MeerĂ€sche auf Melone und Rotalgen: „Ferner Osten“ liegt in List auf Sylt

Forscher des Alfred-Wegener-Instituts untersuchten Nahrungstauglichkeit von Nordseealgen - DBU förderte
List. MeerĂ€sche auf Melone - und Rotalgen! Wer dabei an fernstöstliche KĂŒche denkt, muss den Fernen Osten demnĂ€chst in deutschen KĂŒstenregionen suchen. Denn wenn es nach den Visionen des Alfred-Wegener-Instituts fĂŒr Polar- und Meeresforschung in List auf Sylt geht, werden Algen zukĂŒnftig auch auf traditionellen SpeiseplĂ€nen in heimischen Gefilden hĂ€ufiger zu finden sein. "Gesund, nahr- und schmackhaft und vor allem das einzige GemĂŒse, fĂŒr dessen Erzeugung wir kein SĂŒĂŸwasser benötigen. Und SĂŒĂŸwasser ist ein knapper Rohstoff," weiß Prof. Dr. Klaus LĂŒning, der die Tauglichkeit von Nordseealgen fĂŒr die menschliche Nahrung untersucht hat. Gefördert wurde das nun abgeschlossene Projekt mit 100.000 Euro durch die Deutsche Bundesstiftung Umwelt (DBU).

"Algen eignen sich hervorragend als Nahrungsmittel und Rohstoff fĂŒr Schönheits- oder Medizinprodukte"

40.000 Algenarten sind auf der gesamten Welt bekannt, 160 zum Essen geeignet. Und gegessen werden sie! In SĂŒdostasien gehen jĂ€hrlich neun Millionen Tonnen durch die hungrigen Kehlen. "Algen haben eine NĂ€hrstoffgehalt wie keine andere Nahrung auf der Welt und eignen sich hervorragend als Nahrungsmittel sowie als Rohstoff fĂŒr Schönheits- oder Medizinprodukte," sagt DBU-Pressesprecher Franz-Georg Elpers. Angesichts ausgelaugter Böden und belasteter Nahrungsmittel biete es sich an, Algen in Massenkultur zu erzeugen, zu verwerten und so ganz nebenbei auch noch NĂ€hrstoffe aus angekoppelten Fisch-Wasserkulturen im Kreislaufsystem zu verwerten. LĂŒning: "Eine ideale ErgĂ€nzung: Die Abfallstoffe des Tieres werden zum NĂ€hrstoff der Pflanze und umgekehrt." In diesem Sinne erkundeten LĂŒning und sein Team vor Sylt schwerpunktmĂ€ĂŸig, welche Rot- und Braunalgen sich unter welchen Bedingungen fĂŒr die geschlossene Wasserkultur eignen.

Ende des ersten Jahres wurden ca. 130 Kilogramm Rot- und 30 Kilogramm Braunalgen geerntet

In 2.000-Liter-Meerwasser-Tanks in zwei GewĂ€chshĂ€usern der Wattenmeerstation Sylt wurde zunĂ€chst die Kulturtechnik fĂŒr die Algen getestet. Zum Ende des ersten Jahres hatten sie ca. 130 Kilogramm Rot- und 30 Kilogramm Braunalgen geerntet, wobei die Rotalgen komplett an zwei deutsche Firmen verkauft wurden, die sie vor allem an Restaurants lieferten. Im zweiten Jahr waren es schon insgesamt 280 Kilogramm. ZusĂ€tzliches Wertschöpfungs-Bonbon fĂŒr die Rotalge: Mit der Zucht der Hochpreis-Meeresschnecke Abalone wurde begonnen, die am liebsten frische Rotalgen frisst. Diese sogenannten Sylter Meerohren kommen nach vier Lebensjahren auf ein Körpergewicht von 80 Gramm und werden fĂŒr 20 Euro je Kilogramm nach SĂŒdostasien verkauft.

Meeresfarm soll an Wattenmeerstation entstehen

Die Methodik der ganzjĂ€hrigen Massenkultivierung von Rot- und Braunalgen hĂ€lt der Wissenschaftler jedenfalls fĂŒr "gesichert und aussichtsreich". In fĂŒnf bis acht Wochen verdoppele sich die Algenbiomasse. Die ZĂŒchtung im GewĂ€chshaus ermögliche ganzjĂ€hrig Algenproduktion, wenn auch im Winter nur durch gelbes Langtag-Zusatzlicht ermöglicht. Um zukĂŒnftig grĂ¶ĂŸere Braunalgenmengen kostengĂŒnstig parat zu haben, soll eine Schwimmseil-Meeresfarm in unmittelbarer StrandnĂ€he an der Wattenmeerstation entstehen: Wie in Fernost erprobt, sollen von zwei je 100 Meter langen, verankerten, im Labor mit Sporophyten bewachsenen Schwimmseilen in drei bis vier Monaten 600 Kilogramm Braunalgen geerntet werden. Sporophyten sind Zellen, die Sporen produzieren, ĂŒber die durch geschlechtliche Fortpflanzung neue Algen entstehen. FĂŒr die ZĂŒchtung von Rotalgen soll die Seil-Meeresfarm direkt im Meer erprobt werden. Elpers: "Die Freilandproduktion von Makroalgen schont SĂŒĂŸwasserreserven, vermeidet das Sammeln der Algenbiomasse in der Natur und schont damit die AlgenbestĂ€nde im Meer, die Lebensraum fĂŒr eine vielfĂ€ltige Tierwelt sind."

Ansprechpartner fĂŒr Fragen zum Projekt (AZ 18355): Prof. Dr. Klaus LĂŒning, Sylter Algenfarm GmbH & Co.KG, Telefon: 04651/2990-877, Fax: 04651/870-430, E-Mail: kluening@algenfarm.de, www.algenfarm.de
Mit Begeisterung bei der Sache: Sternekoch Jörg MĂŒller bereitet in Westerland seinen Sylter Fischersalat mit Algen zu.
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ZukĂŒnftig auch auf traditionellen SpeiseplĂ€nen in heimischen Gefilden hĂ€ufiger zu finden: Diese junge Dame lĂ€sst sich den Sylter Fischersalat mit Algen im Restaurant des Sternekochs Jörg MĂŒller in Westerland mit Genuss schmecken.
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(Noch) ungewöhnlich, aber zum Anbeißen: Sylter Fischersalat mit Algen im Restaurant des Sternekochs Jörg MĂŒller in Westerland.
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