Projekt 38016/01

Planetary Health – Transdisziplinäre Evaluation von Kiezblocks als städtebauliches Konzept zur kommunalen Gesundheitsförderung und Nachhaltigkeitstransformation: Pilotprojekt zur Etablierung konzeptueller und empirischer Grundlagen

Projektdurchführung

Universität Heidelberg
Medizinische Fakultät Mannheim
Zentrum für Präventivmedizin und Digitale Gesundheit
Alte Brauerei - Röntgenstr. 7
68167 Mannheim

Zielsetzung

Die Klimakrise stellt Städte bereits heute vor große Herausforderungen: Versiegelte Innenstadtbezirke heizen sich stark auf, während Regenwasser nur eingeschränkt versickern kann. Dies hat Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit, unter anderem durch Überlastung des Körpers bei Hitze oder psychische und physische Folgen von Starkregenereignissen. Zur Abmilderung der negativen Effekte sind strukturelle Veränderungen urbaner Räume nötig.

Ein zunehmend diskutiertes Konzept für Klimaschutz, Klimaanpassung und Gesundheitsförderung sind Kiezblocks - städtische Wohnquartiere, in denen der motorisierte Durchgangsverkehr durch bauliche und verkehrsrechtliche Maßnahmen (z.B. Modalfilter oder Einbahnstraßen) reduziert wird. Dadurch können die Aufenthaltsqualität verbessert, Grünflächen ausgeweitet, die Fuß- und Radinfrastruktur verbessert sowie neue Orte für Begegnung und nachbarschaftlichen Austausch geschaffen werden. Kiezblocks haben damit großes Potenzial, zu einer gesundheitsförderlichen und nachhaltigen Stadtentwicklung beizutragen. Ihre Effekte wurden bislang jedoch nur begrenzt empirisch untersucht. Zudem erfolgt die Priorisierung und Planung von Kiezblocks nicht flächendeckend datenbasiert.

Übergeordnetes Projektziel war es daher, die datenbasierte Planung, Priorisierung und Evaluation von Kiezblocks und verwandter städtebaulicher Interventionen durch die Etablierung konzeptueller und empirischer Grundlagen zu unterstützen. Hierzu

(1) entwickelten wir ein logisches Modell weiter, das potenzielle Wirkmechanismen und Effekte von Kiezblocks übersichtlich darstellt,

(2) erarbeiteten wir Empfehlungen zur Nutzung von Verwaltungs- und Citizen-Science-Daten für die Planung und Evaluation von Kiezblocks und

(3) erprobten wir die Datenerhebung mittels etablierter Forschungsmethoden in Kiezblocks und reflektierten die Nutzung von zwei Citizen-Science-Ansätzen zur Verkehrserhebung (Erhebung mittels Telraam-Verkehrszählern und Kordonerhebung) hinsichtlich ihrer Umsetzbarkeit.

Arbeitsschritte

Das Projekt gliederte sich in drei Arbeitspakete:

Strukturierte Weiterentwicklung des logischen Modells zu möglichen Wirkweisen von Kiezblocks (AP1)
Im Rahmen des Projekts wurde das initiale logische Modell, das vor Projektstart in zwei interdisziplinären Workshops mit Wissenschafter:innen aus unterschiedlichen Fachbereichen erstellt wurde, in drei Schritten strukturiert weiterentwickelt. In einem Umbrella Review wurde die internationale Literatur aufgearbeitet, um potenzielle Endpunkte und Wirkmechanismen von Kiezblocks und verwandten Konzepten zu identifizieren. In semistrukturierten Interviews explorierten wir die Perspektiven von lokalen Akteursvertreter:innen in Berlin, um ergänzend weitere potenzielle Endpunkte und Wirkmechanismen zu erfassen. In einem Beiratstreffen wurde die vorläufige Version des logischen Modells vorgestellt, validiert und weiterentwickelt.

Entwicklung von Empfehlungen zur Nutzung von Verwaltungs- und Citizen-Science-Daten für die Planung und Evaluation von Kiezblocks (AP2)
Die Empfehlungen wurden auf Basis eines Workshops und einer Reihe von Fachgesprächen mit relevanten Akteur:innen entwickelt. Im Workshop konnten Eckpunkte für Empfehlungen festgelegt werden. Die überblickshaften Eckpunkte wurden anschließend in mehreren bilateralen Fachgesprächen vertieft, sodass schlussendlich konkrete Empfehlungen abgeleitet werden konnten. Die Gespräche wurden in Form von Gesprächsprotokollen festgehalten und über eine qualitative Inhaltsanalyse ausgewertet.

Machbarkeitsstudie zur Evaluation von Kiezblocks (AP3)
Wir untersuchten die Machbarkeit einer Querschnittserhebung im Kontext von Kiezblocks, wobei insbesondere Verfahren zur Rekrutierung und Datenerhebung, Datenqualität und Schätzung erster statistischer Parameter für Folgeprojekte im Fokus standen. Ergänzend zur Querschnittserhebung reflektierten wir die Nutzung von zwei Citizen-Science-Ansätzen zur Verkehrserhebung (Erhebung mittels Telraam-Verkehrszählern und Kordonerhebung) sowie deren Beiträge zur Planung und Umsetzung von Kiezblocks.

Ergebnisse

Das logische Modell umfasst in der weiterentwickelten Version drei Ebenen mit Oberkategorien, Endpunkten und Subkomponenten. Im Zuge der Weiterentwicklung wurden neue Kategorien ergänzt sowie bestehende Kategorien stärker ausdifferenziert (Abbildung 1). Das logische Modell stellt eine fundierte Grundlage für die systematische Evaluation der Effekte von Kiezblocks dar, indem gleichermaßen internationale Evidenz und lokale Perspektiven integriert wurden.



Auf Basis von Fachgesprächen wurden praxisnahe Empfehlungen zur Nutzung von Verwaltungs- und Citizen-Science-Daten entwickelt. Für Verwaltungsdaten sind insbesondere klare Erhebungskonzepte sowie eine hohe Datenqualität und -dokumentation zentral. Für Citizen-Science-Daten gelten vergleichbare Anforderungen hinsichtlich Datenqualität und Transparenz sowie der Berücksichtigung rechtlicher Rahmenbedingungen. Darüber hinaus sind entsprechende Kompetenzen sowie technische Expertise auf Seiten der beteiligten Bürgerwissenschaftler:innen notwendig. Eine erfolgreiche Nutzung von Citizen-Science-Daten in Entscheidungsprozessen wird vor allem durch eine strukturierte und transparente Zusammenarbeit zwischen Verwaltung und Zivilgesellschaft sowie geeignete organisatorische Rahmenbedingungen unterstützt.



Die Ergebnisse der Machbarkeitsstudie zeigten, dass beide Citizen-Science-Ansätze einen eigenen Beitrag zur Planung und Evaluation von Kiezblocks leisten können und mit jeweils spezifischen Vorteilen, Anforderungsprofilen und Herausforderungen einhergehen. Die pilothafte Querschnittserhebung lieferte deskriptive Ergebnisse zu Gesundheit, Wohlbefinden und aktiver Mobilität, die zukünftige Fallzahlberechnungen für Interventions- oder quasi-experimentelle Studien unterstützen können.



Details zum logischen Modell, den Empfehlungen zur Nutzung von Verwaltungs- und Citizen-Science-Daten sowie den Ergebnissen der Machbarkeitsstudie finden sich im Abschlussbericht des Projekts.

Öffentlichkeitsarbeit

Die Projektergebnisse wurden auf Fachkonferenzen präsentiert und durch direkten Austausch mit zivilgesellschaftlichen Initiativen und Verwaltungen im DACH-Raum verbreitet. Zudem flossen die Ergebnisse in fachliche Leitlinien ein und sollen künftig wissenschaftlich publiziert werden.

Das Vorhaben wird im Rahmen von zwei Nachfolgeprojekten weitergeführt. Das KlimaKieze-Projekt (Förderung: Bundesministerium für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit) untersucht die partizipative Planung und modellhafte Umsetzung von zwei Kiezblocks im Bezirk Berlin Mitte. In der quasi-experimentellen KiezTransform-Studie (Förderung: Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt) werden die multidimensionalen Effekte von Kiezblocks auf Gesundheit, umweltbezogene Risikofaktoren, ökologische Nachhaltigkeit und gesundheitliche Ungleichheit sowie die für ihre Umsetzung notwendigen Governance-Prozesse untersucht. Die Ergebnisse des vorliegenden Projekts haben in beiden Fällen maßgeblich zur Studienkonzeption beigetragen.

Fazit

Im Rahmen des Projekts konnten wichtige konzeptuelle und empirische Grundlagen für die Planung und Evaluation von Kiezblocks als städtebauliche Intervention geschaffen werden. Das logische Modell fasst mögliche Endpunkte und Wirkmechanismen zusammen und bietet damit einen konzeptuellen Rahmen für die Planung zukünftiger Evaluationen. Die Empfehlungen zur Nutzung von Verwaltungs- und Citizen-Science-Daten für die Planung und Evaluation von Kiezblocks zeigen Ansatzpunkte auf, wie Verwaltung, Zivilgesellschaft und Bürger:innen die Planung und Evaluation von Kiezblocks und verwandter städtebaulicher Maßnahmen durch den weiterentwickelten Umgang mit Verwaltungs- und Citizen-Science-Daten stärken könnten. Die Pilotstudie lieferte die Grundlage für die Detailplanung der Evaluation von Kiezblocks im Rahmen der BMFTR-geförderten KiezTransform Studie und kann zudem die Konzeptualisierung weiterer Studien unterstützen. Die Projektergebnisse leisten damit insgesamt einen wesentlichen Beitrag zur kommunalen Gesundheitsförderung und Nachhaltigkeitstransformation.

Übersicht

Fördersumme

124.976,00 €

Förderzeitraum

01.07.2022 - 30.06.2025

Bundesland

Baden-Württemberg

Schlagwörter

Umweltkommunikation