Projekt 38897/01

Nachhaltigkeitskomplexität verantwortungsvoll gestalten – eine Herausforderung journalistischen Handelns (NaHe)

Projektdurchführung

Universität Vechta
AB Pädagogische Psychologie
Zentrum für Vertrauensforschung
Driverstr. 22
49377 Vechta

Zielsetzung

Förderung eines nachhaltigkeitswirksamen Journalismus durch innovatives Aus- und Weiterbildungsprogramm

Den meisten Menschen sollte in den letzten Jahren bewusst geworden sein, wie bedeutsam nachhaltiges Handeln für die heutige und zukünftige Gesellschaft ist. Trotzdem kommt diese Erkenntnis größtenteils nicht in den tatsächlichen Verhaltensmustern zum Tragen. Die erfolgreiche Transformation hin zu einer nachhaltigen Gesellschaft bedingt eine stetige und offene Auseinandersetzung mit entsprechenden nachhaltigkeitsbezogenen Themen. Die immense Bedeutung der journalistischen Arbeit für große gesellschaftliche Veränderungsprozesse ist nicht von der Hand zu weisen. Neben der zentralen Informationsfunktion für die Bevölkerung beeinflusst sie ganz wesentlich die gesellschaftliche Meinungsbildung durch die Ansprache und Hervorhebung bestimmter Themen. Eine zentrale Herausforderung in der Berichterstattung über Umweltthemen liegt im Umgang mit der ihnen innenwohnenden Komplexität und Bedrohlichkeit. Angst und Unsicherheit rufen jedoch eher ablehnendes oder abwehrendes Verhalten bei den Menschen hervor als das erwünschte reflexive und verantwortungsbewusste Handeln. Inwieweit die journalistische Arbeit durch die Rezipient/innen als vertrauenswürdig erachtet wird, ist in diesem Zusammenhang eine zentrale moderierende Variable.

Nachhaltigkeitskomplexität verantwortungsvoll zu gestalten und somit umweltwirksame Handlungsimpulse zu generieren, stellt eine Herausforderung des heutigen journalistischen Handels dar. Bisweilen wenig erforscht sind die individuellen impliziten Theorien hinsichtlich eines „guten“ Nachhaltigkeitsjournalismus aus Perspektive der Journalist/innen als auch der Rezipient/innen insbesondere auch im Spiegel der vertrauensrelevanten Vorstellungen. Diese meist unbewussten Annahmen werden als Ausgangspunkt genommen, um die individuellen Wahrnehmungs- und Handlungsmuster hinsichtlich der eigenen journalistischer Arbeit zu reflektieren und transformative Lernprozesse anzustoßen. Im Rahmen des geförderten Vorhabens wird auf dieser Basis ein innovatives Bildungsangebot zur Kompetenzförderung für (angehende) Journalist/innen konzipiert und unter Einbezug der Zielgruppe erprobt.

Arbeitsschritte

Schaffung einer Datenbasis zur innovativen Gestaltung der Bildungsmodule

Da bislang keine Instrumente zur Erfassung impliziter journalistischer Theorien im Kontext der Nachhaltigkeitskomplexität vorliegen, werden die zentralen Konstrukte qualitativ ergründet. Dazu werden Expert/innen-Interviews mit Journalist/innen und Rezipient/innen geführt. Die gewonnenen Erkenntnisse fließen in die Konzeption eines quantitativen Befragungsinstruments zu den Anforderungen an nachhaltigkeitsjournalistische Berichterstattung ein. Das Instrument wird im Rahmen einer Breitenerhebung zu den Wahrnehmungen der Journalist/innen und in angepasster Form zu den Wahrnehmungen der Rezipient/innen eingesetzt. Mittels Clusteranalyse werden einander in ihrer Wahrnehmung ähnliche Personen gruppiert und bilden im differentiell-psychologischen Sinn die Heterogenität beider Gruppen ab.

Aufbauend auf den empirischen Erkenntnissen wird ein vierteiliges Bildungsmodul konzipiert. Neben der Präsentation der empirischen Befunden und der Vermittlung relevantem (umwelt-)psychologischen Basiswissens wird die Reflexion impliziter journalistischer Theorien fokussiert. Ausgehend von den identifizierten prototypischen Clustern ebendieser Konstruktionen werden differentielle Denkanstöße und Impulse zur weiteren Sensibilisierung gegeben.

In der Pilotphase werden die einzelnen Module mittels einer Teilnehmendenbefragung evaluiert und ggf. modifiziert. In diesem Zuge wird insbesondere die individuelle Kompetenzentwicklung der Modulabsolvierenden überprüft und ausgewertet.

Ergebnisse

Ziel des Projekts war die empirisch fundierte Entwicklung eines Bildungsangebots, das Journalist/innen im Umgang mit komplexen Nachhaltigkeitsthemen unterstützt und damit eine differenzierte, vertrauensförderliche und verantwortungsvolle Berichterstattung stärkt. Dieses Ziel wurde erreicht.



Grundlage bildeten qualitative Interviews mit Journalist/innen (N = 6) und Rezipient/innen (N = 8) sowie eine quantitative Befragung von Journalist/innen (N = 137) und Rezipient/innen (N = 1000). Die Auswertungen zeigen, dass Nachhaltigkeitsjournalismus durch heterogene Rollenverständnisse, unterschiedliche Publikumserwartungen und Unsicherheiten im Umgang mit Komplexität geprägt ist. Als besonders relevant erwiesen sich Vertrauen, transparente Einordnung und eine nicht moralisierende Ansprache. Auf dieser Basis wurde ein vierteiliges, onlinebasiertes Bildungsangebot entwickelt und umgesetzt. Es vermittelt psychologische Grundlagen der Informationsverarbeitung, greift emotionale Dynamiken nachhaltigkeitsbezogener Kommunikation auf und unterstützt die Reflexion impliziter journalistischer Annahmen. Damit leistet das Projekt einen wichtigen Beitrag zur Professionalisierung nachhaltigkeitsbezogener Berichterstattung.



Die potenzielle Umweltentlastung ergibt sich indirekt über die Stärkung einer qualitätsvollen Nachhaltigkeitskommunikation. Journalistische Berichterstattung beeinflusst öffentliche Aufmerksamkeit, subjektive Problemwahrnehmung und gesellschaftliche Auseinandersetzungen zu Umwelt- und Nachhaltigkeitsthemen. Das Bildungsangebot kann dazu beitragen, nachhaltigkeits-bezogene Themen verständlicher, anschlussfähiger und vertrauenssensibler zu vermitteln und so Reflexions- und Handlungsprozesse zu unterstützen.



Die Ergebnisse leisten insofern einen wichtigen Beitrag, da eine empirisch fundierte differenziell-psychologische Perspektive auf Nachhaltigkeitsjournalismus mit einem konkreten Bildungsangebot für die journalistische Aus- und Weiterbildung verbunden wurde. Somit wurde eine wissenschaftlich fundierte Grundlage für den Transfer in die journalistische Praxis geschaffen.

Öffentlichkeitsarbeit

Die Verbreitung der Projektergebnisse erfolgte über verschiedene Kommunikationskanäle. Zu Beginn und im Verlauf des Projekts wurden mehrere Pressemitteilungen über die Universität Vechta veröffentlicht, u. a. zum Projektstart, zur Journalist/innen-Befragung sowie zur Vorstellung des entwickelten Bildungsmoduls. Darüber hinaus wurden journalistische Netzwerke und Kooperationspartner/innen (u. a. Journalistenschulen und Branchenverbände) genutzt, um auf das Projekt aufmerksam zu machen und zur Teilnahme an der Befragung sowie am Bildungsangebot einzuladen.
Ein zentrales Element des Ergebnistransfers stellt das im Projekt entwickelte Online-Bildungsangebot dar, das Journalist/innen praxisnah für Herausforderungen nachhaltigkeitsbezogener Berichterstattung sensibilisiert. Die Module wurden über journalistische Netzwerke, Presseverteiler sowie den Newsletter des Deutschen Journalistenverbands verbreitet. Ergänzend wurde eine Projekthomepage eingerichtet, die Informationen zum Projekt und Zugang zum Bildungsangebot bereitstellt. Das Bildungsangebot bleibt auch über die Projektlaufzeit hinaus zugänglich. Zudem werden Projektergebnisse auf der DGPs-Tagung im September 2026 präsentiert und in den wissenschaftlichen Fachdiskurs eingebracht.

Projekthomepage NaHe

Fazit

Das Projekt hat gezeigt, dass die zentrale Herausforderung im Nachhaltigkeitsjournalismus neben der Relevanz des Themas vor allem in der Vermittlung komplexer, unsicherer und emotional sensibler Inhalte liegt. Die gewählte Vorgehensweise – die Verbindung qualitativer und quantitativer Analysen mit der Entwicklung eines praxisorientierten Bildungsangebots – erwies sich als geeignet, um zentrale Spannungsfelder und Kompetenzbedarfe systematisch zu identifizieren und in ein konkretes Bildungsangebot zu überführen.

Die Ergebnisse unterstreichen insbesondere die Bedeutung von Vertrauen, adressatengerechter Komplexitätsreduktion, lebensweltnaher und lösungsorientierter Aufbereitung sowie einer nicht moralisierenden Kommunikation für eine anschlussfähige Nachhaltigkeitsberichterstattung. Das entwickelte Online-Bildungsmodul bietet hierfür eine strukturierte Grundlage zur Reflexion journalistischer Rollenverständnisse und zur Erweiterung psychologischer Handlungskompetenzen.

Zugleich zeigte sich, dass die zentrale Herausforderung weniger in der inhaltlichen Konzeption als in der Erreichbarkeit der Zielgruppe im journalistischen Arbeitsalltag liegt. Künftige Ansätze sollten daher noch niedrigschwelliger, modularer und stärker in bestehende Aus- und Weiterbildungsstrukturen integriert werden. Insgesamt liefert das Projekt wichtige Impulse für die Weiterentwicklung nachhaltigkeitsbezogener journalistischer Aus- und Weiterbildung.

Übersicht

Fördersumme

127.970,00 €

Förderzeitraum

04.09.2023 - 04.03.2026

Bundesland

Niedersachsen

Schlagwörter

Umweltkommunikation