Projekt 37398/01

Zunehmende Dominanz der Aufrechten Trespe im Mitteldeutschen Raum – Erprobung von geeigneten Managementstrategien zum Erhalt der Biodiversität in Kalk-Trockenrasen

Projektdurchführung

Hochschule Anhalt
Fachbereich 1 (LOEL)
Professur Vegetationskunde und Landschaftsökologie
Strenzfelder Allee 28
06406 Bernburg

Zielsetzung

Hauptziel des Projektes ist die Evaluierung geeigneter Managementstrategien, die die weitere massive Ausbreitung der neophytischen Grasart Aufrechte Trespe (Bromus erectus) in naturschutzfachlich äußerst wertvollen Kalk-Trockenrasen in Mitteldeutschland eindämmen können. Kalk-Trockenrasen sind aktuell durch die klimabedingte und/oder managementbedingte massive Ausbreitung der Aufrechten Trespe gefährdet, was zu einem Verlust an charakteristischen, konkurrenzschwächeren Arten führt. Da diese Ausbreitung in Mitteldeutschland jedoch erst begonnen hat, sind noch Gegenmaßnahmen durch Anpassungen im Management möglich. Dazu wurde auf unterschiedlichen Standorten im mitteldeutschen Raum innerhalb mehrerer Modellregionen die Vegetation erfasst. Ausgewählte Flächen unterliegen einem mindestens fünf Jahre kontinuierlich andauerndem Management mit den in der Landschaftspflege üblichen Managementvarianten Schafbeweidung, Ziegenbeweidung, Beweidung mit großen Weidetieren (Rinder und/ oder Pferde), Mahd und Brache (ohne Management).

Arbeitsschritte

Die Recherche geeigneter Probeflächen erfolgte in Modellregionen im Mitteldeutschen Trockengebiet (Thüringer Becken, südliches Sachsen-Anhalt).

Kriterien zur Auswahl von Probeflächen innerhalb der Modellgebiete:
• FFH-LRT 6210(*) und / oder 6240* oder vergleichbare Flächen außerhalb der Natura 2000 Flächenkulisse
• Möglichst mindestens 5 - 10 Jahre kontinuierliches Management
• Mindestflächengröße > 0,5 ha
• Möglichst südliche Exposition
• mit Aufrechter Trespe entweder bereits besiedelt oder zumindest potentiell besiedelbar (Art in der Umgebung vorkommend)

Managementvarianten:
• Temporäre Beweidung mit großen Weidetieren (Rinder, Pferde, Mischbeweidung)
• Permanente Beweidung mit großen Weidetieren (Rinder, Pferde, Mischbeweidung)
• Beweidung mit Schafen (Koppel- und Hütehaltung)
• Beweidung mit Ziegen
• Mahd (extensiv, einschürig)
• Brache ohne Management

Erfassung der Vegetation
Für jede der sechs Managementvarianten wurden sechs geeignete Probeflächen zufällig ausgewählt. Insgesamt wurden 36 Probeflächen erfasst. Anhand von 108 Vegetationsaufnahmen (3 m × 3 m) wurden Veränderungen in der Kalk-Trockenrasenvegetation dokumentiert.

Erfassung der Vitalitätsparameter der Aufrechten Trespe
Zusätzlich zur Artenzusammensetzung wurden innerhalb jeder Vegetationsaufnahme folgende repräsentative Vitalitätsparameter der Aufrechten Trespe an 10 zufällig ausgewählten Horsten erfasst, um die mittlere Fitness der jeweiligen Population zu ermitteln:
• Vegetative Höhe der Horstblätter (cm)
• Horstdurchmesser im lockeren Zustand (cm)
• Anzahl Blütenstände eines Horstes

Ergebnisse

Als Arbeitshypothese diente die Annahme, dass insbesondere Ganzjahresbeweidung den Deckungsgrad der Aufrechten Trespe aufgrund eines höheren Beweidungsdrucks im Frühjahr und einer kontinuierlichen Weidenutzung während des gesamten Jahres verringern würde. Die durchschnittliche Deckung der Aufrechten Trespe lag zwischen 8,6 % (permanente Beweidung durch große Weidetiere) und 26,9 % (Mahd), jedoch ohne signifikante Unterschiede zwischen den Managementvarianten aufgrund hoher Varianz innerhalb der Varianten. Das wichtigste Ergebnis stellen daher die signifikant niedrigeren Werte der Vitalitätsparameter vegetative Höhe und Anzahl der Blütenstände generell auf bewirtschafteten Flächen dar. Dabei wurden die niedrigsten Werte auf der Managementvariante permanente Beweidung mit großen Weidetieren gemessen.

Wir konnten außerdem zeigen, dass die Vegetationsparameter Artenzahl, Deckung Zielarten Kräuter und Anteil der Kräuter an der Krautschicht insgesamt eine deutlich höhere Qualität auf bewirtschafteten Flächen im Vergleich zu Brachen aufwiesen. Die Streuschichtdeckung wies auf den beweideten Flächen signifikant geringere Werte als auf den Brachflächen auf. Trotz hoher Streudecken können brachgefallene Kalk-Trockenrasen jedoch noch für längere Zeit eine relativ hohe Anzahl an Zielarten in kleinen Populationen aufweisen. Um ausreichend überlebensgroße Populationen wiederherzustellen ist eine eine zeitnahe Wiederbewirtschaftung jedoch unumgänglich.

Weiterhin evaluierten wir mögliche Einflussparameter auf die unterschiedliche Vegetationsentwicklung zwischen den Managementvarianten. Dabei hatte die Dauer der Bewirtschaftung im Jahr den größten Einfluss auf die Vitalitätsparameter Anzahl der Blütenstände und Horstdurchmesser. Die Anzahl Blütenstände zeigte unter permanenter Beweidung durch große Weidetiere die signifikant niedrigsten Werte. Als ein weiteres wichtiges Ergebnis konnte nachgewiesen werden, dass je früher im Jahr die Bewirtschaftung einsetzte, desto geringer die vegetative Höhe ausgeprägt war. Wir schlussfolgern daraus, dass Kalk-Trockenrasen möglichst lange im Jahr beweidet werden sollten, um die sich überwiegend generativ ausbreitenden Populationen der Aufrechten Trespe durch kontinuierliche Beweidung zu schwächen und gleichzeitig die umgebende Vegetation durch patch-artigen Fraß zu stärken.

Siehe auch preprint: https://dx.doi.org/10.2139/ssrn.6392498

Öffentlichkeitsarbeit

Im Rahmen des Projektes wurde diejenige Probefläche als Demonstrationsfläche ausgewählt, für die die besten Ergebnisse in der Gesamtschau in Bezug auf die Eindämmung der Aufrechten Trespe durch ein geeignetes Management eruiert werden konnten: die ganzjährige Pferdebeweidung auf dem Rödel im Naturschutz- und Natura2000-Gebiet „Tote Täler südwestlich Freyburg“. Dort wurden acht Fach-Exkursionen mit teilweise internationaler Reichweite durchgeführt.
Des Weiteren ermöglichte die Teilnahme an 13 Tagungen und Workshops die Vorstellung des Projektes. Auf der arbeitsgruppeninternen Webseite www.offenlandinfo.de und in den Sozialen Medien wurde das Projekt ebenso präsentiert.
Das Weiterbildungsangebot an der Hochschule Anhalt wurde über die Einführung der Thematik in die regulären Vegetationsübungen umgesetzt und sensibilisiert somit künftige Absolventen und potenzielle Landnutzungsakteure.
Die Projektergebnisse wurden in einer wissenschaftlichen Fachzeitschrift zur Veröffentlichung unter dem Titel „Year-round or long-term grazing reduces vitality of the encroaching grass species Bromus erectus in dry calcareous grasslands“ eingereicht.

Fazit

Unsere Ergebnisse zeigen, dass eine permanente, extensive Beweidung durch große Weidetiere die Vitalität der Individuen der Aufrechten Trespe verringern und aufgrund der überwiegend generativen Vermehrung der Art zu einer Schwächung der Gesamtpopulation auf einer Fläche führen kann. Gleichzeitig fördert diese Beweidungsform die Phytodiversität. Da die Trockenrasen in Mitteldeutschland erst am Anfang der Einwanderung und Dominanzbildung der Aufrechten Trespe stehen, ist es wichtig, sie durch geeignete Bewirtschaftungsmaßnahmen zu schützen. Standorte mit dem Potenzial, möglichst lange mit großen Weidetieren beweidet zu werden, sollten vorrangig bewirtschaftet werden. Auf kleinräumigen, stark verbuschten Flächen empfehlen wir eine Frühjahrsbeweidung insbesondere mit Ziegen, auf weniger stark verbuschten Flächen eine frühe Beweidung mit Schafen. Bei Nichtverfügbarkeit von Weidetieren stellt auch die Mahd im Frühjahr eine geeignete Option dar. Generell deuten die Ergebnisse darauf hin, dass jegliche Bewirtschaftung die Dominanzbildung der Aufrechten Trespe besser hemmt als Brache. Auf orchideenreichen Standorten sollten enge Absprachen mit Experten und ein Monitoring durchgeführt werden, um individuelle Schutzziele zu erreichen.

Übersicht

Fördersumme

118.452,00 €

Förderzeitraum

01.10.2022 - 31.12.2025

Bundesland

Sachsen-Anhalt

Schlagwörter

Land use
Nature Conservation
Saxony-Anhalt
Environmental communication