Verkehrswende in Essen – Jugendliche entwickeln mit digitalen Geomedien Konzepte für den Radverkehr

Noch immer dominiert der motorisierte Individualverkehr mit seinem hohen Flächenverbrauch, damit einhergehenden CO2-Emissionen und Verkehrsunfällen. Die Lebensqualität der Bewohner*innen wird dadurch stark eingeschränkt und es kommt zu vielfältigen Raumnutzungskonflikten. Eine im Sinne der Sustainable Development Goals (SGDs) notwendige nachhaltigkeitsorientierte Verkehrswende stellt insbesondere für die Städte des Ruhrgebiets, die bislang nach dem städtebaulichen Prinzip der autogerechten Stadt entwickelt wurden, eine besondere Herausforderung dar. So landet etwa Essen beim Städteranking des ADFC aus dem Jahr 2020 mit der Note 4,22 auf dem drittletzten Platz, Dortmund noch dahinter. Zivilgesellschaftliche Akteur*innen setzen sich in Essen seit zwei Jahren verstärkt für Maßnahmen zur Verbesserung der Fahrradinfrastruktur ein, wodurch eine Aufbruchsstimmung in der Stadt entstanden ist. Der lokale Diskurs über Maßnahmen zur Steigerung der Fahrradfreundlichkeit in der Stadt wird gegenwärtig jedoch fast ausschließlich durch Erwachsene bestritten. Ziel des Projekts ist es daher, Jugendliche im Sinne der transformativen Bildung stärker mit ihren Bedürfnissen und Wünschen in den Diskurs über die nachhaltigkeitsorientierte Verkehrswende auf kommunaler Ebene einzubinden.  Jugendliche von fünf Essener Schulen mit unterschiedlichem sozial-räumlichem Umfeld sollen im Rahmen des  Projekts kooperativ mittels digitaler Geomedien raumbezogene Daten zur Radverkehrsinfrastruktur in ihrem jeweiligen Schulviertel selbst erheben, in Bezug auf ihre Perspektiven digital analysieren, Ergebnisse dieser Analyse der Politik und der Öffentlichkeit präsentieren und so aktiv  am gesellschaftlichen Diskurs partizipieren und die Transformation des Verkehrssektors auf kommunaler Ebene aktiv mitgestalten.

Schaffung einer Datenbasis zum Fahrradverkehr durch Schüler*innen

Die technische Basis bildet die mehrfach ausgezeichnete SenseBox, ein modularer geoinformationeller Baukasten für Umweltmessungen, der auf Fahrrädern angebracht werden kann. Mit dessen Hilfe können die Jugendlichen wichtige Parameter wie den Abstand zum PKW-Verkehr, die Radwegequalität, Gefahrenstellen, Feinstaub- und Lärmbelastungen selbst erheben. Im Sinne der „spatial citizenship“ generieren, analysieren und präsentieren die Jugendlichen so Daten über ihr Schulviertel, um darauf aufbauend Maßnahmen zur Verbesserung der Fahrradinfrastruktur vor Ort zu entwickeln. Gemeinsam mit Expert*innen der Universität Münster, zivilgesellschaftlichen Akteur*innen und dem jungen Start-up re:edu werden die Daten und die daraus abgeleiteten Maßnahmen für die Lokalmedien und die Lokalpolitik digital aufbereitet. Die avisierte umfassende Datenbasis soll den Jugendlichen im Diskurs Gehör verschaffen.

Einbindung der Lokalpolitik und der Lokalmedien

Die Schüler*innen arbeiten im Rahmen von Projektwochen intern an ihrer jeweiligen Schule gemeinsam mit den universitären Partner*innen und Expert*innen von re:edu. Zur Stärkung der Partizipations- und Diskursfähigkeit erfolgt nach der Durchführung aller Projektwochen an den fünf Schulen eine gemeinsame öffentlichkeitswirksame Abschlussveranstaltung, in der die Ergebnisse durch die Jugendlichen der lokalen Presse und Lokalpolitiker*innen vorgestellt werden. Die aufbereiteten Daten werden anschließend veröffentlicht und den Vertreter*innen von Stadt und Zivilgesellschaft zur weiteren Nutzung übergeben.

Aufarbeitung und Dokumentation der Materialien und Erfahrungen

Im zweiten Teil des Projekts sollen die Materialien und evaluationsbasierten Erfahrungen des Essener Projekts umfassend aufgearbeitet, gebündelt und dokumentiert werden. Es sollen in weiteren Ruhrgebietsstädten Lehrkräftefortbildungen mit dem Ziel durchgeführt werden, analoge Projekte in weiteren Schulvierteln durchzuführen. Die Fortbildungen fokussieren sich auf „spatial citizenship” als noch weitgehend unbekanntes Bildungskonzept und beinhalten entsprechend die Vermittlung technisch-methodischer Kompetenzen zur aktiven Nutzung digitaler Geomedien, die Generierung, Analyse und Darstellung von Geodaten sowie deren kritische Reflexion und den Erwerb kommunikativ-partizipativer Kompetenzen. Ein Transfer der Projektergebnisse soll zusätzlich durch eine Aufbereitung für lokale Medien sowie durch eine Lehrkräftehandreichung und Video-Tutorials erfolgen.

Projektdurchführung:
Westfälische Wilhelms-Universität Münster (WWU), Institut für Didaktik der Geographie
Münster, Nordrhein-Westfalen

DBU-AZ: 38456/01

Förderzeitraum: 

Stand: 09.08.2023

Titelbild: © Canva/tostphoto, Getty Images