Projekt 37933/01

Biologische Regulierung der Rotbeinigen Baumwanze im Öko-Obstbau durch den Eiparasitoiden Trissolcus cultratus

Projektdurchführung

Universität Hohenheim
Prorektorin für Forschung, wiss. Nachwuchs
u. Transfer
Schloss Hohenheim 1
70593 Stuttgart

Zielsetzung

Die Rotbeinige Baumwanze Pentatoma rufipes L. ist in Deutschland aus faunistischen Erhebungen in Obstanlagen schon lange bekannt. Seit über zehn Jahren haben die Populationen in Süddeutschland extrem zugenommen und sie hat sich zum Schädling entwickelt. Die Schäden traten erst nur in Birnenanlagen dann seit 2019 auch in Apfelanlagen auf. Betroffen sind vor allem ökologisch bewirtschaftete Obstanlagen, für die derzeit kein ausreichend wirksames Regulierungsverfahren zur Verfügung steht.
Ziel des Projekts ist es, für den ökologischen Obstbau ein wirtschaftlich tragfähiges Verfahren zur biologischen Regulierung der Rotbeinigen Baumwanze durch Ausbringung des im Freiland an diesem Schädling mehrfach festgestellten Eiparasitoiden Trissolcus cultratus Mayr zur Praxisreife zu entwickeln und bereits in der Projektlaufzeit schrittweise über Praxisversuche einzuführen.
Die Verfügbarkeit eines solchen Verfahrens wird die Ertragssicherheit im ökologischen Obstbau erheblich verbessern und die Umstellung von weiteren Betrieben auf den Öko-Obstbau fördern. Außerdem wird die Anwendung von breit wirksamen Insektiziden auf Pyrethrumbasis im Öko-Obstbau reduziert, was zusätzlich zu Umweltentlastungen führt.
Der Nützlingseinsatz im Freiland und im Obstbau ist bis jetzt wenig verbreitet. Die Etablierung dieses Verfahrens ist daher eine wichtige Innovation, die auch weitere Aktivitäten zum Nützlingseinsatz vor dem Hintergrund der Insektenschutzstrategie, durch die der Einsatz von Insektiziden auch im ökologischen Anbau immer mehr hinterfragt wird, befördern kann.

Zu Projektende soll ein Verfahren zum Einsatz dieses Nützlings zur Verfügung stehen, das bereits schrittweise in die Praxis eingeführt ist und den derzeit fehlenden Baustein in der Regulierung der Rotbeinigen Baumwanze im Ökologischen Obstbau bereitstellt.
Durch dieses Vorhaben soll auch modellhaft gezeigt werden, mit welchen Schritten man auf schwer regulierbare Schadinsekten reagieren und wie eine nachhaltige, biologische Bekämpfungs¬strategie entwickelt werden kann.
Es kombiniert den klassischen Ansatz der Nützlingsförderung im Freiland durch Blühstreifen mit dem Konzept einer zum Schädlingsaufkommen zeitlich und räumlich möglichst exakten Nützlingsfreilassung. Im Ergebnis reduziert sich die erforderliche Aufwandmenge ggf. erheblich.
Dieser Ansatz stellt eine bedeutende Innovation dar, die für weitere Aktivitäten mit Nützlingen im Obstbau und anderen Dauerkulturen im Freiland wegweisend sein kann. Vor dem Hintergrund der Insektenschutzstrategie und der geforderten Reduktion des Pflanzen¬schutz¬¬mitteleinsatzes muss vermehrt nach solchen Ansätzen gesucht werden. Die Erfahrungen, die in diesem Projekt gesammelt werden, sind also weit über die eigentliche Problemlösung hinaus von großer Bedeutung.


Arbeitsschritte

Die Wirkung der Ausbringung von T. cultratus auf die Rotbeinige Baumwanze wurde in Freilandversuchen in Anlagen mit starkem Befall geprüft, in denen noch keine Parasitierung festgestellt wurde. Dabei wurden verschiedene Ausbringvarianten mit einer unbehandelten Kontrolle verglichen. Erfasst wurde jeweils die Anzahl parasitierter und unparasitierter Eigelege sowie die Anzahl geschlüpfter Nymphen im Herbst. In den Folgejahren wurde mittels Saug- und Klopfproben in Krautschicht und Baumkrone sowie durch das Monitoring der Parasitierung der Eigelege der Rotbeinigen Baumwanze beobachtet, ob der Parasitoid sich etabliert.
Die Arbeiten bei der Katz Biotech AG gliederten sich in mehrere Themenbereiche: Zunächst wurden unterschiedliche Wirtsspezies auf ihre (Massen-)Zuchttauglichkeit untersucht. Dabei wurden Faktoren wie Ernährung, Umweltbedingungen und Haltungsdichte analysiert, um die Überlebensrate, Fitness und Reproduktionsleistung der Tiere zu optimieren. Parallel wurden die Aufzucht und Entwicklung verschiedener Nymphenstadien sowie die Haltung erwachsener Tiere in geeigneten Käfigsystemen erprobt. Ein weiterer Schwerpunkt lag auf der Identifikation von optimalen Futterquellen und deren Handhabung, Lagerfähigkeit und Einfluss auf die Reproduktionsleistung. Zusätzlich wurden abiotische Faktoren wie Luftfeuchtigkeit, Belüftung und saisonale Effekte auf die Eiablage und die Überwinterung untersucht.
Für den Parasitoiden T. cultratus wurde die Zucht auf Grundlage etablierter Methoden anderer Trissolcus-Arten adaptiert. Hierbei waren geeignete Haltungsbedingungen, Ernährung und die etwaige Vorbehandlungen der Wirtseier entscheidend für eine hohe Parasitierungs- und Schlupfrate. Parallel wurden alternative Wirtsarten geprüft, um die Parasitoidenproduktion unabhängig von schwer zu haltenden Arten sicherzustellen.
Abschließend wurden Konzepte für die Ausbringung der Parasitoiden entwickelt und im Freiland getestet, einschließlich der Gestaltung von Versand- und Freisetzungseinheiten, sowie der Lager- und Transportbedingungen inklusive der biologischen Folgeeffekte, um die schlüpfenden Wespen effizient und sicher im Freiland einzusetzen.
Insgesamt wurden die Methoden auf die systematische Optimierung von Wirts- und Parasitoidenproduktion, Umwelt- und Haltungsbedingungen sowie Logistikprozesse ausgerichtet, um ein skalierbares und reproduzierbares Zuchtsystem zu etablieren.

Ergebnisse

T. cultratus kann einen sehr guten Baustein in der Regulierung der Rotbeinigen Baumwanze darstellen. Eine Ausbringung von 30 Parasitoiden jeden 5. Baum kann eine hohe Population der Baumwanze für mehrere Jahre sehr gut reduzieren. Vor allem in Birnen und am Bodensee auch im Apfelanbau verursacht die Baumwanze hohe Schäden. Ein Baustein für eine biologische Regulierung ist daher für die Ausweitung des Ökoanbaus sehr wichtig und kann auch für den integrierten Anbau dazu beitragen, den Pestizideinsatz zu reduzieren.

Knackpunkte sind allerdings Kosten und Verfügbarkeit. Für eine schnelle Regulierung eines flächendeckenden starken Befalls wird eine große Anzahl an Parasitoiden benötigt, die derzeit kaum verfügbar und teuer ist.

Ein Ausweg aus dieser Situation kann es sein, den Parasitoiden punktuell und möglichst frühzeitig auszubringen, wenn vom Rand her eine stärkere Einwanderung beobachtet wird. Dafür würde eine Teilabhängung der betroffenen Zone der Anlage mit Dispensern á 30 Parasitoiden jeden 5. Baum ausreichen. Auch hierbei wurde eine Etablierung des Parasitoiden nachgewiesen sowie eine gewisse Einwanderung in weitere Teile der Anlage. Wenn nur eine relativ kleine Fläche abgehängt werden muss, sind auch hohe Kosten für die Parasitoide für die Betriebe tragbar.

Die KBAG hat die technischen und biologischen Grundlagen für ein stabiles Zuchtsystem des Parasitoiden Trissolcus cultratus im Labormaßstab geschaffen und damit gezeigt, dass ein wirtschaftlich nutzbares Produktionssystem grundsätzlich realisierbar ist. Zentrale Voraussetzung ist die Bereitstellung großer Mengen geeigneter, sterilisierter Wirtseier. Als relevante Wirte wurden Halyomorpha halys und Graphosoma spp. identifiziert, wobei sich bislang ausschließlich sterilisierten H. halys-Eiern als zuverlässig für hohe Schlupfraten erwiesen haben.

Trotz optimierter Zuchtbedingungen, etablierter Prozesse und entwickelter Ausbringungseinheiten wird die Produktion derzeit noch durch biologische Limitierungen eingeschränkt. Insbesondere Saisonalität, Winterdepressionen sowie schwankende Ovipositionsleistungen begrenzen die Planbarkeit und Skalierbarkeit. Gleichzeitig stellen die erzielten Ergebnisse eine belastbare Grundlage für die praktische Anwendung dar. Die bestehenden Engpässe sind dabei weniger grundsätzliche Hindernisse als vielmehr konkrete Ansatzpunkte für weitere Optimierungen, die das Potenzial haben, die Produktion mittelfristig zu stabilisieren und wirtschaftlich attraktiver zu ges

Öffentlichkeitsarbeit

Das Projekt wurde in enger Verzahnung mit der Praxis durchgeführt. Die Freilandversuche erfolgten auf den betroffenen Betrieben. Für diese wurde jährlich in Zusammenarbeit mit der Beratung ein Online-Workshop angeboten und die Ergebnisse und das weitere Vorgehen diskutiert. In 2025 wurden die Ergebnisse an der bundesweiten Ökologischen Obstbautagung vorgestellt und in 2026 in der Zeitschrift Öko-Obstbau veröffentlicht. Durch die Ringversuche in 2024 wurden bereits einige Betriebe mit dem Einsatz des Parasitoiden vertraut gemacht.
Außerdem wurden die Ergebnisse in 2023, 2024 und 2025 im Rahmen des Arbeitskreises „Nutzarthropoden und Entomopathogene Nematoden“ sowie an der Deutschen Pflanzenschutztagung 2023 der Fachöffentlichkeit präsentiert. Auf internationaler Ebene wurden die Ergebnisse an der International Conference on Organic Fruit Growing (ecofruit) in 2024 und 2026 vorgestellt.

Publikation

Fazit

T. cultratus kann einen sehr guten Baustein in der Regulierung der Rotbeinigen Baumwanze darstellen und damit zu einer schnelleren Ausdehnung des Öko-Obstbaus und einer Reduktion von Pestiziden im Integrierten Anbau beitragen.
Knackpunkte sind allerdings Kosten und Verfügbarkeit. Für eine schnelle Regulierung eines flächendeckenden starken Befalls wird eine große Anzahl an Parasitoiden benötigt, die derzeit kaum verfügbar und sehr teuer ist. Ein Ausweg aus dieser Situation kann es sein, den Parasitoiden punktuell und möglichst frühzeitig auszubringen, wenn vom Rand her eine stärkere Einwanderung beobachtet wird.
Insgesamt zeigen die Ergebnisse, dass ein wirtschaftlich nutzbares Produktionssystem für Trissolcus cultratus grundsätzlich realisierbar ist, jedoch weiterhin durch biologische Limitierungen und daraus resultierende produktionstechnische Unsicherheiten eingeschränkt wird. Insbesondere Saisonalität und schwankende Ovipositionsleistung des Alternativwirts begrenzen derzeit die Planbarkeit und Skalierbarkeit der Produktion.
Für die weitere Verwertung im Unternehmen bieten die entwickelten Systeme und Prozesse bereits eine belastbare Basis, auf der erste marktfähige Anwendungen aufgebaut werden können. Die identifizierten Engpässe stellen dabei weniger grundsätzliche Hindernisse als vielmehr konkrete Entwicklungsfelder dar, deren gezielte Optimierung das Potenzial hat, die Produktion mittelfristig deutlich zu stabilisieren und wirtschaftlich attraktiver zu gestalt

Übersicht

Fördersumme

359.057,00 €

Förderzeitraum

01.04.2022 - 31.12.2025

Bundesland

Baden-Württemberg

Schlagwörter

Land use
Nature Conservation