HAWK Hochschule für Angewandte Wissenschaft und Kunst
Hildesheim/Holzminden/Göttingen
Fakultät Ressourcenmanagement (R)
Forschungsgruppe "Ländliche Räume und Dorfentwicklung"
Büsgenweg 1 a
37077 Göttingen
Dorfgemeinschaften bieten die Chance, Projekte auf den Weg zu bringen, die dem Umweltschutz und einer nachhaltigen Entwicklung dienen. So gibt es im ländlichen Raum Bürgerbusvereine, Bioladeninitiativen, Solidarische Landwirtschaft oder Energiegenossenschaften, die es den Bewohnenden ermöglichen, selbst einen Beitrag für eine zukunftsfähige Entwicklung zu leisten. Über ehrenamtliche Initiativen können Menschen motiviert werden, bestimmte Verhaltensweisen zu verändern und Gemeinschaftsprojekte beispielsweise für den Klimaschutz auf den Weg zu bringen. Dahinter steht die These, dass die Menschen Umweltproblematiken nicht nur verursachen und in Folge davon betroffen sind, sondern auch selbst über die Hebel für Umweltentlastung und Regeneration verfügen – sicher als Individuen, aber vor allem als Kollektiv. Wenn gemeinschaftliches Engagement aus der Bürgerschaft ein Hebel der sozialökologischen Transformation ist, lohnt es sich, die Prozessfaktoren genauer zu untersuchen und daraus Empfehlungen für die Praxis abzuleiten.
Daher steht das Thema „Verschiedene Formen des bürgerschaftlichen Ehrenamts im ländlichen Raum für Umweltschutz und regenerative Entwicklung“ im Fokus dieses Projekts. Insbesondere das sogenannte „ungebundene Engagement“ ohne Rechtsform (Gegenteil: bspw. Vereine, Genossenschaften, gGmbH usw.), das gemeinschaftlich entsteht, soll auf seine Chancen und Herausforderungen in Bezug auf umweltrelevante Projekte in Dörfern analysiert werden.
Die Identifikation und Beschreibung von „ungebundenem Engagement“ ist zunehmend wahrnehmbar und wird in vielen Kontexten als Herausforderung beschrieben. Die Erfahrungen im Umgang damit sind allerdings noch nicht gesichert, ausgewertet und in übertragbare Praxiskonzepte überführt. Konkret soll das für das Anliegen der Beteiligung hier erfolgen, besonders im Feld des Engagements im Umweltbereich im ländlichen Raum.
Forschungsfragen für das hier vorgestellte Projekt sollen die folgenden sein:
1. Was sind Gelingensbedingungen, die ungebunden Engagierte im Umweltbereich stärken und in (öffentlichen) Beteiligungs-/Gestaltungsprozessen Raum zur Mitwirkung geben?
2. Wie müssen Rahmenbedingungen sein, um das möglich zu machen?
3. Wie entwickelt sich im Prozess ungebundenes Engagement evtl. hin zu gebundenem Engagement und welche Vor- und Nachteile sind damit verbunden?
Anhand von drei Modelldörfern, davon zwei in Ostdeutschland, sollen die verschiedenen Engagamentstrukturen analysiert werden. Methodisch erfolgen drei Schritte:
a) Interviews mit ungebunden Engagierten
In den Modellprojekten werden pro Modellort max. sieben Engagierte mit Hilfe von Interviews zu ihrem Engagement befragt. Erhoben werden sollen u. a. Motivation zum Engagament, subjektive Wirksamkeit der Aktivitäten, Zufriedenheit mit dem Grad der Organisiertheit in verschiedenen Projektstadien, ggf. Notwendigkeit für andere Strukturen, erzielte oder angestrebte Umweltwirkungen, Transfereffekte der Umweltwirkungen auf weitere Dörfer, Identitätsgefühl und Stärke der Gemeinschaft, Sichtbarkeit der Engagierten, Kooperationswege und -partner*innen, übernommene Verantwortlichkeiten, Innovation vs. Lähmung, Prozess der Entscheidungsfindung oder der Umgang mit Konflikten, um nur einige zu nennen.
b) Ergänzende Online-Fragebogenerhebung
Wenn die ersten Interviewergebnisse ausgewertet sind, werden hiervon diejenigen Aspekte, die sich in den Interviews als die wichtigsten herausgestellt haben, an einer größeren Stichprobe per Online-Fragebogen untersucht. Dazu werden neben den drei Untersuchungsdörfern mindestens zwei weitere Dörfer eingebunden.
c) Weitergabe der Erfahrungen
Die Ergebnisse sollen anhand der Modellprojekte als Best Practice illustriert und in Hinblick auf Erfolgsstories und Geschichten des Scheiterns anschaulich dargestellt werden. Abstrahiert und verdichtet aufbereitet werden die Ergebnisse zu Kriterien bzw. Merkmalen gelingender Praxis, Prinzipien der Prozessgestaltung und akteursbezogenen Handlungsempfehlungen – stets kontextualisiert in Bezug auf konkrete Umweltentlastungen.
Umweltentlastung finden sich je nach Dorf dann beispielsweise in den Bereichen der Mobilität, des Nachhaltigen Konsums, der biologischen Vielfalt, der Ernährung oder der Energie, indem konkrete Projekte wie Tauschbörsen, Kleiderkreisel, Geschirrmobile, Reparatur-Café, Stärkung des regionalen Einkaufs über Dorfläden oder energetische Dorfkonzepte vor Ort entwickelt und umgesetzt werden.