23.05.1997 | Stadttauben wird die Pille verschrieben

Erstmals gut verträgliches Medikament zur erfolgreichen Kontrolle von Stadttauben entwickelt. Deutsche Bundesstiftung Umwelt fördert mit 195.000 Mark

Osnabrück/Hannover. Nicht mehr lange soll schmieriger ätzender Taubenkot Menschen gesundheitlich beeinträchtigen und historische Gebäude in unseren Städten verdrecken und schädigen, denn durch eine neue tierschutzgerechte "Taubenpille" sollen die Städte künftig die Plage in den Griff bekommen. Die Deutsche Bundesstiftung Umwelt (DBU), Osnabrück, fördert mit 195.000 Mark ein Projekt der Firma Xenomed aus Hannover zur Entwicklung eines marktreifen Tierarzneimittels. Die Pille für Tauben verhindert wirksamspezifisch die Fortpflanzung und wird von den Tieren gut vertragen. Generalsekretär der Stiftung Fritz Brickwedde: "Die Voraussetzungen für die Zulassung als Tierarzneimittel sind nun erfüllt. Wir freuen uns, durch die Förderung des Projektes einen wichtigen Beitrag zur Lösung des Problems leisten zu können. Anfragen von mehr als 100 Städten aus Deutschland, Österreich, Italien, Großbritannien und Finnland liegen bereits vor."

Wildlebende Stadttauben stellen für zahlreiche Städte seit Jahren ein ernstzunehmendes Umweltproblem dar, heißt es in einer Pressemitteilung der größten Umweltstiftung Europas. Reinigungs- und Renovierungskosten werden bei Einzelgebäuden bis zu 30.000 DM pro Jahr beziffert. Neben den wirtschaftlichen Schäden an Gebäuden könne auch eine gesundheitliche Gefährdung des Menschen von den Stadttauben ausgehen. Eine Übertragung von Krankheitserregern z.B. bei immungeschwächten Personen sei möglich. Das Taubenproblem in den Städten ist nicht neu. Frühere Maßnahmen, die Stadttaubenpopulationen zu kontrollieren, waren nicht tierschutzgerecht oder erwiesen sich als unwirksam. So hätten sich in der Vergangenheit auch Versuche, Fortpflanzungshemmer einzusetzen, als nicht vertretbar erwiesen, da die Tiere unter starken Nebenwirkungen wie Strecklähmung litten.

Verantwortlich für die Größe der Stadttaubenbestände sei das enorme Futterangebot und fehlende natürliche Feinde. Die verwilderten Stadttauben ernährten sich von Speiseresten und allerlei anderen Abfällen. Oft würden sie aus falsch verstandener Tierliebe von Passanten gefüttert. Das Futter sei meist einseitig, nicht artgerecht und von schlechter Qualität, was zu Vitamin- und Mineralstoffmangel führe. Die hohe Zahl von Tieren und das einseitige Futter förderten den allgemein schlechten Gesundheitszustand der Vögel. In mehreren deutschen Städten ist daher das Füttern von Tauben verboten. In Hannover existiert beispielsweise seit 1992 ein Fütterungsverbot im gesamten Stadtgebiet. Damit sei ein erster Schritt getan, denn eine wissenschaftliche Studie aus Basel zeige, daß ein Fütterungsverbot zu einem spürbaren Rückgang der übergroßen Taubenpopulationen führen könne.

Der Durchbruch zur effektiven tierschutzgerechten Kontrolle der Stadttaubenpopulation werde erreicht, wenn die neue Taubenpille auf den Markt komme, so Brickwedde. Die Pille werde von den Tauben für Futter gehalten, aufgepickt und gelangt schließlich in den Steinmagen der Vögel. Im Steinmagen befinden sich kleine Steinchen, die durch die Muskelkraft des Magens aneinander gerieben werden. Er dient den Vögeln dazu, Körner und Samen zu zermahlen und dadurch verdaubar zu machen. Ähnlich wie die kleinen Steinchen wird bei diesem Prozeß auch die Taubenpille langsam zerrieben und setzt dabei gleichmäßig die wirksamen Hormone frei. Diese führen zu einer vorübergehenden Unfruchtbarkeit der Weibchen, die etwa zwei bis drei Monate andauert. Das Medikament werde von den Tieren gut vertragen und weise keine Nebenwirkungen auf.

Die Xenomed GmbH erarbeitete zusammen mit der Tierärztlichen Hochschule Hannover die Voraussetzungen für die Zulassung des Medikaments als Tierarzneimittel. Ein technisches Verfahren zur Herstellung der Pillen in größeren Mengen und eine standardisierte Methode zur Qualitätsanalyse der Tabletten wurden entwickelt. Die Wirksamkeit und gute Verträglichkeit des Medikamentes sei nachgewiesen und die Voraussetzungen für die Anerkennung als Tierarzneimittel erbracht. Brickwedde: "Der Zulassung als Tierarzneimittel steht nun nichts mehr im Wege. Der Antrag auf Zulassung beim Bundesamt für gesundheitlichen Verbraucherschutz und Veterinärmedizin (BgVV) soll umgehend gestellt werden. Wenn der Antrag zügig bearbeitet wird, kann Anfang 1998 das Medikament auf den Markt gebracht werden."