Nachhaltige Sicherung der Biodiversität in bewirtschafteten Grünlandgebieten Norddeutschlands am Beispiel der Wiesenvögel in der Stollhammer Wisch (Landkreis Wesermarsch, Niedersachsen) - einem Gebiet mit gesamtstaatlicher Bedeutung für den Artenschutz

Aktenzeichen 19659/01
Abschlussbericht:
Projektträger: Hochschule VechtaInstitut für Naturschutz und Umweltbildung

49364 Vechta
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Telefon: 04441/15-1
Internet: -
Bundesland: Niedersachsen
Beschreibung:
Zielsetzung und Anlass des Vorhabens

Anlass des Vorhabens ist die Abnahme der Artenmannigfaltigkeit in norddeutschen Feuchtgrünlandgebieten. Sie zeigt sich besonders drastisch am Beispiel sogenannter Wiesenvogelarten (z. B. Kiebitz, Uferschnepfe), die in den vergangenen 50 Jahren erhebliche Bestandsrückgänge zu verzeichnen hatten. Bisherige Ergebnisse lassen vermuten, dass der Reproduktionserfolg nicht ausreicht, bestehende Populationen zu erhalten. Die geplante Untersuchung setzt hier an: Sie geht über die bisherigen Monitoringprogramme hinaus und untersucht die Kausalfaktoren für den niedrigen Bruterfolg. Ziel ist es, auf der Basis gewonnener Ergebnisse mit den Landwirten vor Ort, nachhaltige Bewirtschaftungssysteme zu entwickeln, die den Wiesenvögeln ein langfristiges Überleben sichern.


Darstellung der Arbeitsschritte und der angewandten MethodenInsgesamt werden 4 Grünlandgebiete untersucht, die sich wie folgt in der Bewirtschaftung unterscheiden: a) konventionell, b) konventionell mit Gelegeschutz, c) Bewirtschaftung im Sinne des Wiesenvogelschutzes, d) wie c) aber zusätzlich mit Wiedervernässung. Im Frühjahr 2002 sollen durch Nestkontrollen und Einsatz von Thermologgern und Kameras Gelegeverluste und ihre Verursachung geklärt werden. In die gleiche Richtung zielt die anschließende Besenderung von Kiebitz- und Uferschnepfenküken. Nur so kann ein realistisches Bild über den Bruterfolg ermittelt werden. Parallel soll die Nahrungssituation beider Limikolen und ihrer Küken beleuchtet werden. Dazu sind Fallenfänge vorgesehen, die im Anschluss an die Brutsaison ausgewertet werden. Neben diesen Untersuchungen sollen in 2002 erste Mikroanalysen der Brut- und Nahrungshabitate (z. B. Ermittlung der Vegetationshöhen, Stocherwiderstände etc.) erfolgen, die in den kommenden Jahren noch intensiviert werden. Die gefundenen Ergebnisse werden in Expertengesprächen den Kooperationspartnern und Landwirten vorgestellt. Der Projektablauf in den Folgejahren ist ähnlich, kann aber durch vorangegangene Befunde und die Expertengespräche modifiziert werden (z. B. Auszäunung von Gelegen bei hohem Prädationsdruck).


Ergebnisse und Diskussion

Im Verlauf der Untersuchung blieb bei gemeinsamer Betrachtung aller Untersuchungsteilflächen die Gesamtzahl der Brutpaare bei Uferschnepfen konstant, während bei Kiebitzen eine leichte Zunahme beobachtet wurde. Die Entwicklung der einzelnen Teilgebiete unterschied sich jedoch erheblich: In den kon-ventionell bewirtschafteten Teilgebieten gingen die Brutbestände beider Arten drastisch zurück, was in der Kontrollfläche ohne Gelegeschutz sogar zu einer Aufgabe des Brutgebietes führte. Deutliche Be-standszunahmen beider Arten konnten im wiedervernässten Teilgebiet beobachtet werden. Ein Schlupferfolg ließ sich in der konventionellen Kontrollfläche (ohne Gelegemarkierung) nicht feststellen. Konventionelle Bewirtschaftung bedeutet aber nicht zwangsläufig Gelegeverluste: durch Markierung der Gelege konnten in einem konventionell bewirtschafteten Teilgebiet Schlupferfolge bei Kiebitz und Uferschnepfe erreicht werden, die sich nicht signifikant von den Vertragsnaturschutzflächen unterschieden. Erhebliche Unterschiede traten jedoch zwischen den Untersuchungsjahren auf: im Jahr 2001 wurde ein sehr gerin-ger Schlupferfolg (ca. 13 %) bei beiden Arten festgestellt, der in den darauffolgenden Jahren deutlich anstieg (Kiebitz 50-65 %, Uferschnepfe 36-55 %). Gelegeverluste wurden sowohl durch landwirtschaftliche Einflüsse als auch durch Prädatoren verursacht, wobei Prädationsverluste in allen Jahren deutlich überwogen. Insbesondere im Jahr 2001 lag das tägliche Prädationsrisiko mit rd. 5 % bei beiden Arten außergewöhnlich hoch. Mittels Thermologgern konnte im Verlauf der Studie gezeigt werden, dass die Mehrzahl der Gelegeverluste durch Raubsäuger verursacht wurde: in 70 % der Fälle gingen die Gelege in Dunkelheit oder Dämmerung verloren. Die landwirtschaftlich bedingten geringfügigen Gelegeverluste gingen ausschließlich auf Viehtritt zurück. Häufungen der Verluste durch Viehtritt traten im wiedervernässten Vertragsnaturschutzgebiet auf. Ursächlich dürfte hier die Beweidung durch hochmobile Tiere (junge Pferde) in Kombination mit einer Reduzierung der Fläche durch Überstauung sein. Die Kükenüberlebensrate wurde mittels terrestrischer Radiotelemetrie ermittelt. Dabei variierten das tägliche Prädationsrisiko sowie die identifizierten Prädatoren erheblich zwischen den einzelnen Untersuchungsjahren. Als Kükenprädatoren wurden insgesamt 12 Vogel- und Säugetierarten nachgewiesen, wobei die Verluste durch Vögel überwogen. Weitere Kükenverluste traten durch Kaltwettereinbrüche (insbesondere in Verbindung mit Niederschlägen) sowie durch sog. Grüppen auf. Diese steilwandige Entwässerungsrinnen, konnten die Küken aufgrund des steilen Profils nicht verlassen und ertranken. Gemeinsam mit den Landwirten wurde ein Konzept zur kükenfreundlichen Grüppe entwickelt, Verluste daraufhin: Null (Hauptmerkmal: Erneuerungszeitpunkt im Herbst statt Frühjahr, dadurch Entschärfung der Ufer bis zum Frühjahr; alternativ: flachere Profile fräsen). Der Reproduktionserfolg des Kiebitzes lag in 3 der 4 Untersuchungsjahre (knapp) oberhalb des für stabile Populationen benötigten Wertes von 0,8 flüggen Küken pro Brutpaar. Gleiches gilt für die Uferschnepfe, die jedoch auch im Jahr 2002 nur ein unzureichendes Reproduktionserfolg erzielte.
Der zweite Teil der Studie beschäftigte sich mit der Habitatwahl adulter Kiebitze und Uferschnepfen sowie deren Küken in der Stollhammer Wisch. Die Habitatanalyse zeigt, dass Kiebitze und Uferschnepfen sowohl bei der Nistplatzwahl als auch bei der Jungenaufzucht unterschiedliche, teilweise sogar gegensätzliche Ansprüche an ihr Habitat stellen.


Öffentlichkeitsarbeit und Präsentation

Regional: regelmäßiger Runder Tisch mit Teilnehmern der Bezirksregierung, Landkreis, Landvolkverband, Kreisjägerschaft, Naturschutzverbände sowie die involvierten Landwirte und Jagdrevierpächter; jährliches Treffen mit Darstellung der Ergebnisse; Zusammenarbeit mit Schulen (Wiesenvogel-AG); Exkursionen für Bürger und Schulklassen in das Projektgebiet (Kooperation Umweltstation Iffens);
Überregional: jährliche Expertengespräche bei der Bez.-Reg. Weser-Ems; moderiertes internationales Expertengespräch, Umweltstation Iffens; Publikationen in wiss. Fachzeitschriften (teilw. international); Teilnahme an div. wiss. Fachtagungen (teilw. int.); Organisation von drei int. Wiesenvogeltagungen; Berichterstattung durch überregionale Medien (Zeitschrift Natur + Kosmos, NDR-Fernsehen Nordsee-Report).


Fazit

Den unterschiedlichen Habitatansprüchen von Kiebitz und Uferschnepfe kann nur eine Mosaikbewirtschaftung in einem adäquaten Maßstab gerecht werden. Dabei können landwirtschaftlich bedingte Verluste durch eine angepasste Bewirtschaftung minimiert werden. Außerhalb festgesetzter Schutzgebiete sind Maßnahmen zum Wiesenvogelschutz nur in Zusammenarbeit mit den Flächenbesitzern und -bewirtschaftern sinnvoll und erfolgreich. Dazu ist eine gut organisierte Öffentlichkeitsarbeit essentiell. Im Rahmen dieser Studie konnten verschiedene Erfolge durch das regelmäßige Zusammenkommen und Absprachen aller Beteiligten am Runden Tisch erzielt werden.In der vorliegenden Studie war Prädation die Hauptursache für Gelege- und Kükenverluste, die in einem Untersuchungsjahr sogar zu einem deutlich unzureichenden Reproduktionserfolg führte. Deshalb stellt sich die Frage, wie mit diesem Problem umgegangen werden soll. Da die Prädationsrate räumlich wie zeitlich stark schwankt, können Lösungen nur auf lokaler Ebene gefunden werden. Dabei ist zunächst zu klären, ob die Prädationsrate tatsächlich den Brutbestand gefährdet. Wenn ja, sind weitere Erkenntnisse zu Art und Häufigkeit beteiligter Prädatoren unerlässlich. Nur mit gesicherten harten Daten lassen sich wirkungsvolle Aktionspläne aufstellen. Diese können sowohl habitatsteuernde Maßnahmen als auch (bei stark anpassungsfähigen Arten) ein Prädatorenmanagement umfassen.

Förderzeitraum: 01.04.2002 - 31.03.2006 (3 Jahre und 12 Monate)
Fördersumme: 124.100,00
Förderbereich: II.7.2
Stichworte: Arten- / Biotopschutz , Landwirtschaft
Publikationen:

DBU-Publikationen zu diesem Projekt
Gezielter Schutz für gefährdete Wiesenvögel