Projekt 35501/13

tip me das globale Trinkgeld: Entwicklung und Erprobung eines Online-Trinkgeldes mit Fokus auf die Textilindustrie in Vietnam, Indien und China für die Produktionsstätten und die Menschen, die die Waren im globalen Süden herstellen

Projektdurchführung

tip me Global GmbH
Koblenzerstr. 2
10715 Berlin

Zielsetzung

Die Vision von tip me ist eine Welt, in der faire Produkte selbstverständlich sind. Dafür soll das globale Trinkgeld etabliert werden: Stell Dir vor, Du kaufst einen Kaffee und gibst der Person ein Trinkgeld, die ihn gepflückt hat. Oder Du kaufst ein paar Schuhe, siehst wer an der Herstellung beteiligt war und kannst über ein Trinkgeld direkten Einfluss auf lokale Löhne nehmen. 100% kommen bei den Produzierenden an und ermöglichen ihnen, sich ihre persönlichen Wünsche und Träume zu erfüllen. Ein Trinkgeld von EUR 5 bedeutet für viele Menschen bereits eine Verdopplung ihres Tageslohns.
Um die Idee in die Tat umzusetzen, hat tip me eine Plug & Play Lösung für Onlineshops entwickelt. Innerhalb von 30 Minuten (für die IT der Onlineshops) lässt sich die Software in alle gängigen E-Commerce-Plattformen einbauen. Mit einem Klick können anschließend alle Konsument*innen in diesem Onlineshop das globale Trinkgeld zum Warenkorb hinzufügen und alles wie gewohnt bezahlen.
Das Trinkgeld wird zwischen allen Arbeiter*innen in der Produktionsstätte aufgeteilt und an jede*n Einzelnen in der Regel per Bank oder Mobile Money Überweisung gesendet. Dafür registriert tip me die Produktionsstätten und die Arbeiter*innen mit Name, Ausweis, Bankdaten und Handynummer. tip me integriert sich hier in der Regel in die bereits genutzten Strukturen wie Bankkonten über die die Fabrik Löhne auszahlt oder das in Ländern wie Kenia weit verbreitete Mobile Money System.
Durch tip me entsteht eine win-win Situation: Arbeiter*innen profitieren von höheren Einkommen, welches die lokalen Lebensbedingungen verbessert und vor allem hinsichtlich der aktuell gravierenden Inflation etwas Linderung verspricht. Gleichzeitig erhalten sie Sichtbarkeit und Wertschätzung für ihre Arbeit. Konsument*innen können durch tip me einfach, sicher und direkt im Alltag Gutes tun. Dadurch wächst durch die direkte Verbindung von Mensch zu Mensch die Wertschätzung eines Produktes und Konsumentscheidungen und Produktnutzung werden bewusster und nachhaltiger. Unternehmen profitieren von Kund*innenbindung und positivem Marketing. Dass die Konditionen der Herstellung Konsumentscheidungen immer mehr beeinflussen und Unternehmen sich hier positionieren müssen, zeigen die stetig steigenden Verkaufszahlen des fairen Handels. Die aktuelle finanziell schwierige Lage sowohl für Kund*innen, Unternehmen und Arbeiter*innen bereitet aber trotzdem Grund zur Sorge.
Die bisherigen Erfahrungen mit dem globalen Trinkgeld sind sehr positiv: Aktuell geben zwischen 30 und 40% aller Konsument*innen den Partnerunternehmen Trinkgeld. Durch die Inflation ist diese Zahl allerdings leider gesunken. Zuvor waren es 46%. Das durchschnittliche Trinkgeld ist von EUR 3,30 auf 4,10€ allerdings angestiegen. Generell sprechen wir von ca. 5% des Warenkorbwertes, was an Trinkgeld hinzukommt. Also weiterhin ein massiver Hebel für soziale Gerechtigkeit. Rund 90% der Arbeiter*innen nutzen das Geld um Grundbedürfnisse für sich und ihre Familien zu stillen: Es fließt also in Nahrung, Bildung, Strom und Wohnen.

Arbeitsschritte

Die ersten zwei Jahre der Unternehmensgeschichte waren vor allem durch Produktentwicklung geprägt. Durch die Förderung der DBU konnte tip me drei wichtige Themen voran bringen:

1. tip me hat eine „Remote Worker Registration“ ermöglicht. Das bedeutet, das tip me Team kann vom Büro in Deutschland aus Trinkgeld für tausende Arbeiter*innen ermöglichen. So werden nicht nur CO2-Emissionen und Reisekosten gespart. Die digitalen Abläufe sind auch sicherer, weil die Daten nach Fake-Accounts und sanktionierten Individuen überprüft werden.

2. tip me hat Payment Partnerschaften auf rund 80 Länder weltweit ausweiten können.

3. tip me hat seine IT-Lösung so ausgebaut, dass innerhalb von 30 Minuten Trinkgeld in einem neuen Onlineshop gesammelt werden kann. Dies bedeutet 60% weniger Zeit und Kosten, um ein neues Partnerunternehmen aufzunehmen.

Mit diesen Durchbrüchen kann das Team mit fast allen relevanten Modeunternehmen weltweit zusammenarbeiten kann, die die Kriterien an Sozialstandards und Nachhaltigkeit erfüllen.
Die sozialen und ökologischen Auswirkungen von tip me wurden in drei separaten wissenschaftlichen Forschungsprojekten untersucht. Sie befassen sich mit den sozialen Auswirkungen des globalen Trinkgelds auf die Produzierenden und ihre Familien, der Förderung nachhaltigen Handelns der Konsument*innen durch tip me und den ökologischen Nachhaltigkeitskriterien, die tip me an seine Partnerunternehmen und deren Produktionsstätten stellen kann.

tip me entwickelt eine Software, die die Trinkgeld-Auszahlung und die einzelnen Arbeiter*innen automatisiert verwaltet. Diese hatte sich als deutlich komplexer als erwartet herausgestellt. Zwar können alle Gelder automatisiert von den Modeunternehmen angefragt werden. Die Verteilung und auch das Management der Daten der Arbeiter*innen muss jedoch noch vom Team für International Collaboration händisch erledigt werden.

Ergebnisse

Durch die Förderung der DBU hat sich tip me von einem Konzept mit ersten Prototypen zu einem funktionierenden Produkt entwickelt. EUR 80.000 Trinkgelder wurden für 1500 Arbeiter*innen in Pakistan, Vietnam, Kenia, Türkei, Ukraine, Guatemala, Indien, Ghana, Ecuador und Deutschland gesammelt.
Eckdaten bis heute (Stand März 2023):
- 80.000€ Trinkgeld für Arbeiter*innen in globalen Lieferketten
- Rund 12.000 Menschen haben bisher Trinkgeld gegeben.
- 1.500 Arbeiter*innen erhalten ein zusätzliches Einkommen
- Projekte in 12 Ländern: Pakistan, Vietnam, Kenia, Ukraine, Türkei, Indien, Guatemala, Indonesien, Ghana, Ecuador, Brasilien und Deutschland.
- +80 Länder sind operativ abdeckbar
- 15 Partner Brands: ethletic, Dawn, Kipepeo, My Sleeping Gypsy, Erlich Textil, Das Bernsteinzimmer, SNOCKS, Ethnotek, Amazonas, davon 4 Ehemalige: yes friends, bayti hier, Greenbomb, Hirschkind.
- 8 paying customers (partner brands), 8 shops live (+ 1 in onboarding process)
- Fashion & Food, übertragbar auf alle Sektoren mit B2B2C Onlinehandel

Öffentlichkeitsarbeit

Das Team hinter dem globalen Trinkgeld hat immer wieder in verschiedenen Anläufen versucht, Partnerschaften mit existierenden NGOs und Modeunternehmen zu arbeiten, um die Ergebnisse des Projekts auch anderen Akteuren zur Verfügung zu stellen. Hier ging es explizit um zwei Bereiche, in denen tip me Wissen aufgebaut hat. Einerseits wurden Erkenntnisse gesammelt, wie man auf innovative und effektive Art und Weise online Spenden für soziale Zwecke sammeln kann. Dies Andererseits wurde Know-how aufgebaut, wie Gelder direkt an Arbeiter*innen in globalen Lieferketten ausgezahlt werden können. Vor allem letzteres könnte in der Zukunft für viele Unternehmen relevanter werden, da das Interesse an existenzsichernden Löhnen steigt und viele europäischen Unternehmen keinen effizienten Weg haben, Gelder sicher an Arbeiter*innen weltweit auszuzahlen. In den meisten Fällen werden Prämien für Näher*innen an das Fabrikmanagement überwiesen mit der Aufforderung, diese weiterzugeben und dies zu dokumentieren. Diese Methode impliziert jedoch Risiken, beispielsweise dass das Geld an die Eigentümer ausgezahlt wird oder andere Firmen einen Rabatt auf ihre Bestellung erhalten.
Der Weg, diese Gelder mit dem Know-how direkt an Arbeiter*innen zu überweisen und so mehr Sicherheit und Transparenz in den Prozess zu bringen, wird leider derzeit wenig angenommen. Derzeit sind die meisten Modemarken noch damit beschäftigt, eine grundlegende Transparenz und Codes of Conduct in ihren Lieferketten zu etablieren. Existenzsichernde Löhne und die besten Wege sie zu zahlen, sind weiterhin massive Probleme. Auch ist der Druck seitens Aktivist*innen und Konsument*innen “living wages” einzuführen, aktuell nicht besonders stark, da die wirtschaftliche Lage die Kaufbereitschaft generell und besonders für nachhaltige Mode senkt.
Nichtsdestotrotz, konnte tip me neben Social Media, auch immer wieder in Zeitschriften und Artikeln oder auch bei Events und Messen auf die eigene Arbeit und die Relevanz von existenzsichernden Löhnen hinweisen. Öffentlichkeitsarbeit die weiterhin fortgeführt wird und im Rahmen einer gGmbH sogar mehr Raum einnehmen dürfen.

Fazit

Tip me sieht, dass Onlineshops weiterhin eine sehr effektive Plattform sind, um Trinkgelder für die Arbeiter*innen zu sammeln. Offline Trinkgelder, sowie separate Landing Pages wurden hingegen kaum genutzt und wurden weitestgehend eingestellt. Das Überzeugen neuer Shops ist allerdings weiterhin kein Leichtes unterfangen und vom Good Will der Brands abhängig. Fraglich ist immer noch, ob tip me sich langfristig und ausschließlich durch die Shops finanzieren kann und sollte, oder ob wir die Onlineshops nur als Medium und Plattform nutzen.
Die komplizierte Verifizierung von Arbeiter*innen durch externe Provider & Sozialversicherungsargenturen sowie die Registrierung vor Ort wurde beendet. Kein Onlineshop möchte diese Kosten zahlen und bisher gab es keine vorsätzlichen Missbrauchsfälle von Fabriken und Produktionsstätten. Stattdessen wurde ein Beschwerdesystem über Whats app und Worker Umfragen aufgebaut, wo die Arbeiter*innen sich bei tip me melden können, wenn kein oder zu wenig Geld ankam. Der Whats App Beschwerdemechanismus wird regelmäßig genutzt und die Zahlungen ggf. korrigiert und beim nächsten Mal ausgeglichen. Fehler können nicht immer vermieden werden, aber wieder ausgeglichen werden und 100% des Geldes geht weiterhin an die Mitarbeitenden einer Produktionsstätte.
Auch hat tip me gemerkt gemerkt, dass sie das Pricing an der Unternehmensgröße staffeln möchte. Große Brands können problemlos einen Betrag von rund 1.000€ pro Monat zahlen, während kleine Brands manchmal keine 100€ pro Monat zur Verfügung haben. tip me möchten sich hier an dem orientieren, was für beide Seiten möglich ist.
Für die Arbeiter*innen ist das globale Trinkgeld wichtiger denn je. Die Kosten für Lebensmittel sind stark angestiegen und die finanzielle Situation noch enger als zuvor, weil die Löhne nicht immer dementsprechend angehoben wurden. Auch hier hat tip me eine wichtige Rolle eingenommen, die Brands über die aktuelle Lohnsituation in den Fabriken hinzuweisen. Auch die meisten der Partner Brands kämpfen aber aktuell ums Überleben.

Übersicht

Fördersumme

124.220,00 €

Förderzeitraum

10.08.2020 - 31.12.2022

Bundesland

Grenzüberschreitend

Schlagwörter

Grenzüberschreitend