Bayerische Landesanstalt für Landwirtschaft - LfL
Institut für Betriebswirtschaft und Agrarstruktur
Agrarstruktur und Umweltökonomik
Menzinger Str. 54
80638 München
Die Milchkuhhaltung gehört zu den bedeutendsten Emittenten von Treibhausgas (THG)-Emissionen innerhalb der landwirtschaftlichen Nutztierhaltung in Deutschland. Gleichzeitig erbringt sie durch die Produktion hochwertiger Lebensmittel auf anderweitig für den Menschen nicht nutzbaren Flächen – wie Grünland - ökologische und soziale Leistungen, die bewahrenswert sind. So ermöglicht die Milchkuhhaltung den Erhalt von Dauergrünland als Lebensraum, Landschaftsbild und Kohlenstoffspeicher. Zur Erreichung politisch beschlossener THG-Minderungsziele müssen geeignete Maßnahmen zur Minderung von THG-Emissionen identifiziert werden, die von den Milchviehbetrieben auch umgesetzt werden. Dabei sollen die von der Milchviehhaltung erbrachten Leistungen nach Möglichkeit erhalten oder verbessert werden.
Das Klimaschutzpotential der Milchviehhaltung wird derzeit nicht umfassend erfasst und ausgeschöpft. Aktuell verwendete Methoden zur THG-Bilanzierung, sowie zur Bewertung betrieblicher Nachhaltigkeit, sind oft nicht in der Lage Wechselwirkungen zwischen verschiedenen Nachhaltigkeitsaspekten zu modellieren. Zielkonflikte werden somit ausgeblendet und THG-Vermeidungskosten können nicht abgebildet werden. Eng gesetzte Systemgrenzen in der bisherigen THG-Bewertung können zudem zu Verlagerungseffekten von THG-Emissionen führen. Zum Auflösen der genannten Konflikte sind an Standort und Betriebsstrategie orientierte Lösungen erforderlich.
Ziel des Projektvorhabens war die Identifikation und Bewertung von Maßnahmen zur THG-Minderung für verschiedene Betriebsstrategien in der Milchviehhaltung unter Berücksichtigung von Wechselwirkungen mit ökonomischen und ökologischen Nachhaltigkeitsindikatoren. Zur Visualisierung der Ergebnisse wurde eine freizugängliche, nutzerfreundliche Internetanwendung - ein sogenanntes Dashboard - erstellt. Das Dashboard besteht aus drei Elementen: 1) Darstellung der verschiedenen THG-Minderungsmaßnahmen in der Milchviehhaltung, 2) Visualisierung der Wechselwirkungen von THG-Minderungsmaßnahmen und ausgewählten Nachhaltigkeitsindikatoren innerhalb verschiedener Betriebsstrategien und Regionen 3), Leitfaden zur Identifikation und Bewertung geeigneter THG-Minderungsmaßnahmen und Betriebsstrategien unter Mitwirkung lokaler Stakeholder.
Das Projektvorhaben gliederte sich in fünf Arbeitspakete (AP).
Im Rahmen von AP1 erfolgte auf Basis einer Literaturauswertung und von Experteninterviews die Identifikation typischer Betriebe für die Fallstudienregionen. Diese typischen Betriebe bildeten die Basis für die Identifikation und Bewertung von THG-Minderungsmaßnahmen im weiteren Projektverlauf, sowie für die Auswahl der Projektbetriebe. Daraufhin erfolgte die Identifikation von Nachhaltigkeitsindikatoren auf Basis einer Literaturauswertung und in Experteninterviews. AP1 wurde abgeschlossen durch einen Stakeholder-Workshop zur Identifikation geeigneter THG-Minderungsmaßnahmen. Dabei sollten auch innovative Maßnahmen, die in der Praxis noch nicht weit verbreitet sind, berücksichtigt werden. Dieses Vorgehen erlaubte durch die Einbeziehung überregionaler Experten eine Identifikation von THG-Minderungsmaßnahmen, welche auch in einem überregionalen Kontext erfolgsversprechend sind.
In AP 2 erfolgte die Erfassung und Plausibilisierung von Daten in den ausgewählten Praxisbetrieben.
In AP 3 erfolgte die quantitative und qualitative Bewertung der THG-Minderungsmaßnahmen unter Berücksichtigung von Auswirkungen auf weitere Nachhaltigkeitsindikatoren. Dabei wurden zunächst die THG-Emissionen der Praxisbetriebe bilanziert. Darauf aufbauend erfolgte die Modellierung unterschiedlicher THG-Minderungsmaßnahmen mit anschließender Bewertung der Wechselwirkungen mit ökonomischen und ökologischen Nachhaltigkeitsindikatoren. Für die Bewertung der THG-Minderungsmaßnahmen wurden im Rahmen des Projektes Nachhaltigkeitsindikatoren identifiziert, die aussagekräftige Vergleiche der untersuchten Maßnahmen innerhalb verschiedener Betriebstypen ermöglichen. AP 3 wurde abgeschlossen durch die Übertragung der Ergebnisse in einen Maßnahmenkatalog zur THG-Reduktion. In diesem Maßnahmenkatalog wurden auch Wechselwirkungen mit ausgewählten Nachhaltigkeitsindikatoren, die durch die Maßnahmenumsetzung ausgelöst werden können, für die untersuchten Betriebe ausgewiesen.
AP 4 beinhaltete die Visualisierung der Projektergebnisse im Dashboard und die Veröffentlichung des Leitfadens zur Identifikation und Bewertung geeigneter THG-Minderungsmaßnahmen unter Mitwirkung lokaler Stakeholder.
In AP 5 erfolgten Aktivitäten zum Wissenstransfer der Projektergebnisse mit Veröffentlichung des Dashboards.
Auf 30 Praxisbetrieben wurden Datensätze erhoben, 16 im Berchtesgadener Land in Bayern und 14 im Östlichen Hügelland Schleswig-Holsteins. Für alle Betriebe wurden THG-Bewertungen erstellt und analysiert, sowie passende Klimaschutzmaßnahmen abgeleitet.
Die Berchtesgadener Betriebe waren primär grünlandbasiert. Im Mittel wurden 62 Fleckvieh-Kühe gehalten und 7.707 kg FPCM (fett- und eiweißkorrigierte Milch) je Kuh und Jahr verkauft. Die Betriebe im Östlichen Hügelland hielten im Durchschnitt 164 Kühe und verkauften 9.147 kg FPCM je Kuh und Jahr. Der CO2-Fußabdruck je kg FPCM mit der Allokationsmethode der International Dairy Federation (IDF, 2022) lag bei den Berchtesgadener Betrieben zwischen 0,77 und 1,55 kg CO2-Äq./kg FPCM, bei den Betrieben des Östlichen Hügellands zwischen 0,83 und 1,29 kg CO2-Äq./kg FPCM.
THG-Minderungsmaßnahmen wurden identifiziert, modelliert und die Auswirkungen auf die Emissionen und weitere Nachhaltigkeitsindikatoren analysiert. Die Modellierung erfolgte für alle geeigneten Projektbetriebe, sowie modellhaft anhand des LfL Klima-Check Standardbetriebs. Die Ergebnisse wurden visuell aufbereitet und ein Maßnahmenkatalog erstellt. Im Bereich Nahrungskonkurrenz zeigte sich, dass alle Betriebe mehr menschennutzbares Protein in der Milch erzeugten, als sie den Kühen über das Futter zuführten. Sie lieferten damit einen positiven Beitrag zur menschlichen Ernährung.
Es wurden 9 THG-Minderungsmaßnahmen, mit teils mehreren Szenarien berechnet. Alle Maßnahmen führten zu einer Reduktion der THG-Emissionen. Am stärksten war der Effekt der Maßnahmen 3-NOP in der Fütterung und Kalkstickstoff in der Güllelagerung. Allerdings waren dies auch gleichzeitig die Maßnahmen, die die höchsten Vermeidungskosten aufwiesen. Die Spannweite der Senkung des CO2-Fußabdrucks mit Allokation nach IDF reichte von keiner Abweichung bis -0,14 kg CO2-Äq./kg FPCM. Die Spanne der Auswirkungen auf den Deckungsbeitrag II lag zwischen -2,03 bis +1,99 ct/kg Milch. Die größten Synergien zwischen Klimaschutz und Ökonomie zeigten sich in den Maßnahmen Optimierung der Weidehaltung, verlängerte Nutzungsdauer und der Substitution von Milchleistungsfutter durch Biertreber.
Nicht alle Maßnahmen kamen für alle Betriebe in Betracht und die Wirkung war von Betrieb zu Betrieb teils unterschiedlich. Folglich ist es für effizienten Klimaschutz wichtig, individuell passende Maßnahmen zu identifizieren.
Zur Präsentation in der Öffentlichkeit wurde eine Projektwebsite erstellt und das Projekt auf zwei Fachtagungen zum Thema Klimaschutz in der Landwirtschaft vorgestellt. In Kooperation mit dem Thünen-Institut fand eine Tagung zum Thema „Die Kuh und das Klima: Gemeinsam auf den Weg zu einer klimafreundlicheren Milchproduktion!“ statt, in deren Rahmen ein Stakeholder-Workshop platziert werden konnte. Der Workshop „THG-Fußabdruck und weitere Umweltwirkungen - wohin geht die Reise?“ widmete sich den Fragen, welche weiteren Nachhaltigkeitsindikatoren in Zukunft für die Milchkuhhaltung an Relevanz gewinnen werden, ob diese in Zielkonflikten oder Synergien mit dem Klimaschutz stehen und welche Klimaschutzmaßnahmen Synergien maximieren könnten.
Die Minderungsmaßnahmen wurden in Workshops und in Fokusgruppen thematisiert und mit Beratern und Landwirten, intensiv diskutiert und weiterentwickelt. Zudem wurde ein praxisnaher Leitfaden veröffentlicht, in dem die Identifikation und Bewertung von Klimaschutzmaßnahmen in kompakten Steckbriefen dargestellt wird. In einem Online-Dashboard wurden Projektergebnisse visuell aufbereitet.
Im Projektverlauf zeigte sich die Notwendigkeit detaillierter Betriebsdaten, die als Basis der Modellierung der THG-Minderungsmaßnahmen dienen. Nur bei einem hinreichend tiefen Blick in den Betrieb können individuell passende und wirksame Minderungsansätze abgeleitet werden.
Viele der erhobenen Betriebe waren bereits gut aufgestellt, folglich waren meist nur kleine Stellschrauben zur Minderung der THG-Emissionen vorhanden. Das Potenzial variierte je nach Betrieb und Ausgangssituation deutlich. Die Modellierung der Maßnahmen zeigte die unterschiedlichen Auswirkungen auf die untersuchten Nachhaltigkeitsindikatoren. Bei einigen ergaben sich positive Synergieeffekte, bspw. eine positive ökonomischen Entwicklung, bei anderen Maßnahmen entstanden zusätzliche Kosten. Deutlich wurde wie groß der Einfluss der individuellen Charakteristika der Betriebe auf die Wirkung der Maßnahmen ist, und wie Wichtig eine belastbare Datengrundlage, um Minderungspotenziale im Betrieb erkennen zu können. Nicht alle Maßnahmen kamen für alle Betriebe in Betracht.
Klimaschutz auf den Betrieben bedeutete oft die Erhöhung der Effizienz betrieblicher Stoffflüsse. Optimierungsansätze in diesen Bereichen sind jedoch sehr betriebsindividuell während die Auswirkungen technischer Maßnahmen, wie bspw. der Einsatz von Futterzusatzstoffen, sich leichter auf andere Betriebe übertragen lassen.