Ein auf tierischen Lautäußerungen und Verhalten basierendes Warnsystem – Entwicklung einer neuartigen Methode zum Schutz von Nutztieren vor Wölfen
(A warning system based on animal vocalisations and behaviour – Developing a novel livestock protection method against wolves)
Einleitung
Der Schutz und die nachhaltige Wiedereingliederung von Wolfspopulationen in vom Menschen geprägte Landschaften stellen eine anhaltende Herausforderung dar. Als Spitzenprädatoren und Schlüsselart sind Wölfe für gesunde Ökosysteme von zentraler Bedeutung, da sie trophische Kaskaden beeinflussen und regulieren. Mit der Wiederbesiedlung vieler europäischer Länder durch den Wolf ist es wichtig, unsere Interaktionen mit dieser Art besser zu verstehen und die daraus entstehenden Herausforderungen für ein Zusammenleben zu adressieren. Die Prädation von Nutztieren stellt eine der Hauptursachen für Mensch-Wolf-Konflikte dar, weshalb kontinuierlich nach wirksamen Schutzmaßnahmen gesucht wird. Mit der jüngsten Änderung des Gefährdungsstatus des Wolfs in Europa von „streng geschützt“ zu „geschützt“ können nun auch tödliche Maßnahmen genehmigt werden, wodurch die Forschung an nicht-tödlichen Schutzmethoden umso wichtiger wird.
Ziele
Ziel dieses Projekts ist die Entwicklung eines neuartigen, raubtierabschreckenden Warnsystems zur Reduzierung von Wolfsangriffen. Die zentrale Fragestellung dieser Forschung lautet, ob sich die Lautäußerungen von Nutztieren und Herdenschutzhunden in Störungssituationen im Vergleich zu einem normalen, unbeeinflussten Ausgangszustand verändern. Falls dies der Fall ist, sollen diese vokalen Indikatoren genutzt werden, um eine künstliche Intelligenz zu trainieren und ein Programm zu entwickeln, das Hirten, Landwirte und Tierhalter warnt, wenn hochgradige Erregungszustände (z. B. bei Raubtierangriffen) auftreten. Das langfristige Ziel dieser neuartigen Methode zum Nutztierschutz ist es, die Beziehung zwischen Mensch und Wolf zu verbessern, ein Zusammenleben in Koexistenz zu fördern und dadurch einen Beitrag zum Erhalt der Biodiversität zu leisten.
Methoden
Untersucht wurde, wie sich die Lautäußerungen und das Verhalten von Schafen, Ziegen, Pferden und Herdenschutzhunden in Störsituationen verändern. Audio- und Videoaufnahmen wurden auf drei landwirtschaftlichen Betrieben durchgeführt: einem Betrieb in Bayern, auf dem zehn Pferde und drei Herdenschutzhunde beobachtet wurden, sowie zwei Betrieben in Baden-Württemberg mit 90 Ziegen und vier Herdenschutzhunden bzw. 100 Schafen und 14 Ziegen. Die Tiere wurden sowohl in normalen bzw. entspannten Situationen als auch während auftretender Störungen beobachtet. Die erste Analyse der akustischen Daten erfolgte mit dem Programm Praat unter Verwendung von Spektrogrammen und einem eigens entwickelten Skript. Die statistische Auswertung wurde mit der Statistiksoftware R durchgeführt.
Bisherige Ergebnisse
Die Verhaltensbeobachtungen dieser Studie stimmen mit den Ergebnissen früherer Arbeiten zum Verhalten von Tieren in negativen bzw. „Gefahrensituationen“ überein. Die akustischen Profile einzelner Lautäußerungen wurden mit dem Analyseprogramm Praat ausgewertet, mit den Videoaufnahmen abgeglichen und bestimmten Bedeutungen zugeordnet. Erste deskriptive statistische Analysen wurden für die Aufnahmen von Betrieb 1 durchgeführt, insbesondere für die Lautäußerungen von Ziegen in entspannten Situationen sowie von Hunden in Störszenarien. Dabei zeigte sich, dass die Kategorie „Hundelautäußerungen in negativen Situationen“ gut für eine Standardisierung und eine weiterführende statistische Analyse geeignet ist.
Weiterführende Forschung
Im Verlängerungszeitraum werden die statistischen Methoden weiter verfeinert, um die bestmöglichen Verfahren zum Vergleich der Kategorien zu entwickeln. Falls für bestimmte Kategorien erforderlich, werden zusätzliche Aufnahmen durchgeführt und analysiert. Die Ergebnisse des Projekts werden auf wissenschaftlichen Konferenzen vorgestellt, um das Bewusstsein für dieses wichtige Thema sowie für die geplante Anwendung zur Verbesserung der Situation zu schärfen. Abschließend werden die Ergebnisse in einer wissenschaftlichen Publikation veröffentlicht.