Pullover für schwerbehinderte und stark bewegungseingeschränkte Menschen im Rollstuhl
Projektdurchführung
Uta Leichsenring Textilien
Ruchelnheimstr. 25
63743 Aschaffenburg
Zielsetzung und Anlass des Vorhabens
Im Sinne der Inklusion ist es wichtig, dass auch Menschen mit starker körperlicher Beeinträchtigung oder kognitiver Einschränkung (z.B. Altersdemenz) Kleidungsstücke erhalten, die zum einen stilvoll und zum anderen auf die besonderen Bedürfnisse der Personen abgestimmt sind. Dabei sind besonders Nahtstellen, herkömmlich konfektionierter Kleidung für Menschen im Rollstuhl, ein Problem. Diese verursachen durch ihren mehrlagigen Aufbau und ihrer Festigkeit Druckstellen, die zum Dekubitus führen können, was besonders für Menschen mit starken kognitiven oder motorischen Einschränkungen ein gesundheitliches Risiko darstellt, da sie diese Druckstellen nicht bemerken, bzw. nicht auf solche hinweisen können.
Zusätzlich ist es bei diesen Personen der beschriebenen Zielgruppe sehr wichtig insbesondere den Schulterbereich und den Bereich Schritt/Oberschenkel gegen Auskühlung zu schützen. Dies wird durch die Entwicklung eines auf die Zielgruppe ausgerichteten „body-mappings“ sichergestellt. Hierbei werden bestimmten Körperbereichen definierte Gestrickeigenschaften (Maschenstrukturen) zugeordnet (z. B. wärmende Bereiche an den Schultern, eher kühlere Zonen am Bauch etc.).
Die Entwicklung eines passgenauen (falls notwendig individualisierten) Spezialpullovers mit einem sehr kurzen Rückenteil sowie kurzen (enganliegenden) Ärmeln sowie einem sehr langen ggf. breiter werdenden Vorderteil bringt folgende Vorteile für die Nutzer:
• Der obere Teil des Pullovers sichert das Wärmen der Schulterpartie durch die Passform und die Ärmel
• Der vordere längere Bereich sichert das Wärmen des Schritt- und Oberschenkelbereichs
• Der kurze Rücken vermeidet Faltenbildung am Rücken und Gesäß
• Die ggf. individualisierbare Passform vermeidet zusätzliche Materialanhäufungen durch überlappende Stofflagen und Nähte
• Waschbarkeit aus Hygienegründen bei mindestens 60, ideal 90 Grad, trocknergeeignet
Ein weiterer wesentlicher Aspekt bei der Produktentwicklung ist das möglichst einfache Handling des Kleidungsstücks beim Anziehen und Ausziehen. Durch die Bewegungseinschränkung werden aktuell beim Anziehen bis zu mehrere Minuten und oftmals sogar die Hilfe von zwei Alltagsbetreuern oder Pfle-
gekräften benötigt.
Eine Kraft kleidet faltenfrei an, während die zweite den Patienten stützt, um ein Herausfallen aus dem
Rollstuhl zu verhindern. Die neue Entwicklung erlaubt ein "über Kopf" Anziehen von vorne durch nur eine Pflegekraft. Dabei ist gleichzeitig das Absichern nach vorne gegen das Herausfallen gegeben. Dies erhöht die Sicherheit, entlastet die Pflegekraft und reduziert den Pflegeaufwand erheblich.
Vervollständigt wird die Entwicklung des Pullovers durch die Materialauswahl. Dabei ist besonders die Waschbeständigkeit wichtig, da aus hygienischen Gründen das Waschen bei hohen Temperaturen gewährleistet werden muss. Zeitgleich muss auch der Tragekomfort berücksichtigt werden und die Möglichkeit des Recyclings Beachtung finden.
Durch den Einsatz von - idealerweise deutschem - Hanf in Verbindung mit anderen abbaubaren Fasern wie Lyocell oder Baumwolle bietet sich zum einen die Grundlage für eine biologische Abbaubarkeit des Artikels am Ende der Nutzung bzw. der Produktlebenszeit und zum anderen wird die Scheuerfestigkeit sowie die Nassfestigkeit erhöht. Zusätzlich verbessern sich dadurch die Trageeigenschaften (Weichheit und Anschmiegbarkeit) insbesondere bei Mischungen mit anderen biologisch abbaubaren Fasern wie z. B. Wolle, Baumwolle oder Lyocell.
Direkt und indirekt ergibt sich die maximale die Nachhaltigkeit in den Bereichen Produktion, Entwicklung und der Logistik aufgrund von:
• Kurzen Wege von Produktion zu den Kunden
• Keine Produktionsüberhänge
• Sozial gerechte Arbeitsbedingungen
• Individualisierbarkeit in kleinen Mengen
• Verpackung kann, in einem späteren Zeitpunkt nach Markteinführung, rückgeführt werden
Darstellung der Arbeitsschritte und der angewandten MethodenZunächst erfolgte die Entwicklung und Ausarbeitung des Anforderungsprofils gemeinsam mit Pflegern und ggf. Nutzern, wenn es der Behinderungsgrad zulässt.
Die Technik der Wäscherei und der Einsatz an Wasch- und Zusatzmitteln wurde dokumentiert und in das entsprechende Anforderungsprofil der Pullover übernommen. Es wurden Mustergestricke mit verschiedenen Garnen und verschiedenen Strickgrundbindungen gefertigt, in der Wäscherei des M. Pullem Hauses in Köln gewaschen und ausgewertet Dabei wurde der Verzug und der Schrumpf der Gestricke erfasst. Es wurden dabei die folgenden Festlegungen getroffen:
• Der Pullover wurde auf einer Maschine mit der Feinheit E4 gefertigt.
• Die Kennzeichnung erfolgt im Versuchsstadium über Bügeletiketten
• Die Pullover wurden sowohl bei 30 Grad als auch bei 60 Grad in Waschsäcken gewaschen.
Eine Marktrecherche nach Hanf- und Hanfmischgarnen wurde durchgeführt und Mustermengen wurden bestellt. Spinntests wurden in der Pilotspinnerei der HSNR auf einer Rieter Rotorspinnmaschinedurchgeführt. Es wurde eine Serie von Garnen mit einem Mischungsverhältnis 80% Hanf und 20% Tencel und eine zweite mit je 50% Hanf und Tencel gesponnen.
Die Programmierung zur Herstellung der ersten Bemusterungen wurde erstellt, verschiedene Mustervarianten z.B. mit Raglanärmeln oder direkt angesetzten Ärmeln wurden erstellt und Waschtests auf der Basis erster Kleinserienteile sind abgeschlossen. Das erste Fitting im Mathias Pullem Haus mit Pflegepersonal durchgeführt.
Programmanpassungen und stricktechnische Optimierungen folgten nach. Textiltechnische Untersuchungen der Garne und der gestrickten Erstmuster sowie eine Bemusterung aus verschiedenen Garnen für erste Anwendungsversuche in der Pflege, Erstellen eines Größensatzes sowie weitere Wasch- und Trockenversuche folgten. Die weitere Optimierung des Größensatzes für Frauen und Männer. Festlegung der Parameter für Waschung, Trocknung und Dämpfen schließen sich iterativ an.
Ergebnisse und Diskussion
Um eine Verspinnbarkeit der Hanffaser zu erreichen ist eine Beimischung z.B. von Regenerat- oder Naturfasern wie Tencel oder Baumwolle notwendig. Dies unterstützt ebenfalls die Verstrickbarkeit und reduziert die Trocknungszeiten erheblich.
Es unterstützt auch nach den ersten Wasch- und Trockenergebnissen die Erreichbarkeit eines notwendigen Tragekomforts beim tragenden Menschen.
Das angedachte Ziel einen Pullover auf der Basis von 100% Hanf ist - es sei denn es ergeben sich im weiteren Projektverlauf neue Erkenntnisse- nicht wirtschaftlich sinnvoll. Das Ziel bleibt weiterhin den Hanfanteil so hoch wie möglich zu halten und eine Garngrundlage auf 100 % biologisch abbaubarer Basis zu erhalten.
Als maximale gut verarbeitbare und bekleidungsphysiologisch sinnvolle Fasermischung zeigte sich dabei ein Hanfanteil von ca. 30%.
Ein weiterer relevanter Aspekt ist die vorgesehene individuelle Anpassung des Bekleidungsstückes an den jeweiligen Träger. Es zeigt sich im Projektverlauf des Projektes RolliPulli das sich mit einem vorab definierten Größenbaukasten eine deutlich wirtschaftlichere Herstellung des Bekleidungsstückes realisieren lässt. Es sind jedoch aktuell keine entsprechenden Größendaten für dauerhaft im Rollstuhl sitzenden Personen verfügbar. Zum notwendigen Vermessen können die Personen nicht aufstehen und lassen sich bei altersbedingten Folgeerkrankungen häufig nur ungern berühren. Daher ist ein Folgeprojekt beantragt worden um ein System zu entwickeln, welches mit einem optischen 3D-Messsystem Körperdaten KI-basiert erfasst, um daraus dann die erforderlichen Daten für die Schnittgeometrie des Bekleidungsstückes abzuleiten. Die automatisierte Produktion setzt die entsprechenden Größendaten direkt im Strickprozess um. Eine Steigerung der Wirtschaftlichkeit ist zusätzlich erreichbar, wenn in einem weiteren Schritt Größenstandards abgeleitet werden, die den sehr hohen Individualisierungsgrad, d.h. Produktion von 100% individualisierter Stückzahl eins, derart senken, dass eine, zumindest teilweise, Produktion auf Lager möglich wird.
Direkt und indirekt steigert sich durch dieses Projekt die Nachhaltigkeit in den Bereichen Produktion, Entwicklung und der Logistik aufgrund von:
• kurzen Wege von der Produktion zu den Kunden,
• keine Produktionsüberhänge,
• sozial gerechten Arbeitsbedingungen,
• ideale Rohmaterialplanung, keine Übermengen
• minimaler Produktionsabfall
• Individualisierbarkeit in kleinen Mengen und
• die Rückführbarkeit von Verpackung in einem späteren Zeitpunkt nach Markteinführung.
Öffentlichkeitsarbeit und Präsentation
• Veröffentlichungen der einzelnen Projektabschnitte auf einem eingerichteten Instagrammkanal
https://www.instagram.com/rollipulli
• Veröffentlichungen der einzelnen Projektabschnitte auf einem eingerichteten Instagrammkanal
https://www.linkedin.com/company/106841840
• Eingereichte Veröffentlich in den Melliand Textilberichten – Zeitpunkt der Publikation ist aktuell noch nicht entschieden
• Präsentation des Projektes RolliPulli als Poster und Kurzpräsentation auf der ADD-ITC in Aachen am 27.-30.11. 2025
• Veröffentlichung der Projekthomepage RolliPulli unter www.rollipulli.de
Auf dieser zweisprachigen Homepage (englisch und deutsch) steht neben der Produktbeschreibung, einem Shop auch ein zweisprachiger Flyer als Download zur Verfügung.
Fazit
Der Rollipulli als Ergebnis der durchgeführten Projektarbeiten erfüllt die an ihn gestellten Anforderungen in Bezug auf:
• Herstellbarkeit
• Tragekomfort
• Nachhaltigkeit
• Pflegerischen Nutzen und Unterstützung
• Positiven Einfluss auf das psychische Wohlbefinden der Zielgruppe
Die Kooperation und der Austausch zwischen den drei Projektpartnern war optimal. Die verschiedenen Sichtweisen zum Projektstart waren sehr nutzbringend und haben geholfen ein optimales Ergebnis zu entwickeln.
Die kommende Herausforderung ist aus kommerzieller Sicht der Aufbau eines Vertriebsystems und aus technischer Sicht die Bestimmung und die Erfassung von Körpereckmaßen von im Rollstuhl sitzenden bewegungslosen Personen. Dies soll durch ein bereits bei der DBU eingereichtes Folgeprojekt realisiert werden.
Der im Projekt erreichte Vorhabenstand entspricht dem vorgesehenen Arbeits-, Zeit- und Kostenplan sowie dem Finanzierungsplan.