Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung gGmbH
Leiter der Forschungsgruppe
Digitale Mobilität u. gesellschaftliche Differenzierung
Reichpietschufer 50
10785 Berlin
Ausgangspunkt ist die Beobachtung, dass Kommunen angesichts komplexer Transformationsanforderungen wie Klimaschutz, Energie-, Wärme- und Mobilitätswende, Migration sowie Digitalisierung zunehmend an ihre Grenzen stoßen. Die stark arbeitsteiligen Verwaltungsstrukturen erschweren die Entwicklung und Umsetzung integrierter, langfristig wirksamer Lösungen. Mit einem Policy Lab soll eine flexible und auf Zeit gegründete Einheit geschaffen werden, die die Leistungsfähigkeit von Kommunen im Transformationsprozess entscheidend stärken soll. Die strukturellen Probleme sektorübergreifender Handlungs- und Umsetzungskonzepte können mit Hilfe wissenschaftlicher Kompetenz deutlich verbessert werden, wenn die Zusammenarbeit auf eine neue Grundlage gestellt wird. Das Policy Lab hat das Ziel, die bisher vielfach von akademischen Eigeninteressen dominierte Zusammenarbeit neu zu regeln. Im Unterschied zu den bekannten Formaten bestimmt in diesem neuen Format die Verwaltung die Problemdefinition und entwickelt dann gemeinsam mit der Wissenschaft Lösungswege. Damit übernimmt die Wissenschaft eine stärkere unterstützungs- und umsetzungsorientierte Funktion. Im Vordergrund steht nicht die Erzeugung von neuem wissenschaftlichen Wissen, sondern die praktische Bewältigung konkreter Transformationsvorhaben in kommunaler Verantwortung.
Über den Zeitraum von einem Jahr wurde in Zusammenarbeit mit Kommunalverwaltungen, Politik und weiteren Expert:innen ein Konzept für ein solches Policy Lab ausgearbeitet, sowie Rahmenbedingungen und Voraussetzungen definiert.
Das Projekt bestand aus mehreren Bausteinen. Dazu gehörten Expert:inneninterviews sowie intensive Literaturrecherchen um das Konzept, die Verortung und Schwachpunkte bisheriger Labs sowie ähnlicher Kooperationsformate an der Schnittstelle von Wissenschaft und Politik bzw. Verwaltung auszuloten. Dazu wurde juristische Expertise zu Rechtsform, Anbindung und Möglichkeiten der geplanten Ausstattung mit rechtlichen Entscheidungsbefugnissen eines solchen Labs eingeholt. Ergebnisse sind gemeinsam mit einem Beirat bestehend aus Wissenschaftler:innen mit relevanter Expertise, Kommunalpolitiker:innen sowie Mitarbeiter:innen aus Kommunalverwaltungen und weiteren Expert:innen diskutiert und das Konzept eines Policy Labs mit einem prozessorientiertem Evaluationskonzept finalisiert worden. Abschließend sind die Ergebnisse bei einer zweitägigen Abschlussveranstaltung der Öffentlichkeit vorgestellt worden.
Das hier vorgeschlagene Konzept eines Policy Labs geht über die seit einigen Jahren vorangetriebene transdisziplinäre Forschung sowie die Einrichtung von Reallaboren und Experimentierräumen hinaus, insofern das Lab einen Ort als verbindlichen Umsetzungsraum innerhalb der Verwaltung anbietet, der dauerhafte Veränderungen bewirken soll. Dazu werden vor Ort neue hybride Organisationseinheiten geschaffen. Wissenschaft wird damit zu einem unterstützenden Akteur. Konstitutiv für den Arbeitsprozess im Policy Lab ist der Einsatz von prozessbegleitenden Monitoring- und Evaluationsinstrumenten, um im Projektverlauf das neue Vorgehen sowie die Fortschritte und Herausforderungen der Arbeit reflektieren, dokumentieren und nachjustieren zu können. Das Lab kann auf der Ebene einer Kommune oder auch eines Landkreises angesiedelt sein und soll Lösungen für Probleme entwickeln, für die es keine bestehenden Verwaltungs- und Umsetzungsroutinen gibt.
Der Gründung eines Labs geht die Benennung eines konkreten Problems voraus, anschließend wird der gewünschte Lösungsweg skizziert und dabei genau festgehalten welche Verwaltungspositionen und -stellen zu welchem Zeitpunkt befristet abgeordnet werden und ob es gegebenenfalls zu Neubesetzungen kommt. Idealerweise sind bereits konkrete Personen benannt, die aus unterschiedlichen Einheiten stammen und die nunmehr über mehrere Jahre in der Realisierungsphase im Lab arbeiten. Seitens der Wissenschaft sind Personen über einen angemessenen Zeitraum abzuordnen, die bereit sind, sich auf dieses Wagnis einer konkreten Zusammenarbeit einzulassen und zumindest temporär aus der bestehenden Reputationsordnung auszusteigen.
Um demokratisch legitimiert arbeiten zu können und sich von bisherigen Formaten der wissenschaftlichen Politikberatung zu unterscheiden, wird das Lab auf Antrag der Legislative oder der Exekutive eingerichtet und vom Parlament/Stadt- oder Gemeinderat bestätigt. So wird zugleich die notwendige politische Unterstützung abgesichert.
Die Ergebnisse des Projektes wurden am 27. und 28. November 2025 auf der Abschlusskonferenz „Nachhaltige Transformationen auf kommunaler Ebene realisieren: Herausforderungen, Potenziale, Lösungen“ am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung vorgestellt und mit Teilnehmenden aus Wissenschaft, Verwaltung, Kommunalpolitik und Zivilgesellschaft diskutiert. Die Ergebnisse sind dann in verschiedenen wissenschaftlichen Zeitschriften veröffentlicht und auf den einschlägigen kommunalen Plattformen (DEPOMM; NaKaMo) verbreitet worden. Mit einer Reihe von Gebietskörperschaften konnten bereits Gespräche über eine mögliche Umsetzung geführt werden
https://www.wzb.eu/de/forschung/digitalisierung-und-gesellschaftlicher-wandel/globalisierung-arbeit-und-produktion/projekte/das-policy-labDas Policy Lab kann eine transdisziplinäre Arbeitseinheit in der Verwaltung sein, die mit flexiblen Strukturen ressortübergreifende, agile Arbeitsprozesse umsetzt. Das neue Format und die erhöhte Entscheidungsfreiheit eines solchen Labs versprechen kreatives Denken und die Ausarbeitung neuer Formen der Problemlösung auf kommunaler Ebene in einer ja ansonsten sehr regelbasierten und risikoaversen Umwelt zu ermöglichen.