„Wissen schafft Wertschätzung“ – Interview zum Thema Lebensmittel

Dr. Susanne Wiese-Willmaring leitet in der DBU das Referat „Lebensmittel“. DBUaktuell sprach mit ihr darüber, wo und warum Lebensmittel verloren gehen und wie sich dies ändern lässt.

DBUaktuell: In Deutschland landen über 10 Millionen Tonnen Lebensmittel nicht auf unseren Tellern, sondern gehen verloren. Wo passiert das?

Susanne Wiese-Willmaring: Leider auf allen Stufen der Wertschöpfungskette. Schaut man sich die Verlustraten aber genauer an, liegen die privaten Haushalte mit einem Anteil von 58 Prozent klar vorn. Weitere relevante Lebensmittelverluste entstehen in der Verarbeitung (17 Prozent) und Gastronomie (16 Prozent) sowie im Handel (7 Prozent).

Prozentueller Anteil der Lebensmittelverluste entlang der Wertschöpfungskette. Quelle: Umweltbundesamt
© DBU via Canva

DBUaktuell: Und worauf beruhen diese Verluste?

Wiese-Willmaring: Wenn Verbraucher*innen in Deutschland Lebensmittel wegwerfen, kann das zahlreiche Gründe haben. Dazu gehört auf jeden Fall die notwendige Entsorgung verdorbener, nicht genießbarer Lebensmittel. Häufig kommt es aber auch zu Verunsicherung durch das Mindesthaltbarkeitsdatum und es werden Produkte weggeworfen, die noch bedenkenlos hätten verzehrt werden können. Auch mangelnde Einkaufsplanung und nicht bedarfsgerechte Packungsgrößen spielen eine große Rolle, denn Angebot und Preisgestaltung im Handel können dazu verleiten, über den tatsächlichen Bedarf hinaus einzukaufen. Hinzu kommt, dass oftmals Erfahrung bei der Resteverwertung fehlt. Gerade für kleine Haushalte kann die Vermeidung von Lebensmittelverlusten zu einer echten Herausforderung werden. Aber auch in anderen Bereichen gehen Lebensmittel verloren, z. B. durch Fehlproduktionen oder die aus hygienischen Gründen eingesetzten, sogenannten Spülchargen , wenn in der Verarbeitung ein neues Produkt auf derselben Maschine produziert wird. Und nicht zuletzt führen die Anforderungen des Handels dazu, dass Lebensmittel, insbesondere Obst und Gemüse, die optisch nicht perfekt sind, aber bedenkenlos gegessen werden könnten, aussortiert bzw. nicht angenommen werden. Das alles ist nicht neu, aber leider immer noch sehr aktuell.

DBUaktuell: Was lässt sich tun, damit sich etwas ändert?

Wiese-Willmaring: Im Hinblick auf das Mindesthaltbarkeitsdatum gilt weiterhin der Tipp für Verbraucher*innen: Gucken, riechen, schmecken – und den eigenen Sinnen vertrauen. Viele Lebensmittel, z. B. Quark, Joghurt, Nudeln, Süßwaren, etc. sind nach Ablauf der Mindesthaltbarkeit noch uneingeschränkt verzehrfähig. Das gilt ausdrücklich nicht für besonders leicht verderbliche Produkte wie Hackfleisch, Fisch, Geflügel, die mit einem Verbrauchsdatum („zu verbrauchen bis“…) ausgezeichnet sind und nach Ablauf dieses Datums nicht mehr verzehrt werden sollten.

Als DBU engagieren wir uns für Verlustminderung auf allen Stufen der Wertschöpfungskette. Ein gutes Beispiel dafür ist das Projekt zum Reduzieren des Stickstoffdüngers im Gemüseanbau. Der Ansatz ist in dieser Form einzigartig, da das Projekt eine Betrachtung entlang der gesamten Wertschöpfungskette für Frischegemüse erlaubt hat. Momentan fördern wir viele Projekte, die sich mit sogenannten Nebenströmen aus der Produktion befassen. Viele davon, die auf den ersten Blick als Abfälle wahrgenommen werden, können hochwertig weiter genutzt werden: Zum Beispiel Trester aus der Apfelsaftproduktion für die Entwicklung einer umweltfreundlichen Verpackungslösung, Biertreber für die Herstellung von Milchersatz oder Reste aus der Sojaverarbeitung als Rohstoff für ein pflanzliches Fleischersatzprodukt.

Neben der Wertschöpfungskette zielt die DBU auf Wissensvermittlung, von der frühkindlichen Bildung bis zur beruflichen Qualifizierung. Wissen schafft Wertschätzung und Bewusstsein. Beides brauchen wir. Gerade die letzten Jahre haben uns gezeigt, dass durch Ereignisse wie Pandemien oder politische Konflikte Lieferketten plötzlich gestört oder komplett unterbrochen werden können. Ressourcenbewusstes Wirtschaften, Lebensmittelwertschätzung und der Erhalt einer tragfähigen regionalen Produktion sind deshalb wichtige Faktoren für unsere Ernährungssicherheit.