Wie sieht Bauen für die Zukunft aus? Es muss nicht immer Neubau sein. Im Gegenteil – DBU-Projekte zeigen: große Chancen liegen im Gebäudebestand.
Familienfreundliche Wohnungen, kulturelle Räume, Gastronomie, Kleingewerbe und Co-Working-Bereiche statt trister Betongeschosse und parkender Autos: Diese Vision setzt die Genossenschaft Gröninger Hof eG zurzeit in Hamburg um. Es geht dabei um die Umgestaltung des Parkhauses Gröninger Hof zu einem neuen Wohn- und Lebensraum. Das Modellprojekt beruht auf einem DBU-geförderten Forschungsbericht der MUT Urban Trust Stiftung gGmbH zur Transformation des Hamburger Quartiers Südliche Altstadt. In den Prozess wurden sowohl das Fachwissen von Planenden als auch das lokale Wissen der Anwohnenden einbezogen.
Das Beispiel zeigt: Neue Wohn- und Lebensperspektiven zu schaffen, erfordert nicht zwingend neue Gebäude. „Der Bestand sollte Vorrang haben – also Sanierung, Umbau und Weiterentwicklung vor Neubau“, sagt Sabine Djahanschah, DBU-Referentin für zukunftsfähiges Bauwesen. Der Gebäudesektor ist gekennzeichnet von hohen Treibhausgasemissionen sowie einem intensiven Ressourcenverbrauch. Gerade deshalb kann er ein entscheidender Hebel auf dem Weg zur Klimaneutralität und zu einer ressourcenschonenden Wirtschaft sein. „In jedem Gebäude steckt bereits investierte Energie. Wer erhält und weiterbaut, schützt aktiv das Klima“, so Djahanschah.
Wie sich Weiterbauen im Bestand mithilfe des nachwachsenden Rohstoffes Holz verwirklichen lässt, untersucht ein DBU-Projekt der Technischen Hochschule Dresden: Hier werden Holzaufbauten für die vertikale Erweiterung von Bestandsgebäuden entwickelt. Modulare Holzbauteile und eine digitale Prozesskette ermöglichen eine schnelle und kostengünstige Planung und Fertigung, angepasst an das jeweilige Bauvorhaben.
Nachverdichtung und Umnutzung vermeiden unnötigen Flächenverbrauch und stärken lebendige Städte. Allerdings: Einzelne Gebäude machen noch keine Stadt. „Die Transformation des Gebäudebestands ist nur dann erfolgreich, wenn sie auf Quartiersebene gedacht wird. Klimaneutrale Gebäude entstehen nicht isoliert, sondern durch das Zusammenspiel von Energieversorgung, Infrastruktur, Nutzung und Nachbarschaft“, erläutert Martin Schulte, bei der DBU zuständig für nachhaltige Quartiersentwicklung. So konnten im Projekt „net Zero-Konzepte“ für fünf Quartiere in vier Städten konkrete Umsetzungspläne erarbeitet werden, die zur kurzfristigen Dekarbonisierung von über 1.200 Wohneinheiten führen (siehe unten).
Doch was passiert, wenn sich in den Quartieren historische Gebäude befinden und Auflagen des Denkmalschutzes beachtet werden müssen? Das erprobt die Stadt Gröningen: Dort wird ein Gebäude aus dem 17. Jahrhundert zum Beispielprojekt für ein energetisches Zukunftsquartier in der Ortsmitte (siehe unten). Constanze Fuhrmann vom DBU-Referat Umwelt und Kulturgüterschutz: „Die Aussage, denkmalgeschützte Häuser könnten nicht energetisch saniert werden, greift zu kurz. Das geht sehr wohl. Daher gilt: Historische Bausubstanz bewahren. Das stärkt die soziale und ökologische Nachhaltigkeit.“
Ein Projekt auf dem historischen Rittergut Riesa adressiert ein weiteres Kriterium, das für jedes Bauprojekt zentral ist: den Fachkräftemangel. In dem Vorhaben R³ – Reallabor Rittergut Riesa wird das über 100 Jahre alte Industriedenkmal zu einem Referenzobjekt für innovative Forschung, Wohnen, Arbeiten und Lernen umgebaut. Dort wird ein neues Bildungsangebot für nachhaltige Gebäudesanierung praxisnah in das duale Studienmodell an der Dualen Hochschule Sachsen (DHSN) integriert. Die Studierenden arbeiten aktiv an der Sanierung des Gebäudes mit.
„Die Zukunft des Bauens liegt nicht im Neubau, sondern im intelligenten Umgang mit dem, was bereits existiert: ökologisch sinnvoll, wirtschaftlich relevant und gesellschaftlich anschlussfähig“, so DBU-Abteilungsleiterin Dr. Cornelia Soetbeer als Leiterin der interdisziplinären DBU-Projektgruppe Bauen und Kulturgüterschutz. „Daher engagiert sich die DBU für eine grundlegende Transformation des Bauens im Sinne einer Bestandswende. Nachhaltiges Bauen vereint Materialeffizienz, Energieeinsparung, Kreislaufprinzipien und den Erhalt des Gebäudebestands. Innovative Förderideen zu diesen Themen sind jederzeit willkommen.“
Mehr zum Thema klima- und ressourcenschonendes Bauen, beispielsweise zu Kreislaufwirtschaft im Bau und alternativen Baumaterialien findet sich in unserem Jahresbericht: www.dbu.de/jahresbericht/jahr-2025/klima-und-ressourcenschonendes-bauen/
Klimaneutrale Quartiere im Bestand: Innovative Lösungen für mehr Wohnraum und Energieeffizienz

Klimaneutrale Stadtviertel sind machbar – ohne zusätzlichen Flächenverbrauch und mit wirtschaftlichem Nutzen, das beweist ein Vorhaben der Target GmbH. Fünf Quartiere mit insgesamt 800 Wohneinheiten in Städten wie Erlangen, Rostock, Hannover und Sarstedt werden durch innovative Sanierungsmethoden klimaneutral umgewandelt. Beispielhaft sind zwei Siedlungen der Gewobau Erlangen, wo bereits zwei Quartiere erfolgreich saniert wurden.
Im Süden der Stadt wurden sechs Gebäude mit seriell vorgefertigten Komponenten saniert und um 32 Wohneinheiten auf 156 Wohneinheiten aufgestockt. In einem weiteren Quartier in Erlangen-Bruck erfolgte die serielle Sanierung von sechs Wohnblocks und 132 Wohneinheiten – ganz ohne zusätzlichen Flächenverbrauch. Die Sanierungen erfolgen dabei im bewohnten Zustand, sodass Mieterinnen und Mieter kaum beeinträchtigt werden.
Innovative Energiekonzepte sind Teil des Projektes: Durch Fernwärmeanschlüsse, Wärmepumpen und Photovoltaik-Anlagen erreichen die Quartiere sogar eine Plusenergiebilanz. Dabei sorgen ein Fernwärmeanschluss und eine neu installierte Photovoltaik-Anlage für den größten Effekt.
Für die Wärmewende im Gebäudesektor liefert das Projekt Ansätze, die ohne zusätzliche Flächeninanspruchnahme umsetzbar sind. Die Beispiele aus Erlangen und anderen Städten zeigen: Klimaneutrale Quartiere sind eine realistische Vision für die Zukunft.
Der Abschlussbericht des DBU-geförderten Projekts steht hier zum Download zur Verfügung: www.dbu.de/projektdatenbank/35579-01/
AZ 35579
Klimaneutrale Energieversorgung für ein Denkmal
Wie lassen sich Denkmalschutz, die Strom- und Wärmeversorgung mit erneuerbaren Energien und eine nachhaltige Wärmedämmung kombinieren – und das in einem Gebäude aus dem 17. Jahrhundert? Das erprobt die Stadt Gröningen am Denkmalensemble Rittergut Edelhof in der Gröninger Innenstadt.

Für die Energieversorgung des Gebäudes soll vor allem Sonnenenergie genutzt werden: Dazu werden neu entwickelte gläserne Dachsteine installiert, in die eine Photovoltaik integriert ist. Diese sogenannten Linkskremper entsprechen den Denkmalschutzanforderungen an das historische Erscheinungsbild und liefern Strom und Wärme. Weitere Wärme wird durch eine im Dachsystem integrierte Wärmetauscher-Ebene sowie über eine damit verbundene Wärmepumpe erzeugt. Essenziell ist der Einsatz eines großen thermischen und eines Batteriespeichers, um Schwankungen im Energieangebot auszugleichen.
Um den Heiz- und Kühlbedarf zu senken, wird das Gebäude mit einem neu entwickelten Hochleistungsdämmputz versehen, einem Aerogel-Lehmputz. Aerogele sind hochporöse Stoffe, bei denen bis zu 99,9 Prozent des Volumens aus Poren bestehen. Dieser Putz soll die Transmissionswärmeverluste um ein Drittel reduzieren, ohne die Bausubstanz oder die historische Erscheinung zu beeinträchtigen.
Neben diesen Maßnahmen enthält das Projekt auch eine wirtschaftliche Bewertung. Ziel ist es, die Nebenkosten für Heizung und Warmwasser so weit zu senken, dass eine höhere Kaltmiete dadurch ausgeglichen wird. Dadurch bleiben die Wohnungen für Mieter*innen attraktiv und die Sanierung wird für die Eigentümer*innen finanzierbar.
Mehr zum Projekt in unserer DBU-Pressemitteilung sowie in einer Mitteilung der Verbandsgemeinde Westliche Börde.
AZ 39450