„Berufsschule meets Uni“: Konzeption eines politikdidaktischen BBNE-Kompetenzmodells zur Lehrkräftebildung

Die Sorge um die ökologische Zukunft ist bei allen Jugendlichen trotz sozialer Unterschiede vergleichbar hoch. Eine soziale und somit politische Ungleichheit besteht jedoch hinsichtlich des politischen Interesses und des gesellschaftlichen Engagements der Jugendlichen. Nachhaltigkeitsfragen sind per se auch politische Fragen, sodass der politischen Bildung mit ihrer Zielsetzung der mündigen Urteils- und Handlungsfähigkeit aller eine zentrale Funktion in der Nachhaltigkeitsbildung zukommt. Eine solche Politikkompetenz aller ist aufgrund der Brisanz globaler Umweltproblematiken wie Klimawandel und Verlust von Biodiversität von bedeutsamer Relevanz für oft konfliktreiche politische Problemlösungen, nicht zuletzt vor dem Hintergrund sozialer Ungleichheiten. Die politische Dimension hinter Nachhaltigkeitsfragen, insbesondere vordergründiger Alltagsfragen, fordert der Gesellschaft ein zunehmendes Maß an politischer Kompetenz ab. Trotz deren Notwendigkeit für Fragen von Nachhaltigkeit hat die politische Bildung ihren domänenspezifischen Beitrag zur Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) bisher nicht explizit präzisiert. Ebenso hat die BNE die Spezifik politischer Bildung nicht in ihren Kompetenzmodellen rezipiert. Hier setzt das Projekt an, das im Rahmen des DBU-Expert*innen-Gespräches zum Thema „Nachhaltigkeit und Politische Bildung“ initiiert wurde. Es adressiert die oben genannte Lücke in der Schnittstelle der Berufsbildung für nachhaltige Entwicklung (BBNE) und der politischen Bildung. Erstmals werden eine Konzeption, Operationalisierung und Dissemination eines übertragbaren politikdidaktischen BBNE-Kompetenzmodells für nachhaltige Entwicklung erarbeitet und erprobt. Am Beispiel der beruflichen Bildung des Gastgewerbes erfolgt dabei unter anderem ein inklusiver Blick auf BBNE und politische Fragestellungen im Rahmen der universitären Lehrkräftebildung, bezogen auf die konkrete Arbeit mit Berufsschüler*innen sowie die Lehrkräftefortbildung.

Workshop-Teilnehmende im Projekt „Berufsschule meets Uni“
© DBU-Projektpartner

Erarbeitung eines politikdidaktischen Kompetenzmodells und von Workshop-Formaten

Auf Basis der Analyse vorhandener Modelle wird ein politikdidaktisches Kompetenzmodell für die BBNE konzipiert und für ein Praxisprojekt zwischen Universität und Berufsschulen operationalisiert. Eine Gruppe von 50 bis 70 angehenden Politiklehrkräften für verschiedene Schultypen der Freien Universität Berlin planen gemeinsam mit dem Antragstellerteam Workshops zum Thema „Nachhaltigkeit und Ernährung im Kontext politscher Fragestellungen“ mit Fokus auf die Förderung politikdidaktischer BBNE-Kompetenzen.

Erprobung der Konzepte im Ausbildungszweig Gastgewerbe

Mindestens zwei Berufsschulklassen des Ausbildungszweiges Gastgewerbe mit bis zu 40 Berufsschüler*innen sowie deren Lehrkräfte der Bildungsgänge „Gastgewerbe“ und „Ernährung“ erproben das Modell. Maximal werden bis zu 120 Berufsschüler*innen und ihre Lehrkräfte erreicht. Für bis zu 40 Lehrkräfte werden ergänzend zwei Fortbildungsveranstaltungen durchgeführt.

Integration in das universitäre Lernen angehender Lehrkräfte

Die Studierenden erwerben in Seminarform Grundlagenkenntnisse zu Nachhaltigkeit und BBNE. Politikdidaktische Fragestellungen im Kontext „Nachhaltigkeit im Gastgewerbe“ können dabei beispielsweise sein, ob es Prämien für Betriebe geben sollte, die Lebensmittelverschwendung vermeiden, ob saisonale Gerichte billiger sein sollten als nicht saisonale, welche Alternativen zu Plastikverpackungen der Staat subventionieren sollte, wie soziale Ungleichheit beim Kauf von teureren Bio-Gerichten ausgeglichen werden kann, wie sich die „Big Four“ – Gesundheit, soziale Ziele, Umwelt- und Klimaschutz, Tierwohl – in einer nachhaltigen Ernährungspolitik gleichzeitig adressieren lassen oder wie Ernährungsumgebungen gestaltet sein müssen, ohne zu stark zu moralisieren, zwischen richtig/falsch zu polarisieren, Verantwortung zu individualisieren und zu stigmatisieren.

Logo des Projektes „Berufsschule meets Uni“
© DBU-Projektpartner

Integratives Arbeiten zum Thema durch Studierende und Berufsschüler*innen

Als integratives Bildungselement werden bei den Praxispartner*innen des Gastgewerbes Betriebsführungen mit Diskussionsveranstaltungen unter Einbezug von Expert*innen durchgeführt. Ein besonderer Fokus liegt auf der Identifikation der politischen Dimension im vermeintlich Alltäglichen wie Schul-/Mensa-Catering und Ausbildungsbetrieben und das Überführen in prozedurale Strategien. Die Lernenden diskutieren ihre im Rahmen des Bildungsprozesses identifizierten konkreten Nachhaltigkeitsansätze an den beruflichen Schulen, identifizieren mit den Studierenden mögliche (politische) Agenden zur Umsetzung und erörtern  diese schließlich in einer Podiumsdiskussion mit Vertreter*innen von Schulaufsicht, IHK, Politik und entsprechenden Betrieben in der Berliner Landeszentrale für Politische Bildung.

Evaluation, Anpassung und Eingliederung in die (Fort-)Bildung von Lehrkräften

Gemäß der formativen Evaluation des Projektes werden das Kompetenzmodell sowie die Hochschul-Workshops weiter optimiert. Die Ergebnisse werden als Bestandteile in die Lehrkräftefortbildung sowie die universitäre Bildung überführt. Erreicht werden soll somit die Konzeption und Evaluation eines politikdidaktischen BBNE-Kompetenzmodells, das als Prototyp gelten und auf die gesamte Bildungslandschaft dieses Bereiches ausstrahlen kann. Die Operationalisierung und Verstetigung durch Fortbildungen und Hochschul-Seminare in der beruflichen Bildung verfolgen den Ausgleich sozialer Disparitäten in der BBNE mit Blick auf die Politikkompetenz Lernender.

Projektdurchführung:

Freie Universität Berlin, Otto-Suhr-Institut
Berlin

DBU-AZ: 37983

Förderzeitraum: 01.08.2022 – 01.08.2024

Stand: 09.08.2023

Bilder und Logo: DBU-Projektpartner