FFH-Offenlandlebensräume auf großen Flächen am Modellbeispiel "Oranienbaumer Heide"

Die bis 1992 als Truppenübungsplatz genutzte Oranienbaumer Heide liegt südöstlich der Stadt Dessau-Roßlau und ist Teil des Biosphärenreservates "Mittelelbe". Durch Rodungen, Brände und Panzerfahr- und Schießübungen wurden als "Nebenprodukt" der militärischen Nutzung große Bereiche des Gebietes offen gehalten.

Heide © Hochschule Anhalt / Susanne Osterloh
Heide
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Als Folge unterschiedlicher Nutzungsintensitäten und unterschiedlicher geologischer Bedingungen konnte sich ein Mosaik aus FFH-Lebensraumtypen, u. a. trockene europäische Heiden, Basenreiche Sandrasen, Silbergrasfluren auf Binnendünen in Kombination mit Gras- und Krautfluren, kleinräumigen Feuchtbereichen, Gebüschen, Baumgruppen und Pionierwäldern, erhalten und entwickeln. Das Gebiet ist ein bundesweit herausragendes Refugium für bestandsbedrohte Lebensräume und Tier- und Pflanzengemeinschaften und zählt zu den biotop- und artenreichsten Gebieten in Sachsen-Anhalt. Typische Offenland-Vogelarten des Heidegebietes sind z. B. Ziegenmelker, Schwarzkehlchen, Heidelerche oder Raubwürger. Auch Pflanzenarten, wie Sand-Strohblume, Berg-Haarstrang, Heide-Nelke, Deutscher Ginster oder Zierliches Schillergras, wurden im Gebiet mit ausgedehnten Vorkommen nachgewiesen.
Um die naturschutzfachlich relevanten Bereiche der Oranienbaumer Heide langfristig zu sichern, wurden große Teile als Natur- bzw. Landschaftsschutzgebiet ausgewiesen sowie als FFH-Gebiet und Europäisches Vogelschutzgebiet in das Schutzgebietssystem NATURA 2000 integriert. Darüber hinaus wurde die Oranienbaumer Heide zum "Nationalen Naturerbe" erklärt und soll in den nächsten Monaten in das Eigentum der DBU-Naturerbe GmbH übergehen.

Gefährdung der Offenlandbereiche durch fehlendes Management

Infolge der Einstellung der militärischen Nutzung und der anschließend nur sporadisch und kleinflächig durchgeführten Pflegemaßnahmen waren die wertvollen Offenlandbereiche durch eine bereits weit fortgeschrittene Verbuschung mit Birke, Kiefer, Espe aber auch Spätblühender Traubenkirsche bedroht. Problematisch waren auch die Überalterung des Heidekrautes und die Verbrachungstendenzen in den basenreichen Sandrasen sowie eine zunehmende Vergrasung der Silbergraspionierflure auf den Binnendünen. 

Pferde © Hochschule Anhalt / Antje Lorenz
Konikpferde
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Rinder © Hochschule Anhalt / Antje Lorenz
Heckrinder in der Heide
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Heckrinder und Konikpferde als Landschaftspfleger

Die wertvollen Offenlandlebensräume bedürfen zu ihrem Erhalt eines regelmäßigen Managements. Viele der traditionellen Pflegemaßnahmen, die zur Offenhaltung von Heidegebieten eingesetzt werden, wie z. B. Mähen, Entbuschen, Entfernung des Oberbodens oder kontrolliertes Brennen, sind entweder bei großflächigem und regelmäßigem Einsatz sehr kostenintensiv oder für eine Offenhaltung auf ehemaligen Truppenübungsplätzen infolge der Munitionsbelastung ungeeignet.

Um dennoch ein naturschutzfachlich und zugleich ökonomisch tragfähiges Management realisieren zu können, wurde im Jahr 2008 im südlichen Bereich des zentralen Offenlandes eine ca. 300 ha große extensive Ganzjahresstandweide mit Heckrindern und Konikpferden eingerichtet. Eine weitere Teilfläche (172 ha) wurde im Herbst 2010 im nördlichen Bereich des Offenlandes eingerichtet. Bis 2011/12 soll die Weidefläche das gesamte zentrale Offenland mit ca. 800 ha umfassen.

Bei der extensiven Ganzjahresbeweidung steht der Erhalt einer halboffenen Weidelandschaft nach naturschutzfachlichen Maßgaben im Vordergrund und nicht eine auf Gewinn orientierte Haltung von Weidetieren. Deshalb wird eine Besatzdichte von max. 1 Tier auf 6 bis 7 ha angestrebt. Nach dem schrittweisen Herdenaufbau soll das qualitativ hochwertige Fleisch der Heckrinder regional vermarktet werden. In Notzeiten (Futtermangel im Winter und sehr trockenen Sommern) erfolgt bedarfsweise eine Zufütterung mit Landschaftspflegeheu aus der Region. Durch den Besatz mit Rindern und Pferden sollen die artspezifischen Wirkungen hinsichtlich Fraßverhalten, Tritt und Wälztätigkeit gezielt für die Offenhaltung der Lebensraumtypen genutzt werden. Infolge des seit den 1990er Jahren bestehenden Pflegedefizits wurden außerdem in ausgewählten Offenlandbereichen Entbuschungsmaßnahmen durchgeführt. Dabei wurden jedoch immer auch Gehölzstrukturen in Form von Einzelbäumen oder Gebüschen auf der Fläche belassen. Zur Instandsetzung der stark überalterten Calluna-Heiden wurde in Teilbereichen außerdem eine Heidemahd durchgeführt.

Naturschutzfachliche Erfolgskontrolle und wissenschaftliche Begleitung

Das Weidemanagement sowie alle ergänzenden Maßnahmen werden wissenschaftlich begleitet und naturschutzfachlich evaluiert. Ziel ist es, die Renaturierungs- und Managementmaßnahmen an die Entwicklungen der Offenlandlebensraumtypen im Gebiet anzupassen. Zur Bewertung des Erfolgs der Maßnahmen wurden je FFH-Lebensraumtyp spezifische Managementziele formuliert.

Eine wichtige Säule der naturschutzfachlichen Erfolgskontrolle stellen 1 Hektar große Makroplots dar (insgesamt 48 Flächen). Sie wurden in allen Lebensraumtypen und Degradierungsstadien eingerichtet. Um die Effekte der Beweidung evaluieren und bewerten zu können, wurden außerdem Flächen aus der Beweidung ausgeschlossen (Kontrollflächen, exclosures). Auf den beweideten und unbeweideten Makroplots werden geeignete Indikatoren zum Einfluss der Beweidung erfasst, wie zum Beispiel: prozentualer Anteil an den Entwicklungsstadien des Heidekrauts, der Anteil an Verbuschungs-, Vergrasungs-, Ruderalzeigern, offenen Bodenstellen und neophytischen Gehölzen (v. a. Spätblühende Traubenkirsche) sowie Anteil und Mächtigkeit der Streuauflage. Diese Parameter sind auch dazu geeignet, den Erhaltungszustand der FFH-Lebensraumtypen nach der Kartieranleitung des Landes Sachsen-Anhalt (LAU 2010) zu bewerten. Das Vorkommen ausgewählter naturschutzfachlich wertgebender Pflanzenarten sowie ausgewählter faunistischer Gruppen (z. B. Tagfalter, Widderchen, Heuschrecken) wird auf den Makroplots ebenfalls erfasst.

Für den gesamten Offenlandbereich werden außerdem die Größe und Verteilung der Lebensraumtypen (v. a. Heiden) und Gehölze sowie ausgewählte Parameter zur Vegetationsstruktur (z. B. offene Bodenstellen) über die Auswertung von CIR-Luftbildern ermittelt. Brutvogelarten nach Anhang I der EU-Vogelschutzrichtlinie sowie Roten Liste Arten werden ebenfalls für das gesamte Offenland erfasst.

Alle erhobenen Indikatoren werden in regelmäßigen Zeitintervallen einer Veränderungsanalyse unterzogen (Vorher-Nachher-/ Mit-Ohne-/Soll-Ist-Vergleich). Weichen die Erhaltungszustände deutlich von den formulierten Managementzielen ab, ist eine Optimierung des Managements erforderlich (z. B. über Besatzstärke, Verhältnis Weidetierrassen, ergänzende Maßnahmen).

Weitere begleitende Untersuchungen werden unter anderem zur Raumnutzung und zur Habitatwahl sowie zum Fraßverhalten der Weidetiere in Bezug auf den Anteil gefressener Gräser, Kräuter, Gehölze und Heidekraut durchgeführt.

Erste Effekte der Beweidung

Die ersten Ergebnisse der naturschutzfachlichen Erfolgskontrolle des Weidemanagements zeigen sehr gute Trends. Bereits nach zwei Jahren Beweidung ist eine deutliche Verbesserung des Erhaltungszustands der Lebensraumtypen in Bezug auf wichtige Strukturparameter festzustellen. In den basenreichen Sandrasen ist eine deutliche Reduktion der jahrelang akkumulierten Streuauflagen sowie der Vergrasungs- und Ruderalzeiger nachzuweisen. Von einer Erhöhung offener Bodenstellen durch Tritt und Wälztätigkeit der Tiere profitieren bereits erste, vor allem lichtbedürftige und konkurrenzschwache Pflanzenarten wie beispielsweise die gefährdeten Natternzungenfarne. Zudem waren die Sandrasen bereits im zweiten Jahr der Beweidung deutlich kräuter- und blütenreicher.

Auch für die Silbergrasfluren konnte eine Verbesserung des Erhaltungszustands festgestellt werden. Durch die Wälztätigkeit der Pferde hat sich der Anteil offener Sandflächen innerhalb von zwei Jahren verdoppelt, so dass die Pionierrasen wieder ihren typischen offenen Charakter aufweisen. Ebenso konnten erste neu etablierte Jungpflanzen des Silbergrases als typische Art dieses Lebensraumtyps in den offenen Bodenstellen festgestellt werden.

In den stark überalterten Heiden konnte eine erste vegetative Verjüngung des Heidekrauts sowohl durch Verbiss als auch durch Tritt erreicht werden. Allerdings vollzieht sich die Entwicklung zu günstigeren Erhaltungszuständen in den kleinräumig wechselnden Mosaiken aus Heiden und basenreichen Sandrasen schneller als in den großflächigen Heidekraut-Dominanzbeständen. Wie Untersuchungen zur Raumnutzung und Habitatwahl sowie zum Fraßverhalten gezeigt haben, nutzen beide Weidetierarten das Heidekraut in den Dominanz­beständen vor allem im Winter. Insbesondere bei Schneelagen müssen die Rinder trotz Zufütterung mit Landschaftspflegeheu in geringen Mengen neben Gehölzen auf die überalterten, sehr hochwüchsigen Heidekrautbestände (0,60 bis 1,10 m) ausweichen, da andere Futterquellen nicht verfügbar sind. Sie sind im Gegensatz zu Pferden nicht in der Lage, sich unter der Schneedecke befindende Futterquellen (v. a. Gräser) freizuscharren. Um eine Verbesserung der Erhaltungszustände in den Heidekraut-Dominanzbeständen zu bescheunigen bzw. eine stärkere Nutzung durch die Weidetiere zu erreichen, werden gezielt Mineralienlecksteine ausgelegt und kleinräumig Altheide gemäht. Im Bereich der Mineralienlecksteine wird das alte Heidekraut herunter getreten und eine vegetative Verjüngung des Heidekrauts aus den alten Wurzelstöcken induziert.

Gehölze werden vor allem von den Rindern gefressen, wobei die höchsten Werte gefressener Gehölze jeweils in den Wintermonaten erreicht werden. Die Pferde nehmen Gehölze vorwiegend über das Schälen der Rinde auf. Die Rinder nutzen am häufigsten Zitterpappel, in den Wintermonaten wird auch Birke und gelegentlich Kiefer gefressen. Besonders bemerkenswert ist der komplette Verbiss von Stockausschlägen entkusselter Spätblühender Traubenkirschen durch die Rinder. Dadurch kann eine weitere Ausbreitung dieser invasiven neophytischen Art in den FFH-Lebensraumtypen effektiv unterbunden werden.

Öffentlichkeitsarbeit

Da das Projekt auf einem ehemaligen Truppenübungsplatz durchgeführt wird, der aufgrund der Munitionsbelastung für eine Betretung nicht freigegeben ist, finden in Abstimmung mit den lokalen Entscheidungsträgern und Akteuren regelmäßig geführte Wanderungen und Informationsveranstaltungen statt. Im Februar 2011 erfolgt eine Munitionssondierung auf abgestimmten Wanderwegen, mittelfristig soll nach Lösungen gesucht werden, wie durch eine Munitionsbergung auf ausgewählten Wegeverbindungen die halboffene Weidelandschaft in der Oranienbaumer Heide für die Bevölkerung oder für Veranstaltungen im Rahmen von Umweltbildung zugänglich gemacht werden kann.

Kurzinfo:

Projekttitel Entwicklung von kosteneffizienten Strategien zum Erhalt und zur Entwicklung von FFH-Offenlandlebensräumen auf großen Flächen
Stand des Projekts Abgeschlossen
Aktenzeichen 25424/02 - 33/0
Projektträger Hochschule Anhalt (FH)
Fachbereich Landwirtschaft, Ökotrophologie,
Landschaftsentwicklung
Strenzfelder Allee 28
06406 Bernburg
Ansprechpartner Frau Prof. Dr. Birgit Felinks
Telefon (03471) 355-1131
E-Mail b.felinks@loel.hs-anhalt.de
Ansprechpartner Frau Prof. Dr. Sabine Tischew
Telefon (03471) 355-1217
E-Mail s.tischew@loel.hs-anhalt.de
Kooperationspartner Primigenius - Köthener Naturschutz und
Landschaftspflege gGmbH
Internet http://193.25.34.143/cmsloel/39.html