Das europäische Schutzgebietsnetz »Natura 2000« ist einer der größten Bausteine des Natur- und Artenschutzes in Europa. Doch der Schutz der ausgewiesenen Flächen stellt hohe fachliche Anforderungen, denen bislang nur wenige Spezialistinnen und Spezialisten gerecht werden konnten. Mit einem von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) geförderten E-Learning-Lehrgang des BUND Thüringen schaffen Partner aus Wissenschaft und Naturschutz ein neues Angebot, das Wissen bündelt, praxisnah vermittelt und auf stark steigenden Bedarf reagiert. Der Kurs trifft auf große Nachfrage – und trägt dazu bei, die Qualität des Managements in Schutzgebieten langfristig zu verbessern.
Die Europäische Union verpflichtet alle Mitgliedstaaten über die Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie und die Vogelschutzrichtlinie, gefährdete Arten und Lebensräume zu schützen. Deutschland hat dafür ein ausgedehntes Netz von Schutzflächen ausgewiesen. Ihr Management erfordert jedoch weitreichende Kenntnisse – von ökologischen Zusammenhängen über rechtliche Anforderungen bis hin zu Planungs- und Projektsteuerungsprozessen.
Bisher existierte kein Studiengang, der alle Aspekte des Natura-2000-Managements bündelt. Zwar enthalten Ausbildungen in Biologie, Naturschutz, Landwirtschaft oder Forstwirtschaft einzelne Inhalte, doch das breite Spektrum praktischer Herausforderungen blieb unzureichend abgedeckt. Diese Lücke identifizierten Professor Stefan Brunzel (Hochschule Erfurt) und Dr. Burkhard Vogel (BUND Thüringen) bereits früh. Der demografische Wandel verstärkt sie zusätzlich: Viele der heute tätigen Expertinnen und Experten werden in den kommenden Jahren in den Ruhestand eintreten. Um ein qualitativ hochwertiges Qualifizierungsangebot zu schaffen, entwickelten der BUND Thüringen gemeinsam mit der Fachhochschule Erfurt, dem Deutschen Verband für Landschaftspflege und dem NABU Thüringen den digitalen
Lehrgang »Natura-2000-Managerin / Natura-2000-Manager«. Ein Probelauf mit 46 Teilnehmenden endete im Juni 2023.
Von November 2023 bis Juni 2024 folgte der erste reguläre Kurs. Inzwischen haben 137 Personen
berufsbegleitend teilgenommen. Neben fundierten Lehrmaterialien nutzt das Programm moderne digitale Formate: Durch 360-Grad-Panoramen erhalten Lernende realitätsnahe Einblicke in unterschiedliche
Lebensräume.
Als Koordinator verantwortet der BUND Thüringen den laufenden Lehrgang. Die DBU-Förderung machte die aufwendige Entwicklung überhaupt erst möglich. Heute finanziert sich das Angebot über Teilnahmegebühren von 1 450 Euro und ist stark nachgefragt: Die Plätze waren zuletzt rasch belegt, Wartelisten gehörten zur Regel. Es zeigt sich klar: Das Angebot ist weitgehend kostendeckend, professionell organisiert und adressiert einen Qualifizierungsbedarf, der in Deutschland und zunehmend auch in Europa wächst. Damit erfüllt es eine gesellschaftlich relevante Funktion, die über den unmittelbaren Lehrbetrieb hinausreicht.
Intakte Ökosysteme sind Grundlage für gesellschaftliches Wohlergehen – ökologisch, sozial und wirtschaftlich. Zahlreiche Studien haben gezeigt, dass Natur vielfältige Leistungen bereitstellt, die sich zumindest teilweise quantifizieren lassen: von der Kohlenstoffspeicherung über die Bereitstellung von Nahrungsmitteln bis zur Temperaturregulation. Die Europäische Kommission schätzt den jährlichen ökonomischen Wert der Natura-2000-Flächen auf 200 bis 300 Milliarden Euro. Heruntergebrochen auf die gesamte Schutzgebietsfläche ergibt das einen Nutzen von rund 1 600 bis 2 500 Euro pro Hektar. Demgegenüber stehen die Kosten des deutschen Natura-2000-Managements von jährlich rund 1,4 Milliarden Euro – etwa 200 Euro pro Hektar und Jahr.
Auch andere Untersuchungen zeigen, dass der gesellschaftliche Nutzen weit über den Kosten liegt, selbst bei konservativen Annahmen. Gleichzeitig weist die Forschung darauf hin, dass viele Ökosysteme stark unter Druck stehen: Mehr als die Hälfte der Lebensraumtypen in Deutschland befindet sich in einem ungünstigen Zustand. Viele Arten verzeichnen rückläufige Bestände. Der Klimawandel wirkt als zusätzlicher Belastungsfaktor und verändert Lebensräume teils schneller, als das Management reagieren kann. Der Kurs greift diesen Bedarf auf: Er vermittelt ökologische Grundlagen, rechtliche Rahmenbedingungen, Bezüge zum Klimawandel und praxisnahe Methoden für wirksames Flächenmanagement.
Projektdurchführung
BUND Thüringen
c/o Fachhochschule Erfurt
Leipziger Straße 7
99085 Erfurt
Telefon: +49 0361 644 170 72
DBU-AZ: 35435
Förderzeitraum: 29.03.2021 – 30.06.2024