NABU Landesverband Niedersachsen e. V.
Alleestr. 36
30167 Hannover
Als Steppenart mit kontinental-mediterraner Verbreitung erreicht die Wechselkröte (Bufotes viridis) in Ostniedersachsen ihre nordwestlichen Verbreitungsgrenze. Ihr Bestand in Niedersachsen ist innerhalb des letzten Jahrhunderts um ca. 80 % zurückgegangen, sodass die Art auf der aktuellen Roten Liste der gefährdeten Amphibienarten als „vom Aussterben bedroht“ gelistet wird. Als Lebensräume werden offene, spärlich bewachsene Standorte mit ausreichend Versteckplätzen und grabbarem Boden bevorzugt. Reproduktionsgewässer zeichnen sich durch Vegetationsarmut, Sonnenexposition, meist flache Ufer und oft nur temporäre Wasserführung aus.
In der niedersächsischen Kulturlandschaft sind solche trockenwarmen, steppenartigen Standorte als typische Lebensräume der Wechselkröte heutzutage hauptsächlich in Abgrabungen und Abbaufolgelandschaften, auf Äckern und auf Ruderal-, Brach- und Industrieflächen zu finden. Somit kommt die Wechselkröte in Niedersachsen inzwischen nur noch in stark isolierten, naturfernen Sekundärhabitaten in den Landkreisen Helmstedt und Wolfenbüttel vor.
Das Ziel des Projektes ist die Bestandsstützung der Wechselkröte durch das Schaffen von Grundlagen und Voraussetzungen für die Anlage von nachhaltig geeigneten Fortpflanzungs- und Landlebensräumen im Verbreitungsgebiet Südost-Niedersachsen, um der Art so das langfristige Überleben an ihrem Arealrand zu ermöglichen. Wichtiger Inhalt des Projektes ist die Integration der Wechselkröte in urbanen Räumen durch gezielte Kommunikation und Aufklärung von Unternehmen und Bürger*innen. Dabei soll anders als in der Vergangenheit der Fokus nicht auf "typischen" Naturschutzflächen, sondern auf stark anthropogen überformten Lebensräumen wie Gewerbeflächen, Parkplätzen, Bodendeponien, Kleingartenkolonien u.a. liegen. Die Fähigkeit der Wechselkröte auch solche Habitate erfolgreich zu besiedeln, soll hier gezielt genutzt und gleichzeitig die Biodiversität auf Industrieflächen erhöht werden - eine Kombination aus Wirtschaft, Industrie und Naturschutz. Kosten werden geringgehalten, Unternehmen können uneingeschränkt weiter agieren und der Artenschutz wird auf - für die Art - bislang ungenutzten anthropogen überformten Lebensräumen praktikabel. Als Mitnahmeeffekt entstehen neue (Teil-)Lebensräume auch für weitere bedrohte Arten. Zur Gewinnung solcher Flächen wird ein sehr hohes Maß an Information und Kommunikation mit den jeweiligen Eigentümer*innen und Nutzenden erforderlich sein.
1) Flächensuche: Identifikation von geeigneten Flächen für die Schaffung von Wechselkrötenhabitaten mithilfe der ortsansässigen Unteren Naturschutzbehörden sowie Unternehmen mit großen Außenanlagen und Industrieflächen wie z. B. Bergbauunternehmen.
2) Kommunikation: Kontakt zu diversen Akteur*innen, die an diesem Projekt beteiligt sind oder angesprochen bzw. aufgeklärt werden sollen, wie z. B. Bürger*innen, Ehrenamtliche, Unternehmen mit potenziellen Flächen für Ersatzbiotope, sowie Garten- und Landschaftsbaufirmen für die Beauftragung der Anlage von Amphibiengewässern.
3) Infektionsbiologische Untersuchungen & Artnachweise mittels Umwelt-DNA (eDNA): Untersuchung der Projektgebiete auf Infektionskrankheiten (z.B. Chytridpilz) und Vorkommen von Wechselkröten mithilfe von eDNA aus Gewässerproben. Insbesondere für Kleinstpopulationen, bei denen nicht immer Nachweise während des regulären Monitorings erbracht werden können, ist die Beprobung mittels eDNA ein wichtiges Hilfsmittel.
4) Bestandsstützung: Aufzucht von Wechselkrötenlarven bis ins juvenile Stadium in der Wildtier- und Artenschutzstation Sachsenhagen. Kooperation mit der bereits seit 2018 laufenden Bestandsstützung des Landkreises Wolfenbüttel und Ausweitung auf den Landkreis Helmstedt. Aussiedelung der aufgezogenen Jungtiere in Kleinpopulationen in beiden Landkreisen zur Stützung der lokalen Bestände.
5) Gewässerbau: Anlage von beispielhaften Amphibiengewässern (natürliche wie künstliche) als Prototypen zur Darstellung und Anschauung, wie auf weiteren potenziellen Flächen Teiche geschaffen werden können. Um das Projekt zusätzlich zu unterstützen, sollen finanzielle Mittel für die Schaffung weiterer Wechselkröten-Habitaten akquiriert werden.
6) Öffentlichkeitsarbeit: Bürger*innen und Privatleute sollen über Management- und Schutzmöglichkeiten aufgeklärt werden, z. B. über Newsletter sowie Exkursionen, Vorträge und eine Wanderausstellung.
7) Erstellung von Infomaterialien: Zur Aufklärung und nachhaltigen Bewusstseinsschaffung der Bürger*innen ist die Erstellung von Informationsmaterial notwendig, wie bspw. Plakate, Handzettel, Flyer und eine Homepage.
8) Monitoring: Etablierung eines projekteigenen Monitorings, dass sich in seiner Methodik an der des landesweiten Wechselkröten-Monitorings des NLWKN orientiert, dieses aber deutlich intensiviert und auf weitere Potentialflächen ausweitet. Dies beinhaltet Ruferkartierungen während der Laichperiode sowie Reproduktionskontrollen im Sommer.
Die Projektlaufzeit betrug drei Jahre von Februar 2023 bis Januar 2026. Das Ziel des Projektes war der Schutz und Erhalt der Wechselkröte in Niedersachsen durch das Schaffen von Grundlagen für die Sicherung nachhaltig geeigneter Fortpflanzungs- und Landhabitate.
Zentrale Inhalte des Projektes waren die Suche nach geeigneten Potentialflächen, die Beratung von Abbaubetrieben, die Umsetzung konkreter Artenschutzmaßnahmen und die Erstellung eines Management-Konzeptes für den Wechselkrötenschutz in anthropogen genutzten Lebensräumen. Zuzüglich zu diesen Kernthemen umfasste das Projekt weitere Inhalte wie eine umfassende Öffentlichkeitsarbeit, ein projekteigenes Monitoring sowie eine Bestandsstützung der vorhandenen Wechselkrötenpopulationen.
Innerhalb des Projektzeitraums wurden über einhundert Potentialflächen evaluiert, vier Abbaubetriebe und viele weitere Flächeneigentümer*innen in vier Landkreisen und Städten zum Thema Wechselkrötenschutz beraten und zahlreiche Artenschutzmaßnahmen umgesetzt. Ferner wurde ein Management-Konzept erarbeitet, dass die Erfahrungen des Projektes übersichtlich zusammenfasst und von nachfolgenden Artenschutzvorhaben genutzt werden kann. Im Rahmen der Öffentlichkeitsarbeit konnten etliche Bürger*innen mithilfe von Vorträgen und auf öffentlichen Veranstaltungen nachhaltig zum Thema Wechselkrötenschutz aufgeklärt werden. Das projekteigene Monitoring lieferte wichtige Daten und Erkenntnisse zum derzeitigen Stand der Populationen, insbesondere im Jahr 2025, als das landesweite FFH-Monitoring im Auftrag des Niedersächsischen Landesbetriebes für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) nicht stattfand.
Die Ergebnisse des Projektes zeigen, dass der Schutz und Erhalt von Lebensräumen für die Wechselkröte in unserer heutigen Kulturlandschaft möglich, aber auch mit diversen Herausforderungen und einem hohen zeitlichen und personellen Aufwand verbunden ist.
Die im Rahmen des Projektes durchgeführten Veranstaltungen umfassten unter anderem zehn Vortragstermine, vier Infostände bei unterschiedlichen öffentlichen Veranstaltungen, zwei Exkursionen mit lokalen NABU-Gruppen, eine Radio- und einen Fernsehbeitrag über das Projekt. So konnten eine breite Öffentlichkeit erreicht und über den Schutz und Erhalt der Wechselkröte aufgeklärt werden. Begleitet wurde das Projekt von regelmäßigen Pressemitteilungen und Beiträgen in den Jahres- und Projektberichten des NABU. Ferner wurde im Rahmen von kleineren „Artenschutz-Aktionen“ mit lokalen Unternehmen und der Freiwilligen Feuerwehr kooperiert. Zum Abschluss des Projektes wurden verschiedene „Giveaways“ wie bedruckte Fototassen, Postkarten und Sticker mit Wechselkrötenmotiven erstellt. Insbesondere die Kaffeetassen sollen auch an die Werksmitarbeitenden verteilt werden, sodass ihnen die Wechselkröte und ihre Belange im Abbaubetrieb regelmäßig in Erinnerung gerufen werden.
Zusätzlich wurden jährlich Pressemitteilungen mit dem Aufruf zur Meldung von in Niedersachsen gesichteten Wechselkröten geschaltet, um Bürger*innen stärker im Sinne von „Citizen Science“ einzubinden.
Im Rahmen des Projektes konnten maßgebliche Fortschritte in Hinsicht auf den Schutz der Wechselkröte in Niedersachsen erzielt werden. Über einen Zeitraum von drei Jahren konnte ein solides Fundament gelegt werden, um die Art in der Region zu erhalten und dem negativen Bestandstrend der letzten Jahrzehnte entgegenzuwirken.
Durch intensive Flächensuche konnten mehrere hundert Potentialflächen evaluiert werden, wobei sich wie erwartet insbesondere Abbau- und Industrieflächen als geeignete Lebensräume präsentierten. Drei bis dato unbekannte Wechselkrötenvorkommen wurden im Laufe des Projektes entdeckt und zahlreiche Flächen mithilfe von Artenschutzmaßnahmen für die Ansprüche der Wechselkröte optimiert. Insbesondere die gezielte Beratung von Abbaubetrieben zeigte große Erfolge, eine intensive Kommunikation und ein guter, persönlicher Austausch mit den jeweiligen Verantwortlichen sind der Grundbaustein dafür gewesen. Im Rahmen der Bestandsstützung wurden über 3.500 junge Wechselkröten ausgewildert, die in den nächsten Jahren zum Erhalt der zumeist kleinen Populationen beitragen können. Durch eine umfassende Öffentlichkeitsarbeit konnten zahlreiche Bürger*innen erreicht werden, die erstellten Informationsmaterialen werden auch nach dem Ende des Projektes von NABU und ÖNSA weiterhin zur Aufklärung über die Wechselkröte genutzt.