Urwälder in (Mittel)Europa – Verantwortung übernehmen für das Europäische Naturerbe (Urwald-Verantwortung)
Projektdurchführung
Hochschule für Forstwirtschaft Rottenburg
Institut für Angewandte Forschung
Schadenweilerhof
72108 Rottenburg
Zielsetzung und Anlass des Vorhabens
Die Deutsche Bundesstiftung Umwelt (DBU) förderte in der Arbeitsgruppe von Prof. Dr. Rainer Luick von 2017 bis 2019 ein Forschungsvorhaben, das sich mit der Inventarisierung von Urwaldreservaten in Rumänien beschäftigte. Weniger als 1 % aller europäischen Wälder sind noch Urwälder; der Großteil davon (außerhalb von Russland) liegt im Karpatenbogen und hier in erster Linie in den rumänischen Karpaten. Dort gab es noch um das Jahr 2000 geschätzt 200.000 ha Wälder, die über Jahrtausende ohne Nutzungseinfluss waren, bzw. nur marginale Spuren historischer Nutzungen aufweisen (so genannte “Quasi-Urwälder”). Mit dem EU-Beitritt und dem Engagement von ausländischen Holzkonzernen, die überwiegend aus Österreich und Deutschland stammen, sind diese Urwaldflächen auf vermutlich schon weniger als 100.000 ha geschrumpft. Massive illegale und “legalisierte” Einschläge, aber auch ein vielfach nur in der Theorie bestehender Schutzstatus, sind die Ursachen. In diesem ersten Projekt wurden Kartierungen von Urwäldern und Quasi-Urwäldern durchgeführt, die für den sogenannten Rumänischen Urwaldkatalog gemeldet wurden. Insgesamt wurden Wälder in einer Dimension von 15.000 ha angesprochen; im Detail wurden ca. 5.200 ha untersucht und für 32 Gebiete Gutachten entsprechend den Kriterien des Nationalen Katalogprojektes erstellt. Mit den nach Abschluss des Projektes noch erkannten Gebieten wurden insgesamt rund 5.500 ha Urwälder und Quasi-Urwälder verteilt auf ca. 50 Teilgebiete in den Katalog aufgenommen.
Das hier vorgestellte Förderprojekt hat folgende Zielsetzungen:
(1) Identifizierung und Kartierung von Vorschlagsflächen für das auch von Rumänien zu erstellende Inventar von Schutzgebieten für Primär- und Alte Wälder als zentrales Ziel der EU-Biodiversitätsstrategie 2030 und ebenso als Element der völkerrechtlich verbindlichen UN Kumming-Montreal-Vereinbarungen.
(2) Wertschöpfungsoptionen für Menschen und Gemeinden über die Installation von nachhaltigen Wildnis-(Urwald)-Tourismus in Regionen aufzeigen, wo noch großflächige Urwald- und Quasiurwälder vorhanden sind und erste Umsetzungsschritte gemeinsam entwickeln. Der zentrale Gedanke dabei ist, dass über das Belassen der Wälder ein regelmäßiger und nicht nur einmaliger Profit generiert werden kann.
(3) Erfahrungen bereitstellen, Wissen vermitteln und technisches Know-how trainieren, mit der Zielgruppe interessierter regionaler Akteure und Freiwilliger. Diese wurden über Workshops zu eigenen Kartierungen von Urwäldern und Alten Wäldern und zu Beiträgen zum Komplex Regionalwirtschaft motiviert, und dazu, sich in entsprechenden Projektansätzen zu engagieren und eigene Projekte zu initiieren.
Darstellung der Arbeitsschritte und der angewandten Methoden
Die Koordinierung des Projektes lag bei Prof. Dr. Rainer Luick und Prof. Dr. Monika Bachinger. Die wissenschaftlichen Arbeiten wurden von Experten aus Österreich und Rumänien durchgeführt (Matthias Schickhofer und Ion Holban). Die Arbeiten und Methoden umfassten Desktop- und Vor-Ort-Recherchen und Kartierungen, Workshops (Präsenz, Online oder Hybrid) und intensiver Erfahrungsaustausch mit lokalen Akteuren.
Ergebnisse und Diskussion
Arbeitspaket Kartierung von Urwäldern und Alten Wäldern
Insgesamt wurden in den beiden Fokusgebieten (1) Făgăraș Mountains und (2) Domogled-Valea ca. 80.000 ha mit wahrscheinlichem Vorkommen von Primär- und Quasi-Urwäldern erfasst und kartiert. Davon waren ca. 55.000 h in (1) und ca. 24.500 ha in (2). Ergänzend wurden für (1) ca. 32.600 ha und für (2) ca. 17.300 ha als notwendige Verbindungs- und Wiederherstellungsflächen vorgeschlagen. Die Vorschläge wurden Regierungsbehörden und EU-Institutionen übermittelt und werden ausführlich in einer separaten wissenschaftlichen Arbeit publiziert.
Arbeitspaket regionale Wertschöpfung über sanfte (Ur)Wald-Wildnis-Erlebnisangebote
Die Analyse zeigte, dass es in den Karpatenräumen mit Vorkommen von großflächigen Urwäldern und Alten Wäldern bislang kaum Tourismus-, Informations- und Bildungsangebote gibt; weder von lokalen/kommunalen und von übergeordneten staatlichen Einrichtungen, noch von privaten Anbietern. Hauptprobleme, die gleichzeitig Herausforderungen und Lösungsstrategien erfordern sind: (1) praktische keine Zugänge mit öffentlichem Verkehr und wenn nur vereinzelt und sehr rudimentäre Zugangswege mit privaten Verkehrsmitteln; (2) nur sehr wenige Pfade, die in interessante Waldgebiete führen; oft sind diese kaum ausgeschildert (oder verschwundene Beschilderung), sind abschnittsweise gefährlich oder durch forstliche Eingriffe zerstört; (3) es existiert oft nur eine rudimentäre oder keine Infrastruktur in räumlicher Nähe.
Zentrale Ergebnisse des Arbeitspaktes sind:
(1) Basierend auf Desktop- und eigenen Vor-Ort-Recherchen und Austausch mit lokalen Akteuren Entwicklung eines Online-verfügbaren Informations- und Beratungstools “Best Practice Primary Forest Tourism: Inspiration - guidance - checklists - for nature and wilderness tourism developers and practitioners”. (2) In den Fokusgebieten Făgăraș Mountains und Domogled - Valea Cernei National Park wurden jeweils 4 Trails ausgewählt. Diese wurden teils mehrfach, auch mit Testpersonen begangen und notwendige Daten für eine Charakterisierung erhoben, die auch von Geodatenportalen wie Komoot oder OsmAnd importiert werden können. (3) Entwicklung und Hosting eine Projekthomepage, die nach Projektende von interessierten Karpatenbesuchern und Anbietern von Tourismusangeboten genutzt werden kann. Diese enthält Tourbeschreibungen, praktische Hinweise und ökologische Hintergrundinformationen.
Arbeitspaket Transfer und Öffentlichkeitsarbeit und Erfolg
Für den Transfer von Wissen und Erfahrungen und zur Schulung wurden mehrere Seminare durchgeführt, die auch praktische Komponenten beinhalteten. Mit Experten und interessierten Gruppen wurden Testwanderungen durchgeführt. Von Beginn an erfuhr das Projekt ein intensives internationales Interesse, was sich in einer beeindruckenden Presserezeption darstellt. Erste Touranbieter haben basierend auf der Arbeit Angebote entwickelt und erfolgreich durchgeführt.