehmerischer Bedürfnisse.

Die Textilwirtschaft steht unter hohem Transformationsdruck: Umweltbelastungen durch Ressourcenverbrauch, Emissionen und Abfall, ein geschwächtes Branchenimage, wachsender Fachkräftemangel sowie zunehmend strengere regulatorische Anforderungen machen eine nachhaltige Neuausrichtung unumkehrbar. Der Transformationsprozess hin zu einer nachhaltigen Kreislaufwirtschaft erfordert daher Fachkräfte mit einem tiefgehenden, systemischen Nachhaltigkeitsverständnis sowie Lehrmethoden, die agil genug sind, um der hohen Dynamik regulatorischer, technologischer und gesellschaftlicher Entwicklungen gerecht zu werden.

Ziel des Projekts ist die Entwicklung einer Lehrform, in der Studierende praxisnah unter Anleitung Lösungen für Nachhaltigkeitsherausforderungen erarbeiten. Dabei werden die im Bachelor- und Masterstudium erworbenen textilspezifischen Kenntnisse gezielt um Kompetenzen in der Nachhaltigkeitsbewertung und -optimierung erweitert. So erwerben die angehenden Fachkräfte ein vertieftes Verständnis für die ökologischen und sozialen Anforderungen der Branche sowie für die praktische Umsetzung von Nachhaltigkeitsberichterstattung und -projekten. Der bilinguale Ansatz ermöglicht auch internationalen Studierenden die Teilnahme und damit den Transfer ihrer Expertise in globale textile Lieferketten. Zugleich profitieren deutsche KMU vom Zugang zu Fachkräften mit Nachhaltigkeitskompetenz. Durch die Evaluation der Pilotsemester unter Einbezug verschiedener Stakeholder sowie die Nutzung von Open Educational Resources (OER) soll das Wahlfach dauerhaft im Masterprogramm verankert und für andere Hochschulen adaptierbar gemacht werden.

Arbeitsschritte

Das 24-monatige Projekt umfasst drei Phasen. In Phase 1 werden in sechs Monaten die Grundlagen für die Pilotsemester gelegt: Auswahl der Fokusthemen, Recherche branchenspezifischer Nachhaltigkeitsanforderungen, didaktische Aufbereitung der Materialien sowie der Netzwerkaufbau mit Unternehmen und Projektbeirat, die direkt an der Themenauswahl mitwirken.
Phase 2 beinhaltet zwei Pilotsemester von je sechs Monaten. Im Semester 1 „Systemische Nachhaltigkeit“ werden Studierende im flipped-classroom-Format selbst zu Lehrenden. Durch problembasiertes Lernen erarbeiten und reflektieren sie wissenschaftlich fundierte Inhalte und vermitteln diese im Peer-Teaching. Themenspezifische Expert:innenvorträge und Austauschmöglichkeiten mit Unternehmen, verknüpfen Fachwissen mit realen Nachhaltigkeitsherausforderungen der Textilbranche. Der Ansatz geht über die gängige Hochschullehre hinaus. Er fördert die selbstständige Problemlösung, lenkt den Fokus auf zentrale Hebel der Umweltentlastung in komplexen Nachhaltigkeitssystemen und stärkt durch eigene Zielsetzungen die intrinsische Motivation, Nachhaltigkeit aktiv weiterzuentwickeln - ein Kompetenzprofil, das unmittelbar zur nachhaltigen Transformation beiträgt.
Im Semester 2 „Umweltentlastendes KMU-Projekt“ entwickeln Studierende in Kooperation mit Unternehmen umweltentlastende Lösungskonzepte / Prototypen zu aktuellen Nachhaltigkeitsherausforderungen, mit Fokus auf Kreislaufwirtschaft, Bioökonomie, Ökobilanzen und Nachhaltigkeitsmanagement. Die direkte Zusammenarbeit mit den Unternehmen und Lehrenden aus Forschung & Entwicklung ermöglicht es den Studierenden, über die üblichen Lehrinhalte hinaus praxisnahe Einblicke in die Unternehmenspraxis und Forschungsergebnisse zu aktuellen regulatorischen, technologischen und wissenschaftlichen Entwicklungen zu gewinnen. Der Ansatz stärkt zudem die Vermittlung qualifizierter, umweltverantwortlicher Fachkräfte.
In Phase 3 werden Evaluation, Verstetigung und Ergebniskommunikation umgesetzt. Eine Kombination aus theoretischer, partizipativer und Wirkungsevaluation liefert ein umfassendes Bild der Projektwirkung. Ein begleitender interdisziplinärer Projektbeirat stellt sicher, dass fachliche, wissenschaftliche, politische und studentische Perspektiven einfließen und wirkt als kontinuierliches Korrektiv. Die Netzwerkbildung mit den Unternehmen ermöglicht es, gemeinsam branchenweite Herausforderungen zu identifizieren und Lösungen mit hohem Umwelt- und Transferpotenzial zu entwickeln.

Ergebnisse

Zu Projektbeginn wurden relevante Nachhaltigkeitskompetenzen sowie zentrale Herausforderungen gemeinsam mit interessierten Unternehmen und dem Projektbeirat ermittelt. Besonders wichtig ist ein systemisches Nachhaltigkeitsverständnis, das unter anderem das Erkennen komplexer Wechselwirkungen im Produkt- und Prozesssystem sowie grundlegende Kenntnisse der Lebenszyklusanalyse (LCA) für fundierte Entscheidungen umfasst. Die identifizierten Herausforderungen wurden in vier Schwerpunkte gebündelt: Recycling, Logistik und Reparatur, Ressourcennutzung und Prozessanpassung sowie nachhaltige Kommunikation. Diese Themen wurden mit dem systemischen und praxisorientierten Ansatz im Projekt gezielt adressiert. Im Rahmen des Projekts wurden Unterrichtsmaterialien zu Kreislaufwirtschaft, Ökodesign und Nachhaltigkeitsbewertung mit Fokus auf die Ökobilanzierung entwickelt und kontinuierlich an aktuelle EU-Regulierungen angepasst. Für die Verstetigung des Projekts wird derzeit ein Ansatz entwickelt, der weiterhin eine einfache Aktualisierung der Materialien an gesetzliche Neuerungen und Entwicklungen ermöglicht.

Im ersten Pilot-Semester „Understanding Textile Sustainability Challenges - Reduce the Environmental Impact of Textiles“ analysierten die Studierende die Produkte T-Shirt, Funktionsjacke, Business-Hemd und Jeans unter Berücksichtigung der Kreislaufwirtschafts-Strategien „Rethink, Reduce, Reuse, Repair, Recycle“. Im Rahmen der problembasierten Lernmethode identifizierten sie die zentralen Probleme und leiteten entsprechende Lernziele ab. Zudem boten drei Best Practice-Unternehmen praxisnahe Einblicke in unterschiedliche, nachhaltige Geschäftsmodelle und diskutierten Kreislaufwirtschaftsansätze mit den Studierenden. Die Abschlusspräsentationen erfolgten im Flipped-Classroom-Format.

Im zweiten, praxisorientierten Pilot-Semester „Overcoming textile sustainability challenges- developing solutions for an industry case study“ entwickelten Studierende unter anderem mehrere Upcycling-Konzepte, von denen ein Prototyp eines Lätzchens zur Produktion in sozialen Werkstätten ausgewählt wurde. Darüber hinaus wurden mechanische Recyclingversuche mit Handtüchern (89 % Baumwolle / 11 % Polyester) und Poloshirts (100 % Baumwolle) durchgeführt und Garne mit 30 % bis 50 % Recyclingfasern hergestellt. Die ökologische Bewertung des mechanischen Recyclingversuchs wird derzeit von den Studierenden mittels der LCA-Software Umberto beschrieben und mit herkömmlicher Baumwolle verglichen.

Öffentlichkeitsarbeit

Das Lehrprojekt und die Ergebnisse aus den beiden Pilotsemestern wurden bereits frühzeitig in verschiedenen Formaten vorgestellt. Präsentationen auf Fachkonferenzen der Textilbranche, wie die AACHEN-DRESDEN-DENKENDORF INTERNATIONAL TEXTILE CONFERENCE oder die Fashion Changers Konferenz in Berlin, dienten der Vernetzung, dem Austausch und der Gewinnung neuer Projektpartner. Auf internationalen Hochschulkonferenzen, wie der AUTEX Conference in Dresden und dem FAIR FASHION Orientation Day sowie bei der Durchführung von Workshops (u.a. ein Sustainability Planspiel der „Summerschool Vol. 2 – Govern your Textile State“) stand der Wissenstransfer sowie die Möglichkeit einer Adaption des Lehrkonzepts im Mittelpunkt. Die Lehrinhalte und Präsentationsmaterial kamen bereits auf verschiedenen Konferenzen (u. a. ein Fachvortrag beim 44. Webseminar #CEresearchNRW) und Firmenvorträge zum Einsatz. Darüber hinaus fanden Einzelgespräche mit Unternehmen zur Bewerbung des Projekts und zur Anbahnung weiterer Kooperationen statt. Die Projektbeiratstreffen unterstützten die inhaltliche Steuerung und die potenzielle Übertragung des Konzepts auf andere Studiengänge.

Fazit

Das Lehrprojekt hat sich als effektives Format zur Sensibilisierung für Nachhaltigkeitsbelange in der Textil- und Bekleidungsindustrie erwiesen. Es fördert kritische Reflexion und stärkt systemische Nachhaltigkeitskompetenzen. Der Projektbeirat sowie Lehrende bewerten das Konzept als vielversprechend und sehen Potenzial für eine Ausweitung auf weitere Fachbereiche. In den Evaluationen wurden Optimierungsmöglichkeiten in der strukturellen Umsetzung des offenen Lehrformats identifiziert, insbesondere in Bezug auf den Ausgleich zwischen selbstgesteuertem Lernen, Unternehmensdynamiken und akademischen Strukturen. Die Studierenden schätzen gleichzeitig den praxisnahen Ansatz, die Einbindung von Unternehmen und den interkulturellen Austausch. Durch den kooperativen Lernprozess konnten sie interpersonelle, antizipative und strategische Kompetenzen ausbauen.
Angesichts des großen Interesses an realen und umweltbezogenen Lehrinhalten wurde das Format bereits im Wintersemester 2025/2026 als Wahlfach in den Lehrplan integriert. Die didaktischen Erfolge werden fortgeführt, und Verbesserungsvorschläge aus den Pilotphasen fließen aktiv in die Umsetzung ein. In diesem Semester kombiniert der Kurs theoretische und praktische Elemente zu Kreislaufwirtschaft, mit einem besonderen Fokus auf Textilrecycling und Ökobilanzierung. So leistet das Projekt einen wichtigen Beitrag zur Ausbildung von Fachkräften, die bereit sind, die Herausforderungen der Nachhaltigkeit in der Textilindustrie anzugehen.

Übersicht

Fördersumme

169.793,00 €

Förderzeitraum

01.03.2024 - 30.04.2026

Bundesland

Nordrhein-Westfalen