Sowohl private Haushalte als auch die Außer-Haus-Verpflegung (AHV) tragen signifikant zur Lebensmittelverschwendung bei. Das DBU-geförderte Projekt „Mittel zum Leben” des Verbandes der Bildungszentren im ländlichen Raum e. V. (VBLR) setzte hier an und nutzte seine Multiplikator-Rolle, um entlang der Wertschöpfungskette und innerhalb seiner bundesweit 44 Bildungszentren für einen nachhaltigeren Umgang mit Lebensmitteln zu sensibilisieren. Die Einrichtungen des Verbandes sollten hierzu nachhaltig als aktive Impulsgeber in ihrer Region gestärkt werden – sowohl intern in ihren eigenen Abläufen als auch extern in der Bildungs- und Öffentlichkeitsarbeit. Es sollte erreicht werden, dass Einrichtungen, Teilnehmende und landwirtschaftliche Erzeuger*innen ihre Haltung zum Wert von Lebensmitteln überdenken und ihr Wissen erweitern. Gleichzeitig sollten Strategien zur Reduktion von Verlusten entwickeln und umsetzen.
Instrumente entwickeln und Verluste reduzieren
Die Projektarbeit gliederte sich in mehrere miteinander verzahnte Arbeitsschritte und methodische Bausteine. Ziel war es, die Mitarbeitenden in den Bildungseinrichtungen selbst für das Thema zu sensibilisieren und die eigenen Lebensmittelabfälle zu reduzieren. Zunächst wurde hierzu in zehn Modell-Bildungshäusern ein „Instrumentenkasten” für den verantwortungsvollen Umgang mit Lebensmitteln entwickelt, erprobt und gemeinsam mit den Umsetzenden verfeinert. So sollten Strukturen und Instrumente geschaffen werden, mit denen Verluste systematisch erfasst, bewertet und reduziert werden können, was den teilnehmenden Einrichtungen auch gelang. So konnten die Lebensmittelverluste auf Werte zwischen 4 und 14 % der Waren reduziert werden, was im Vergleich zu Verlusten von bis zu 35 % in Gastronomie und Außer-Haus-Verpflegung als deutlicher Erfolg gilt. Die gewonnenen Erkenntnisse flossen in eine veröffentlichte Handreichung ein, die die anderen Einrichtungen des VBLR, aber auch der AVH generell, bei der Reduktion von Lebensmittelabfällen unterstützen soll. Neben praktischen Tipps enthält diese auch Empfehlungen zur Kommunikation mit allen Beteiligten, was sich als essenziell für eine erfolgreiche Umsetzung erwies.
Zielgruppenspezifische Bildungskonzepte
Um wiederum Erzeuger*innen und Verbraucher*innen zu erreichen, wurden praxisnahe Curricula für Bildungsangebote ausgearbeitet, die sich an verschiedene Zielgruppen – Erwachsene, Jugendliche und Familien – richteten. Dabei stand jedoch nicht die reine Wissensvermittlung im Vordergrund, die Teilnehmenden sollten vielmehr eine Haltungsänderung und Befähigung zu nachhaltigerem Handeln erfahren. Den Projektverantwortlichen war es daher wichtig, die frontale Wissensvermittlung während der Seminare gering zu halten und den Fokus auf eine interaktive, lebensnahe Auseinandersetzung mit der Thematik zu legen. Die Module wurden an insgesamt 96 Seminartagen mit über 1.500 Verbraucher*innen sowie 30 Seminartagen mit über 350 Erzeuger*innen durchgeführt, evaluiert und weiterentwickelt. Die Abfragen vor und nach den Seminaren belegten einen klaren Effekt: Bei mehr als 80 % der Teilnehmenden wurde das Bewusstsein für die Bedeutung von Lebensmittelverlusten und -verschwendung gestärkt, und sie konnten ihr Wissen sowie ihre Motivation, selbst aktiv zu werden, signifikant steigern.
Dialogformate und Akteursvernetzung
Neben den Curricula wurden während des Projektes Dialogformate konzipiert, über die Erzeuger*innen und Konsument*innen in einen respektvollen Austausch zu einem achtsameren Umgang mit Lebensmitteln gelangen sollen. Die Formate können an die Gegebenheiten, Netzwerken und Ausrichtungen der Bildungshäuser angepasst werden und reichen von klassischen Gesprächsrunden, einem „Kinoabend” bis hin zu Aktionen in Kooperation mit dem Lebensmittelhandel. Dieser wurde als weiterer relevanter Akteur im Laufe des Projekts an mehreren Stellen einbezogen, und Projektergebnisse zudem an den Handel kommuniziert. In den Seminaren wurde darüber hinaus auch die Relevanz des Lebensmittelhandels thematisiert und die Seminarteilnehmenden zum Reflektieren ihrer Rolle als Kund*innen und damit entstehende Möglichkeiten der Einflussnahme animiert.
Politikdialog und strukturelle Veränderungen
Um die allgemeinen und gesetzlichen Rahmenbedingungen für weniger Lebensmittelverschwendung zu verbessern, wurde im Rahmen des Projektes auch die Politik angesprochen. Konkrete Forderungen basierten dabei auf den durchgeführten Bildungsveranstaltungen, dem Austausch mit hauswirtschaftlichen Fachkräften, sowie Expert*innen. Die Forderungen wurden in einem Konzept für Politikgespräche festgehalten, aber auch an Politiker*innen und Mandatsträger*innen verschiedener Ebenen kommuniziert. Als aufgrund der Corona-Pandemie persönliche Austauschformate unmöglich wurden, fanden zwei Mailingaktionen statt. Bei diesen wurden Bundestagsabgeordnete sowie Kandidat*innen für die Bundestagswahl 2021 nach ihren Vorhaben zur Reduktion der Lebensmittelverschwendung befragt und die entsprechenden Rückmeldungen anschließend veröffentlicht.
Projektdurchführung:
Verband der Bildungszentren im ländlichen Raum e. V.
Claire-Waldoff-Str. 7
10117 Berlin
DBU-AZ: 33274/01
Förderzeitraum: 05.10.2016 – 30.11.2022
Auch Jahre nach dem formalen Projektabschluss zeigen Erfahrungen und Rückmeldungen aus den beteiligten Bildungszentren an den Verband, dass die im Projekt vermittelten Inhalte und Einstellungen nachhaltig wirken. So wurde nach Projektende weiterhin an der Reduktion von Lebensmittelverlusten gearbeitet, etwa durch die Einführung einer veränderte Speisenausgabe bei den Mahlzeiten.
Darüber hinaus nutzten die Bildungszentren ihre im Projekt gewonnenen Erfahrungen, um sich in politischen Zusammenhängen und neuen Kooperationen weiterhin für einen verlustarmen Umgang mit Lebensmitteln einzubringen. So wurde beispielsweise im Herbst 2025 gemeinsam mit dem Katholikenrat im Bistum Osnabrück eine Podiumsdiskussion mit politischen Mandatsträgern sowie Vertreter*innen der Gemeinschaftsverpflegung und des Lebensmitteleinzelhandels durchgeführt, bei der gesetzliche Maßnahmen zur Verbesserung der Rahmenbedingungen im Mittelpunkt standen.
Das Format des Projekts und das Prozessdesign mit der Verknüpfung verschiedener Säulen (Bildungsauftrag, Ausrichtung der eigenen Einrichtung und politische Einflussnahme) hat sich in der Evaluation als authentisches und effektives Gesamtkonzept erwiesen. Die erfolgreiche Konzeption auf o. g. Säulen diente als Ausgangsbasis und Blaupause für ein weiteres DBU-Projekt zur Reduzierung von Elektroschrott (AZ 39898/01).
Weitere Informationen und die entstanden Materialien sind auf der Projektwebsite https://www.mittel-zum-leben.info/ abrufbar.