Promotionsstipendium: Sophie Horlebein

Analyse der Aasökologie wildlebender Vertebraten als Grundlage für die Weiterentwicklung des Prozessschutzes in Deutschland

Im Gegensatz zum Belassen von Totholz werden in der Natur verbliebene Wildtierkadaver immer noch kontrovers diskutiert. Die Motive reichen von Seuchenbedenken über Ästhetik bis hin zu schlichtem Unverständnis der ökologischen Prozesse in und um Kadaver. Hier setzt das beantragte Vorhaben an. Bis heute gibt es nur wenige Studien die statistisch abgesichert Effekte von Kadavern auf Ökosysteme und deren Biodiversität untersucht haben. Dabei liefern bisherige Studien bereits erste Hinweise auf verschiedenste positive Biodiversitätseffekte von Kadavern.

Mit meiner Doktorarbeit möchte ich die Wissensgrundlage für diesen bisher vernachlässigten Aspekt von Nekromasse in Ökosystemen Deutschlands verbessern und damit das Management von Wildtierkadavern auf eine bessere Grundlage stellen. Ziel dieser Studie ist es, Grundlagen für zukünftige Handlungsempfehlungen zum Umgang mit Wildtierkadavern in natürlichen Lebensräumen zu schaffen. Dabei kann ich auf bereits bestehende Daten („Vielaas-Projekt“) aus dem Nationalpark Bayerischer Wald (NLP-BW) und einem Bundesweiten Aasprojekt zurückgreifen. Meine Modellierungsergebnisse werden die Grundlage für Handlungsempfehlungen des alle 16 Nationalparks umfassenden Erprobungs- und Entwicklungsvorhabens (BfN-Förderprojekt Aasökologie) sein. Da ich mich sowohl privat, als auch beruflich sehr für den Bereich der Ornithologie (=Vogelkunde) begeistere, werde ich im Zuge meiner Doktorarbeit einen Fokus auf die Vogelvielfalt setzen. Vögel sollen hier zum einen als Kadaverbesucher, zum anderen aber auch erstmals im größeren Rahmen für Deutschland als Kadavertierarten betrachtet werden.

Generelles Ziel ist es herauszufinden, in welchem Habitat (i) welcher Kadavertyp und (ii) in welcher Häufigkeit ausgelegt werden muss, um Artenvielfalt und Artengemeinschaften positiv zu beeinflussen.

Ich möchte mich dabei den folgenden fünf Fragestellungen widmen:

(i) Wie lässt sich durch Variation von Kadavertierarten verschiedener Größen die Biodiversität des Nekrobioms optimieren? 

(ii) Welche Rolle spielen Bioregion, Klima und lokales Wildtiermanagement für die Biodiversität an Kadavern

(iii) Unterscheidet sich die Besuchsfrequenz von Wirbeltieren zwischen (a) Vogel- und Säugetierkadavern und (b) offenen und geschlossenen Habitaten?

(iv) Zeigen herbivore Besucherarten Unterschiede in der Besuchsfrequenz zwischen Kadavern und Kontrollstandorten?

(v) Unterscheidet sich die Besuchsfrequenz von Wirbeltieren zwischen Reh-, Seehund- und Vogelkadavern

Ein interessanter Aspekt ist, dass im Zuge einer Rehkadaver-Auslegung im Nationalpark Eifel im Juni 2023 noch am selben Tag 21 Gänsegeier gelandet sind und den Kadaver binnen weniger Stunden verzehrt haben (https://www.nationalgeographic.de/tiere/2023/06/seltene-gaeste-geier-im-nationalpark-eifel).

Gänsegeier zählen schon seit vielen Jahrzehnten nicht mehr zu den heimischen Brutvogelarten, da sie als obligate Aasfresser auf Aas als Nahrung angewiesen sind. Diese Beobachtung alleine zeigt bereits, dass das Auslegen von Tierkadavern sehr interessante Effekte auf ein Ökosystem haben kann, und dass wir so (eventuell) auch gefährdete Arten gezielt unterstützen können.

Themenbereiche: Kadaverökologie; Naturschutz; Managementempfehlungen; Ornithologie; Biodiversität

AZ: 20024/009

Zeitraum

01.07.2024 - 30.06.2027

Institut

Universität Würzburg (siehe Adresse: 198180) Lehrstuhl für Tierökologie & Tropenbiologie (Zoologie3) Ökologische Station Fabrikschleichach

Betreuer

Prof. Dr. Jörg Müller