Interview mit Professor Dr. Paul J. Crutzen und Dr. Frank Arnold

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Frage: Herr Professor Dr. Crutzen, Herr Dr. Arnold, vor etwas mehr als einem Jahr sind Sie mit dem Umweltpreis der Deutschen Bundesstiftung Umwelt ausgezeichnet worden. Professor Dr. Philippe Bourdeau wĂŒrdigte Ihre Ehrung als Anerkennung fĂŒr wissenschaftliche Leistungen auf dem Gebiet der Ozon- und Klimaforschung, die zu wirksamem politischem Handeln in der Welt gefĂŒhrt haben. Was hat Ihnen diese Auszeichnung gebracht?

Crutzen: SelbstverstĂ€ndlich ist diese Anerkennung ein zusĂ€tzlicher Ansporn fĂŒr unseere Forschungsarbeiten und -aufgaben, beispielsweise auf dem Gebiet der Untersuchung der möglichen Auswirkungen des Flugverkehrs auf die Ozonschicht. Dies ist ein besonders schwieriges Thema in der Wissenschaft.

Arnold: Die Auszeichnung betrachte ich als Verpflichtung und Herausforderung, im Rahmen meiner grundlagenforschungsorientierten wissenschaftlichen Arbeit Umweltgesichtspunkte noch stĂ€rker als bisher zu berĂŒcksichtigen. Frage: Sie haben damals Ihre Hoffnung zum Ausdruck gebracht, daß uns die schlimmsten Folgen des Eingriffs des Menschen in natĂŒrliche KreislĂ€ufe - Professor Bourdeau sprach vom "Herumpfuschen an funktionierenden Ökosystemen unserer Erde" - "noch gerade eben erspart bleiben". Hat diese Hoffnung in den Monaten seitdem neue Nahrung bekommen oder sind Sie heute pessimistischer? Wie bewerten Sie nationale Initiativen wie beispielsweise in Deutschland das Sommersmogfahrverbot mit seinen Grenzwerten?

Crutzen: Nach Informationen des Deutschen Wetterdienstes sind im letzten Juni seit Anfang der Meßreihe ĂŒber West-Europa die geringsten je gemessenen stratosphĂ€rischen Ozonmengen ĂŒberhaupt zu dieser Jahreszeit aufgetreten. Es ist wahrscheinlich, daß die FCKW-AusstĂ¶ĂŸe der Vergangenheit einen wichtigen Beitrag dazu geliefert haben. GlĂŒcklicherweise zeigen internationale Maßnahmen zur erheblichen Reduzierung der weltweiten FCKW-AusstĂ¶ĂŸe inzwischen deutlich ihre Wirkung, indem eine starke AbschwĂ€chung der atmosphĂ€rischen Zunahmen beobachtet wurde und nach diesem Jahr eine, allerdings sehr langsame, Abnahme der FCKW erwartet werden kann. Da die StratosphĂ€re "hinterherhinkt", wird dort erst zum Jahrhundertwechsel das Maximum des ozonzerstörenden Chlors erreicht sein. Dies bedeutet, daß in den nĂ€chsten fĂŒnf Jahren noch weitere stratosphĂ€rische Ozonabnahmen möglich sind, die allerdings auch von anderen Faktoren, wie z.B. meteorologischen Prozessen, VulkanausbrĂŒchen und SonnenaktivitĂ€t beeinflußt werden. Ich bin aber weiterhin der Ansicht, daß die internationalen Maßnahmen zur Reduzierung der FCKW-Produktion noch gerade rechtzeitig getroffen wurden, um eine Katastrophe zu verhindern. Wir haben eben GlĂŒck gehabt und sollten unseren britischen Kollegen dankbar sein, daß sie ĂŒber so viele Jahre die Messungen in der Antarktis kompetent durchgefĂŒhrt haben. Der Sommersmog hat mit dem stratosphĂ€rischen Ozonabbau nur wenig zu tun. Es handelt sich hier um ein gesamteuropĂ€isches Problem. Allerdings habe ich mich mit diesem Thema bisher nur wenig befaßt.

Arnold: Heute bin ich weder optimistischer noch pessimistischer. Ich bin ĂŒberzeugt, daß wir zu jeder Zeit sehr wachsam sein mĂŒssen, um potentielle Umweltgefahren möglichst frĂŒhzeitig zu erkennen und zu bekĂ€mpfen. Das Ozonloch ist hierfĂŒr ein bemerkenswertes Beispiel.

Frage: Sie haben 1994 selbst besonders darauf hingewiesen, daß bei der AusdĂŒnnung des Ozons in der StratosphĂ€re die Folgen menschlichen Handelns - die Produktion von Fluorchlorkohlenwasserstoffen - am stĂ€rksten in den Gebieten zu spĂŒren sind, die am weitesten von den Emissionsquellen entfernt liegen: in der Antarktis. Umweltschutz darf deshalb nur noch in seiner globalen Dimension begriffen werden. Haben Sie beispielsweise mit Blick auf den kĂŒrzlich durchgefĂŒhrten Weltklimagipfel Grund zu der Annahme, daß sich diese Erkenntnis international durchgesetzt hat? Oder muß noch weitaus entschlossener vorgegangen werden?

Crutzen: Die globalen AusstĂ¶ĂŸe der Treibhausgase (CO2, N2O, CH4) mĂŒssen insgesamt reduziert werden, damit die Risiken katastrophaler KlimaĂ€nderungen erheblich vermindert werden können. Die Hauptverantwortung kommt dabei den IndustrielĂ€ndern zu. Einige LĂ€nder sind sich dieser Verantwortung inzwischen bewußt, allerdings muß sie politisch durchgesetzt werden. Andere LĂ€nder, besonders die USA, nehmen eher eine abwartende Haltung ein. Somit werden die nĂ€chsten Jahre bis zur Klimagipfelkonferenz in Japan, wo die Verpflichtungen der LĂ€nder festgelegt werden, von grĂ¶ĂŸter Bedeutung sein. UnabhĂ€ngig davon hoffe ich, daß die Bundesrepublik Deutschland ihr Versprechen der Reduzierung von CO2-AusstĂ¶ĂŸen um 25 - 30 % bis zum Jahre 2005 einhalten wird.

Arnold: Die Erkenntnis, daß FCKW-Gase das Ozonloch verursachen und daß hierbei Aerosolteilchen eine wichtige Katalysatorrolle spielen, hat sich inzwischen weltweit durchgesetzt.

Frage: Eindringlich gewarnt haben Sie vor einer von Menschenhand produzierten VerĂ€nderung des Klimasystems. Rasche, unvorhersehbare Änderungen seien auch hier nicht auszuschließen, denn besonders im Umweltbereich könne man nie so sicher sein, "ob man die wichtigsten ZusammenhĂ€nge zwischen den zahlreichen, komplexen, unterschiedlich wirksamen Faktoren mit verstĂ€rkenden und entgegengesetzten Wirkungen gut versteht". Zwei sogenannte Jahrhunderthochwasser in Deutschland in wenigen Wochen, tropische Sommertemperaturen in eigentlich gemĂ€ĂŸigten Zonen - sind das erste Vorboten?

Crutzen: Es ist immer schwierig, dies zu beurteilen. Allerdings deuten nach Beurteilung mehrerer Forschungsgruppen neueste Klimamodellsimulationen und Vergleiche mit Beobachtungen unĂŒbersehbar auf den menschlichen Einfluß auf das Klima hin.

Arnold: Das Klimasystem ist zu komplex und noch nicht gut genug bekannt, um zwei sogenannte "Jahrhunderthochwasser" in Deutschland als "Vorboten" einer globalen KlimaverÀnderung zu identifizieren.

Frage: Sachsens MinisterprĂ€sident Professor Dr. Kurt Biedenkopf hat anlĂ€ĂŸlich der Preisverleihung ein neues Denken gefordert. Ein Denken, das nicht davon ausgeht, daß unsere LĂ€nder nur dann regierbar bleiben, wenn sich die Inanspruchnahme materieller Ressourcen stĂ€ndig erweitert, sondern das es ermöglicht, zu einer Synthese zwischen Ökologie und Ökonomie zu gelangen, "die uns in einem dynamischen Gleichgewicht erlaubt, in Übereinstimmung mit den Grundgesetzen der Natur zu leben und damit unsere Zukunft zu sichern". Er vergleicht die Bedeutung der Lösung der ökologischen Frage im ausgehenden Jahrhundert mit der Lösung der so-zialen Frage im 19. Jahrhundert. Glauben Sie, daß dieses neue Denken bereits Platz greift?

Crutzen: Ja, zunehmend, aber es hat sich nur noch in geringem Maße politisch durchgesetzt.

Arnold: Nach meiner Auffassung hat dieses "neue Denken" sich noch nicht wirklich durchgesetzt. Allerdings sind singulÀre positive AnsÀtze in dieser Richtung erkennbar.