Naturschutz im Takt der Schafe

Schäfer David Papp beweidet mit seinen Merinoschafen die DBU-Naturerbefläche Reiterswiesen

Bad Kissingen. Genüsslich grasen die 500 Merinoschafen auf der DBU-Naturerbefläche Reiterswiesen. Die jungen Lämmer blöken nach ihren Müttern und gelegentlich ruft Schäfer David Papp (32) mit einem lauten „Hepp“ nach ihnen. Den Ton gibt der Schäfer an, den Takt bestimmen die Schafe. Mit ihrem Appetit und Fressverhalten halten die Tiere die seltenen und europäisch geschützten Kalk-Magerrasen offen.

Schäfer David Papp gibt gemeinsam mit Hütehündin Caro den Ton an und begleitet seine 500 Merinoschafe über die DBU-Naturerbefläche Reiterswiesen.
© Gesa Wannick/DBU Naturerbe

Zuhause zwischen bayrischen Wiesen und Weiden

Aus Opferbaum, einem Teilort der Gemeinde Bergtheim im unterfränkischen Landkreis Würzburg, zieht Schäfer Papp mit seinen Schafen rund 100 Kilometer im Jahr durch Bayern. Reiterswiesen, eine rund 300 Hektar große Naturerbefläche der gemeinnützigen Tochtergesellschaft der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU), ist eine von mehreren Etappen. „Ich komme im Mai ins DBU Naturerbe und bleibe bis Juli hier. Dann ziehe ich weiter in Richtung Norden bis Münnerstadt und komme im Oktober auf dem Rückweg wieder vorbei. Da die Weiden dann nicht mehr so viel Futter bieten, sind wir zum Winter zurück im Stall in Opferbaum“, beschreibt Papp. Diesen Rhythmus kennt der 32-Jährige nicht erst seit 2019, seitdem er die wertvollen Lebensräume im Nationalen Naturerbe beweidet. Als Enkel eines Schäfers, Sohn eines Schäfers und jüngerer Bruder eines Schäfers verbrachte Papp den größten Teil seiner Kindheit auf bayrischen Wiesen und Weiden. „Von Kindesbeinen an habe ich zur Schäferei dazugehört. Es gab bei uns kein Wochenende und keinen Sonntag und das ist bis heute so geblieben“, sagt Papp, der gemeinsam mit seinem Bruder eine Hofgemeinschaft hat. Er ergänzt: „Der bestehende Familienbetrieb war für uns beide zu klein. Nun hat jeder von uns seine eigene Herde, die er durch Bayern begleitet.“

Nicht eintönig, sondern mehrstimmig: Schäfer Papp mag keinen großen Trubel und begeistert sich für die Ruhe der Natur und die Selbstbestimmung, die sein Beruf mit sich bringt.
© Gesa Wannick/DBU Naturerbe

Den Takt geben die Schafe vor

Papp sagt selbst, er mag keinen großen Trubel. Er begeistert sich für die Ruhe der Natur und die Selbstbestimmung, die sein Beruf mit sich bringt. Ein typischer Arbeitstag wirkt für ihn nicht eintönig, sondern mehrstimmig. Täglich prüft er Wetterverhältnisse, den Gesundheitszustand der Tiere, das Futterangebot und die nächtliche Rastfläche. „Jeden Tag stelle ich mich auf neue Bedingungen ein, treffe unzählige Entscheidungen und trage die Verantwortung für 500 Lebewesen. Das ist Management eines mittelgroßen Unternehmens“, sagt Papp und lächelt stolz.

Die Schafe pflegen mit ihrem Appetit die Kalk-Magerrasen auf der DBU-Naturerbefläche Reiterswiesen und erhalten dadurch beispielsweise für den Bienen-Ragwurz, eine Orchideenart, wertvolle Lebensräume.
© Tobias Leikauf/DBU Naturerbe

Appetit auf biologische Vielfalt

Für Außenstehende scheinen die Mutterschafe und ihre Lämmer mit Ruhe und Gelassenheit das Grün der Reiterwiesen abzufressen. Doch Papp nimmt eine andere Stimmung wahr. „Wahrscheinlich regnet es gleich wieder“, vermutet der Schäfer. „Wetterumbrüche merken die Schafe schnell, fressen dann, was das Zeug hält, und nutzen die Regenzeit zur Verdauung. Die mögen es nicht, nass zu werden“, weiß Papp. Immer wieder ruft der 32-Jährige nach ihnen, um sie auf dem rund ein Hektar großen Kalk-Magerrasenstück im Süden der DBU-Naturerbefläche beisammenzuhalten. Beweidung sei für den Naturschutz bedeutend, weiß auch Dr. Roland Schröder, der im DBU Naturerbe für das Offenlandmanagement zuständig ist. „Dort, wo Tiere grasen, fördern sie die biologische Vielfalt und erhalten wertvolle Ökosysteme“, betont Schröder. Würden die Merinoschafe das schütterbewachsene Grünland nicht beweiden sowie pieksende Schlehengebüsche, junge Gehölzkeimlinge oder dominierende Gräser wie Aufrechte Trespe oder Fieder-Zwenke nicht abfressen, so würde es nach und nach zuwachsen, zunächst verbuschen und über die Zeit zu Wald werden. Die Vereinten Nationen haben das Jahr 2026 zum Internationalen Jahr der Weidelandschaften und des Hirtentums erklärt, um auf die ökologische, kulturelle und wirtschaftliche Rolle extensiver Beweidung hinzuweisen. Auch im DBU Naturerbe werden zahlreiche Flächen durch tierischen Appetit offen gehalten.

Zwei Portionen Magerrasen am Tag

Die Beweidungsflächen liegen mosaikartig auf der DBU-Naturerbefläche verteilt und sind eingestreut in halboffene Strukturen. In Deutschland sind solche mageren Grünlandflächen selten geworden, die durch eine jahrhundertelange Nutzung als Weiden und ohne Einsatz von Dünger auf kalkreichen Böden entstanden sind. Dabei ist ihr breites Spektrum an Pflanzen- und Insektenarten bedeutend für die biologische Vielfalt und „ein Schmankerl für die Tiere“, weiß Papp. „In Reiterswiesen wachsen etwa die vom Aussterben bedrohte Spatzenzunge und die Bienen-Ragwurz, eine Orchideenart. Ebenso findet der Kreuzenzian-Ameisenbläuling hier Lebensräume“, erklärt Schröder. Schmackhaftes finden die Tiere auf dem Kalk-Magerrasen somit einiges. Damit die Herde aber auch der Verbuschung durch Schlehe und Gehölzen Einhalt bietet, treibt der Schäfer sie mehrmals über verschiedene Teilflächen. Er erklärt: „Ich beweide in Portionen. Morgens geht es für die Schafe auf ein bereits beweidetes Teilstück, damit sie mit viel Appetit auch an unliebsame Pflanzen gehen. Anschließend folgt die Verdauungspause in den umliegenden Wäldchen und am Nachmittag ziehen wir auf eine frische Fläche.“ So bewegen sich die Tiere langsam über die Fläche. Zum Feierabend kommt die Herde in einen festen Nachtpferch. Der Elektrozaun schützt sie vor dem Wolf. Papp kann dann gemeinsam mit Hütehündin Caro nach Hause zu seinem Hof fahren, bevor ein neuer Tag im gleichen Takt beginnt.

Täglich begleitet David Papp seine Herde und zieht gemeinsam mit ihnen rund 100 Kilometer durch Bayern.
© Gesa Wannick/DBU Naturerbe
Wohlfühlort: Als Enkel eines Schäfers, Sohn eines Schäfers und jüngerer Bruder eines Schäfers verbrachte Papp den größten Teil seiner Kindheit unter Schafe.
© Gesa Wannick/DBU Naturerbe

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