Große Vielfalt im hohen Gras

Alte Grasstreifen auf der DBU-Naturerbefläche Hartmannsdorfer Forst schaffen neuen Lebensraum

Zschorlau. Mit struppig, chaotisch, ungepflegt oder wild würden einige den Blick auf die Ziegeleiwiesen nahe Zschorlau im Südosten der DBU-Naturerbefläche Hartmannsdorfer Forst beschreiben. Dabei sind die sogenannten Altgrasstreifen mit hohem Gras nicht vergessen worden, sondern bewusst geschaffener Lebensraum. „Naturschutz beginnt genau hier. Bei jeder Mahd bleibt ein Teil der Wiesenfläche stehen, der Insekten, Amphibien und Vögeln vielfältige Lebens-, Rückzugs- und Nahrungsräume bietet“, erklärt Dr. Sabrina Jerrentrup, Offenlandmanagerin im DBU Naturerbe, eine Tochtergesellschaft der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU).

Bei jeder Mahd werden circa zehn Prozent der Wiesenfläche stehengelassen und in Form von Streifen oder kompakten Inseln von der Mahd ausgespart.
© Sabine Haas/Bundesforst

Ungemäht für den Naturschutz

Es kreucht und fleucht zwischen den Grashalmen und es tummeln sich zahlreiche Vögel und Insekten am Blütenbuffet der Ziegeleiwiesen. Gleichzeitig steht die erste Heumahd an. „Früher zog sich die Heuernte über eine längere Zeit hin und die Tiere konnten ringsherum auf ungemähte Flächen ausweichen. Mit den modernen Maschinen und Mähwerken werden Wiesen innerhalb weniger Stunden abgemäht. Da bleibt für die Tierwelt nur wenig übrig und es gibt kaum Ausweichmöglichkeiten“, erklärt Jerrentrup. Sogenannte Altgrasstreifen können helfen. Dazu werden bei jeder Mahd circa zehn Prozent der Wiesenfläche stehengelassen und in Form von Streifen oder kompakten Inseln von der Mahd ausgespart. So bleiben unterschiedliche Strukturen auf der Fläche erhalten „Altgrasstreifen bieten nicht nur im Sommer Lebensraum, sondern können auch als Winterquartiere in der offenen Landschaft dienen. Insekten überwintern beispielsweise in den Pflanzenstängeln“, erklärt Jerrentrup. Sie ergänzt: „Wichtig ist aber, dass die Altgrasstreifen, die neben den dominierenden Gräsern auch viele krautige Pflanzenarten enthalten, im nächsten Jahr wieder an anderer Stelle angelegt werden, um die Pflanzenzusammensetzung nicht zu beeinträchtigen.“

Alte Grasstreifen schaffen neuen Lebensraum

„Wer genau hinschaut, sieht keine ungepflegte Wiese, sondern vielfältigen und wertvollen Lebensraum“, betont Sabine Haas, Revierleiterin beim Bundesforstbetrieb Thüringen-Erzgebirge, die die DBU-Naturerbefläche vor Ort betreut. Während der Mahd werden in den Altgrasstreifen zahlreiche Tiere wie Heuschrecken und Spinnen verschont, die den schnellen Maschinen nicht ausweichen können. Nach der Mahd dienen die Streifen ihnen als Rückzugsräume und bieten Futter sowie Deckung vor Feinden. Ebenso fühlen sich Wiesenvögel in den ungenutzten Bereichen wohl und finden dort geeignete Brutplätze und Sitzwarten, von denen sie zur Nahrungssuche die Umgebung beobachten können. Feldhasen und weitere Kleintiere finden in dem hohen Gras Ruhe- und Deckungsbereiche. Wildbienen und Schmetterlinge profitieren von dem langfristigen Nahrungsangebot an Blüten oder Blattwerk. Ein weiterer Vorteil: Auch spätblühende Pflanzenarten kommen bis zur Samenreife. Haas: „Nach der Mahd sind die Altgrasstreifen wiederum Startpunkt, von denen aus die Tiere die gemähten Bereiche nach und nach besiedeln.“

Altes Gras wird zu neuem Lebensraum: Es kreucht und fleucht zwischen den Grashalmen und es tummeln sich zahlreiche Vögel und Insekten auf den Ziegeleiwiesen.
© Sabine Haas/Bundesforst

Seltener Lebensraum braucht Pflege

Artenreiche Wiesen sind besondere Lebensräume, aber mittlerweile selten in Deutschland. „Sie sind seit Jahrhunderten von Menschen und Landwirtschaft geprägt, doch verschwinden zunehmend aus unserer Kulturlandschaft, obwohl Deutschland für sie europäische Verantwortung trägt“, sagt Jerrentrup. Einerseits reagiert der nach Flora-Fauna-Habitatrichtlinie geschützte Lebensraum sensibel auf Düngemittel und auf frühe oder häufige Mahd, andererseits ist er auf regelmäßigen Rückschnitt angewiesen. „Ganz ohne Pflegemaßnahmen würden die Wiesen nach und nach verbuschen, zu Wald werden und letztendlich verschwinden. Extensiv bewirtschaftet sind sie hingegen wahre Schatzkisten der Artenvielfalt“, verdeutlicht Jerrentrup. Neben den Ziegeleiwiesen umfasst die 1.900 Hektar große DBU-Naturerbefläche ein ausgedehntes, zusammenhängendes Waldgebiet, mosaikartig vorkommende Heide- und vereinzelte Moorflächen sowie über 100 Jahre alte Spirken – Nadelbäume mit dunklem Stamm. Sie ist Teil der des Nationalen Naturerbes und dem Naturschutz gewidmet.

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