Hochschule Bremen
Fakultät Gesellschaftswissenschaften
Neustadtswall 30
28199 Bremen
Das Forschungsprojekt „Erdwärme vernetzt – Urbane Anergienetze als Instrument der Wärmewende in Bremen“ widmet sich der Frage, wie „kalte Nahwärmenetze“ zur klimaneutralen Wärmeversorgung in dicht bebauten Stadtgebieten beitragen können. Diese Technologie bietet insbesondere für Stadtquartiere Potenzial, die weder an bestehende Fernwärmenetze angeschlossen sind/werden noch für den Einsatz individueller Wärmepumpen geeignet sind. Ziel ist es, praxistaugliche Lösungen für bestehende Stadtquartiere zu entwickeln, die bisher über keine tragfähigen Konzepte für eine nachhaltige Wärmeversorgung verfügen. Als Energiequelle soll Erdwärme aus Bohrungen im öffentlichen Raum dienen. Damit soll ein wesentlicher Beitrag zur Umsetzung ambitionierter Klimaschutzziele im urbanen Raum geleistet werden.
Das Vorhaben zielt darauf ab,
1) die für die Umsetzung entsprechender Formen von Wärmenetzen bestehenden Rahmenbedingungen zu überprüfen und Empfehlungen für ihre Verbesserung zu entwickeln;
2) die Herausforderungen für die bürgerschaftlichen Initiativen bei der Entwicklung von Anergienetzen als bürgerschaftliche Nahwärmenetze zu untersuchen und Unterstützungmöglichkeiten zu entwickeln sowie
3) Potenziale für die Übertragbarkeit des Handlungsansatzes zu untersuchen.
Anlass des Vorhabens:
In Bremen bestehen große Herausforderungen bei der Umstellung auf eine klimaneutrale Wärmeversorgung. Der heterogene Gebäudebestand, die bestehenden Infrastrukturen und begrenzte Fläche erschweren die Umsetzung von Wärmeversorgungsoptionen. Gleichzeitig sind bürgerliche initiativen entstanden, die daran arbeiten, gemeinwohlorientierte Wärmelösungen für ihre Quartiere zu schaffen. Diese Initativen wollen mithilfe von Erdwärme und Anergienetzen die Wärmeversorgung nachhaltig gestalten. Das Forschungsprojekt greift diese Entwicklungen auf und unterstützt sowohl die Analyse bestehender Hindernisse als auch die Entwicklung konkreter Handlungsstrategien.
Die Arbeitsschritte des Forschungsprojekts umfassen eine breite Palette an Maßnahmen und gliederten sich in sieben Arbeitspaketen, um die Umsetzung von „kalter Nahwärme“ in Bremen zu untersuchen. Dazu gehören die Förderung des öffentlichen Diskurses durch Expert:inneninterviews, Diskussionsrunden und Vernetzungstreffen, die Analyse bestehender Erfahrungen mit Nahwärmeprojekten sowie die Untersuchung der Akteurslandschaft und Motivlagen in urbanen Gebieten. Ergänzend werden Informationsangebote aktualisiert und neue Formate entwickelt, um den Wissenstransfer zu erleichtern. Abschließend werden die Projektergebnisse aufbereitet, Handlungsempfehlungen abgeleitet und in Workshops sowie öffentlichen Veranstaltungen präsentiert.
Das Konzept urbaner Anergie auf Basis oberflächennaher Erdwärme ist technisch tragfähig und praxistauglich. Allerdings liegt der entscheidende Engpass vor allem in Governance, Finanzierung und Kommunikation. Als übertragbare Bausteine wurden strategische Partnerschaften und kommunale Beteiligungen, ein stabiler Finanzierungsrahmen, Synergien im Tiefbau sowie geeignete Organisationsformen identifiziert.
Die Bremer Wärmepolitik ist konsistent an der Klimaschutzstrategie 2030 ausgerichtet, das Ziel Klimaneutralität 2038 wird im Wärmebereich jedoch nicht erreicht; die Umsetzung ist stark von der Bundesebene abhängig. Zwischen Wärmeplanung und Versorgerstrategie besteht eine Diskrepanz; für viele Prüfgebiete der "grauen Zone" bleibt die Versorgung offen. Empfohlen wird u. a. die Prüfung einer kommunalen Wärmegesellschaft. Das bürgerschaftliche Projekt (ErdwärmeDich e.G.) ist realistisch, benötigt aber konsequentere Förderung. Die durchgeführte Bürgerbefragung zeigt ausgeprägte Informationsdefizite (65 % kennen die Wärmeplanung für ihre Straße nicht), zugleich eine deutliche Offenheit gegenüber Anergienetzen (79 % der Wechselbereiten) sowie Kosten als wichtigstes Hemmnis.
Die Ergebnisse wurden in fünf frei zugänglichen Arbeitspapieren der Reihe "GLOKAL Arbeitspapiere zur Nachhaltigkeitspolitik" der Hochschule Bremen publiziert (Nr. 19-24). Sie stehen mit DOI kostenfrei zum Download bereit.
Der prozessorientierte Ansatz wurde über die gesamte Laufzeit durch zahlreiche Transfer- und Dialogformate getragen: die zweimonatlichen Netzwerktreffen "Wärmenetze in Bremer & Bremerhavener Quartieren", Webinare (u. a. "Erfahrungen mit Anergienetzen im Bestand", "Wärmenetze finanzieren und umsetzen"), Stadtteilworkshops, Fachvorträge und eine Online-Beteiligungsplattform (DIPAS). Ergänzend wurden eine Projektseite, Infobroschüren und Checklisten erstellt. Die Projektergebnisse wurden u. a. auf den Berliner Energietagen 2026 sowie in einer hybriden, bundesweit ausgerichteten Abschlussveranstaltung in der Bremer Landesvertretung in Berlin vorgestellt.
Die prozessorientierte Vorgehensweise erlaubte es, vielfältige Perspektiven einzubeziehen und zugleich auf die sich dynamisch verändernden Handlungsorientierungen einzuwirken. Die Verzahnung von wissenschaftlicher Analyse, kontinuierlicher Begleitung der Genossenschaft und breiten Transferformaten erwies sich als tragfähiges Modell transdisziplinärer Begleitforschung.
Inhaltlich zeigt sich, dass urbane Anergienetze auf Basis oberflächennaher Erdwärme ein Baustein sind, um die "graue Zone" der urbanen Wärmewende zu erschließen. Der entscheidende Engpass liegt vor allem im Zusammenspiel von Governance, Finanzierung und Kommunikation. Erforderlich sind eine stärkere kommunale Steuerung, eine Bündelung von Zuständigkeiten und Förderungen, verlässliche Finanzierungsinstrumente sowie eine aktive, zielgruppengerechte Kommunikations- und Beratungsstrategie. Die bürgerschaftliche Trägerschaft besitzt ein belegtes gesellschaftliches Potenzial, kann dieses aber nur entfalten, wenn die strukturellen Hemmnisse aktiv adressiert werden. Da die Kosten der Pilotprojekte bislang nicht abschließend geklärt sind, wird sich zudem erst mit deren Umsetzung zeigen, ob sich ein Anschluss an ein Anergienetz für die Haushalte wirtschaftlich lohnt und sich die erkennbare Offenheit in konkrete Anschlussbereitschaft übersetzt.