Projekt 34694/01

Nachhaltige Förderung der Agrophytodiversität in Deutschland – Vernetzung der Akteure

Projektdurchführung

Georg-August-Universität Göttingen
Albrecht-von-Haller-Institut für Pflanzenwissenschaften
Abt. Pflanzenökologie und Ökosystemforschung
Untere Karspüle 2
37073 Göttingen

Zielsetzung

Die Vielfalt der Ackerwildkräuter in der mitteleuropäischen Agrarlandschaft ist ein Relikt früher extensiverer Landbewirtschaftung. Mit dem Verlust der floristischen Diversität auf dem Acker und deren assoziierter Lebensgemeinschaften werden Ökosystemfunktionen wie die natürliche Schädlingskontrolle, der Rückhalt von mobilen Stickstoffverbindungen und die Bestäubung von Wild- und Nutzpflanzen gefährdet. Für den Erhalt einiger Pflanzenarten und deren Metapopulationen am Rande ihres Verbreitungsareals trägt Deutschland eine besondere Verantwortung,

Zur Stärkung der Bemühungen zum Erhalt der verbliebenen Reste der ehemals reichen Ackerwildkrautflora (Segetalflora) ist die Vernetzung aller relevanten Akteure unerlässlich. Die Diskussion über die nachhaltige Zukunft der Agrarwirtschaft wird von der Sorge um Insektenverluste und schwindende Bestäuberleistungen beherrscht, vernachlässigt jedoch zumeist die Tatsache, dass der Insektenreichtum an eine artenreiche Wildkrautflora gebunden ist. Das Vorhaben soll dazu beitragen, diese Erkenntnis in Politik und Verwaltung zu verankern und eine bundesweite Verstetigung der Förderung besonders wertvoller Ackerwildkrautbestände zu erreichen.

Aufbauend auf dem Projekt „100 Äcker für die Vielfalt“ soll das geschaffene bundesweite Schutzgebietsnetz aktualisiert und erweitert, die Kommunikationsstrukturen ausgebaut und die bundesweite Sichtbarkeit der Initiative verbessert werden.

Primäres Ziel ist die Vernetzung relevanter Akteure, um Synergien für den Segetalfloraschutz zu erreichen und dem in Gang gesetzten Prozess weitere Dynamik zu verleihen. Aufbauend auf dem 100 Äcker-Projekt werden die vorhandenen Strukturen im Bereich Kommunikation und Umsetzung genutzt sowie weiter ausgebaut. Bis zum Projektende werden weitere floristisch herausragende Schutzackerkomplexe gesichert sowie die Konzeption einer dringend benötigten „Checkliste der Segetalflora“ für Deutschland vorliegen. Ebenso werden die Strukturen für einen fachlichen Austausch der relevanten Akteure im Ackerwildkrautschutz gut etabliert sein. Als Informationsplattformen dienen der Segetalflora-Blog, die jährlichen Ackerwildkraut-Exkursionstagungen sowie ein umfassendes Beratungstool während der Laufzeit des Projekts. Das Netzwerk „Segetalflora“ wird am Projektende durch einen intensiven fachlichen und praxisorientierten Austausch so gefestigt sein, dass der Fortbestand zahlreicher Aktivitäten über den Projektzeitraum hinaus gesichert ist.

Arbeitsschritte

Intensivierungsprozesse der landwirtschaftlichen Produktion führten in den letzten Jahrzehnten zu einer stetig voranschreitenden Umstrukturierung vieler Agrarlandschaften und einer Abnahme der Habitatdiversität. Vor allem durch die zunehmende Technisierung der Bodenbearbeitung und chemische Unkrautbekämpfung beschleunigte sich der Artenrückgang im Lebensraum „Acker“ und sorgte in ganz Mitteleuropa für eine Nivellierung der früheren Unterschiede in den Segetalflora-Gesellschaften. Zahlreiche Einzelstudien belegen die drastischen Veränderungen auf allen wichtigen Hierarchieebenen in der Segetalflora Mitteleuropas in den letzten Jahrzehnten. Von der Gesellschaftsebene bis hin zu Populationen einzelner Arten haben starke negative Veränderungen in der Segetalvegetation stattgefunden.

Da sowohl das erste nationale Ziel der Erhöhung der Populationsgrößen der Mehrzahl der Arten in landwirtschaftlich genutzten Ökosystemen bis 2015 als auch die zweite Zieldefinition (deutliche Erhöhung der Biodiversität in den Agrarökosystemen bis zum Jahre 2020) deutlich verfehlt wurden, sind dringend neue, effektive und innovative In situ-Maßnahmen und Konzepte erforderlich. Als erste trophische Ebene im Ökosystem kommt hier den Segetalarten und deren Förderung/Erhaltung eine prioritäre Rolle zu.

Im Vorgängerprojekt „100 Äcker für die Vielfalt“ wurden bereits umfangreiche bundesweite Kontakte zu verschiedensten Akteuren geknüpft, die sich mit dem Thema floristische Diversität in Agrarökosystemen und deren Förderung befassen. Basierend auf dieser Grundlage wurden diese bestehenden Verbindungen zu Projektbeginn wieder reaktiviert und um neue Kontakte ergänzt. Der Aufbau von Netzwerkstrukturen ist eine wesentliche Voraussetzung zur nachhaltigen Umsetzung von Biodiversitätsfördermaßnahmen in der Agrarlandschaft. Neben der Wissensvermittlung durch Vorträge, Internetseite sowie Newsletter zählen Feldrundgänge und Exkursionstagungen „direkt am Acker“ zu den wichtigen Instrumentarien für die Festigung von Netzwerken. Die dort oftmals geführten Diskussionen, ob ein pestizidfreier Ackerbau wie z.B. im FINKA-Projekt möglich ist, tragen nachhaltig zu einer signifikanten Entlastung in Agrarökosystemen bei.

Ergebnisse

Im Rahmen der Projektlaufzeit konnte das vorgesehene Arbeitsprogramm nahezu komplett umgesetzt werden. Fortlaufend wurden dabei Multiplikatoren in ein informelles Netzwerk, in dem ein enger Austausch mit diversen Stellen aus Landwirtschaft, Naturschutz und Biodiversitätsberatung innerhalb Deutschlands bestand, eingebunden. Auch auf europäischer Ebene konnten neue Strukturen geknüpft werden, vor allem mit der Schweiz (Projekt Hot Spots), Österreich (Verein Bauerngold), Wales (Welsh Arable Biodiversity Network) und mit den Niederlanden (Natuurbalans BV). Mittelfristiges Ziel sollte hier der regelmäßige gemeinsame Austausch im Rahmen von Exkursionstagungen (z.B. alle 3-4 Jahre) in wechselnden europäischen Regionen sein.



Ein „Quantensprung“ in der Vernetzung der Akteure war die Etablierung der Austauschplattform www.segetalflora.de sowie das Versenden eines regelmäßig erscheinenden Ackerpost-Newsletters mit aktuell über 1.400 EmpfängerInnen.



Die mittlerweile fest in der „Szene“ etablierte Exkursionstagung zum Schutz der Ackerwildkräuter fand, außer in den Corona-Jahren, jährlich statt und für die kommenden Jahre zeigen schon mehrere Regionen konkretes Interesse an der Ausrichtung. Mit jeweils knapp 100 TeilnehmerInnen aus dem In- und Ausland und von verschiedensten Institutionen (Hochschulen, Planungsbüros, Ministerien und Landesämter, Landschaftspflegeverbände, LandwirtInnen, etc.) gilt diese Zusammenkunft mittlerweile als erfolgreich etablierte Austauschplattform im Ackerwildkrautschutz. Mit der Bayerischen Akademie für Naturschutz und Landschaftspflege wurde ein gemeinsamer zweitägiger Kurs „Ackerwildkrautschutz“ etabliert.



Weitere Schutzackerprämierungen für die offizielle „Übernahme“ in das 100-Äcker-Netzwerk wurden vollzogen, sodass mit den neu dazugekommen 30 Flächen jetzt 140 Äcker deutschlandweit als mittelfristig gesichert gelten. Die Erstellung einer „Checkliste Segetalflora Deutschland“ konnte dagegen leider noch nicht final abgeschlossen werden, sondern befindet sich in einer letzten Abstimmungsrunde. Besonders erfreulich ist die Tatsache, dass all die hier genannten Aktivitäten nach Projektende, wenn auch auf geringerem Niveau, fortgeführt werden können. Dazu ist aktuell ein „Arbeitskreis Ackerwildkrautflora“ innerhalb der Floristisch-Soziologischen Arbeitsgemeinschaft e.V. (FlorSoz) in Gründung.

Öffentlichkeitsarbeit

Im Rahmen des Projekts wurden über diverse „Kanäle“ Informationen zum Thema Ackerwildkrautschutz gestreut. Dazu gehörten (populär-)wissenschaftliche Veröffentlichungen in (Fach)zeitschriften und Vorträge, wissenschaftliche Qualifizierungsarbeiten, Projektbegleitungen und Schutzackerprämierungen. Diverse Presseartikel, vor allem über die Etablierung neuer Schutzäcker(-komplexe), fanden sich in (über-)regionalen Tageszeitungen.

Für die Öffentlichkeitsarbeit ist weiterhin eine Postkartenedition von elf verschiedenen Segetalarten konzipiert worden. Im Rahmen von Veranstaltungen und Vorträgen liegen diese Postenkarten als Informationsmaterial aus und werden sehr gut nachgefragt. Auch nach Ende der hiesigen Projektinitiative ist eine sukzessive Erweiterung um weitere zusätzliche Segetaltaxa geplant.

Website Segetalflora.de

Fazit

Aufgebaut wurde ein Netzwerk von Stakeholdern unterschiedlichster Disziplinen, deren gemeinsames Interesse die Entwicklung und Umsetzung von Fördermaßnahmen der floristischen Diversität in Agrarökosystemen zum Ziel hat. Wesentlich für das Funktionieren von Netzwerken ist der beständige Fachaustausch, der im hier vorgelegten Projekt vor allem über jährliche Exkursionstagungen, zahlreiche Publikationen und Vorträge sowie die regelmäßige Versendung von Newslettern gegeben war.

Schutzäcker für seltene und gefährdete Ackerwildkräuter, als ein zentrales Element im Agrobiodiversitätsschutz, wurden und werden auch weiterhin von diversen Organisationen im In- und Ausland angelegt. Auf Probleme, die während der Bewirtschaftung auftreten können (z.B. Vergrasung von Äckern), ist konkret eingegangen worden und zeitnah werden dazu entsprechende Fachinformationen (Steckbriefe) zur Verfügung gestellt.

Es ist trotz größter Bemühungen nicht gelungen, eine dauerhafte institutionelle Förderung für eine Zentralstelle „Agrophytodiversität“ in Deutschland nach Projektende zu etablieren. Durch eine sich aktuell bildende Ehrenamtsstruktur können zumindest Teile (Newsletter, Internetseite, jährliche Exkursionstagungen) fortgeführt werden. Um dem immer dramatischeren Biodiversitätswandel in Kulturlandschaften entgegenzutreten sind jedoch verstärkte Bemühungen aller Stakeholder zur Implementation nachhaltiger Fördermaßnahmen dringend notwendig.

Übersicht

Fördersumme

124.960,00 €

Förderzeitraum

01.10.2019 - 31.12.2025

Bundesland

Niedersachsen

Schlagwörter

Landnutzung
Naturschutz