Christian-Albrechts-Universität zu Kiel
Institut für Agrarökonomie der Agrar- und
Ernährungswissenschaftlichen Fakultät
Olshausenstr. 40
24118 Kiel
Innovative Produktionsmethoden für Lebensmittel unter den Bedingungen der Länder des globalen Südens.
Problemstellung & Relevanz:
Malawi gehört zu den ärmsten Ländern der Welt. Seine Landwirtschaft leidet stark unter dem Klimawandel und ausgeprägten Trockenzeiten mit akuter Wasserknappheit und erfordert innovative Ansätze zur Sicherung der Lebensmittelversorgung. Zudem führen fehlende Konservierungsmethoden zu gravierenden Nachernteverlusten.
Innovationsansatz:
Das Projekt implementiert eine klimasmarte, zirkuläre Bioökonomie durch die Kombination von Aquaponik und der Zucht der Schwarzen Soldatenfliege (Black Soldier Fly, BSF). Aquaponik reduziert den Wasserbedarf im Vergleich zur konventionellen Landwirtschaft um ca. 90 % bei gleichzeitig bis zu zehnfachem Flächenertrag bei Gemüse und Kräutern ("more per drop"). BSF-Larven dienen dabei als lokal produzierte und kostengünstige, hochwertige Proteinquelle für das Fischfutter. Die systemische Kopplung beider Verfahren sowie die Bewertung ihrer wirtschaftlichen Tragfähigkeit und der ökologischen Relevanz unter den besonderen Bedingungen in Ländern des globalen Südens stellen einen neuen Forschungs- und Praxisansatz dar.
Projektziele:
Das übergeordnete Ziel ist es, langfristig betrachtet Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten. Durch die Einführung von nachhaltigen Produktionsmethoden für Fisch und Gemüse entstehen selbstbestimmte Gemeinschaften in Malawi, in denen Familien und Kooperativen durch technische Ausstattung und Ausbildung in der Lebensmittelproduktion eigenständig und ökonomisch tragfähig wirtschaften können. Lokale Ressourcen und Fähigkeiten sollen die Grundlage für langfristigen Wohlstand und soziale Entwicklung bilden. Hierbei sollen besonders Frauen, Kinder und Jugendliche profitieren.
Soziale & strategische Effekte:
Aufgrund des minimalen Platzbedarfs ermöglichen Aquaponiksysteme eine haushaltsnahe Produktion und bieten eine effiziente Lösung auch für den urbanen Kontext, in dem Agrarland und Wasserressourcen stark limitiert sind. Diese räumliche Flexibilität fördert gezielt die sozioökonomische Integration von Frauen, da sich die Anlagenbewirtschaftung optimal mit Haushalts- und Betreuungsaufgaben vereinbaren lässt. Strategisch ist das Projekt vollständig in die nationalen Entwicklungsrichtlinien der „Malawi Vision 2063“ sowie in den ersten 10-Jahres-Implementierungsplan zur agrarstrukturellen Transformation und Wertschöpfung integriert.
Arbeitsschritte und Methoden
Das Forschungsprojekt untersucht die Machbarkeit und Wirtschaftlichkeit klimasmarter, kreislauforientierter Agrarsysteme in Malawi. Es verknüpft Aquaponik, die Zucht der Schwarzen Soldatenfliege (BSF) zur Reststoffverwertung sowie die Lebensmittelverarbeitung.
1. Bereitstellung der Infrastruktur und experimentelle Fallstudien
Das Projekt stellt standardisierte, solarbetriebene Produktionsmodule (Aquaponik, BSF-Zucht, Verarbeitungstechnik, Solartrockner) zur Verfügung. In experimentellen Fallstudien unter realen Bedingungen testen ausgewählte ländliche und urbane Akteure (Familien, Kooperativen) verschiedene technische Abläufe. Angeleitet durch das Projektteam erproben Betriebsleiter unterschiedliche Szenarien bezüglich:
• Effizienz und Haltung von heimischen Tilapiaarten
• Kultivierung von traditionellem Gemüse, Kräutern und vernachlässigten Nutzpflanzen (NUS)
• Verwertung biogener Reststoffe durch BSF-Zucht
• Verarbeitung, Konservierung und Lagerung von Lebens- und Futtermitteln
2. Kapazitätsaufbau und Ausbildung
Ein zentraler Arbeitsschritt ist das Training der Akteure. Dies umfasst Grundausbildungen und regelmäßige Schulungen zum Anlagenbetrieb und zur Lebensmittelverarbeitung. Parallel dazu wird die Qualifikationsentwicklung der Betriebsleiter evaluiert und die akademische Ausbildung von Nachwuchswissenschaftlern gefördert.
3. Datenerhebung und sozioökonomische Wirkungsforschung
Es wird ein partizipativer Ansatz mit qualitativen und quantitativen Methoden angewendet:
• Mikroebene: Kontinuierliche Erfassung technischer und ökonomischer Betriebsdaten (Infrastruktur-, Betriebs- und Inputkosten).
• Sozioökonomische Analyse: Interviews und Fokusgruppendiskussionen.
• Wirkungsmessung: Start- und Endline-Surveys bei Projekt- und Kontrollgruppen zeigen Veränderungen bei der Eigenversorgung und dem Marktzugang auf.
4. Makroökonomische Modellierung
Zur Abschätzung von Skalierungseffekten werden die Mikrodaten der Haushaltsebene in ein bestehendes computergestütztes allgemeines Gleichgewichtsmodell (CGE) für Malawi integriert. Diese Simulation prognostiziert die gesamtwirtschaftlichen Effekte einer großflächigen Verbreitung auf die Armutsreduktion.