Dessau-Roßlau. Mit struppig, chaotisch, ungepflegt oder wild würden einige den Blick in die an der Elbe gelegenen Werderwiesen südlich der Wasserburg Roßlau beschreiben. Dabei sind die sogenannten Altgrasstreifen mit hohem Gras bei der Mahd nicht vergessen worden, sondern bewusst geschaffener Lebensraum. „Naturschutz beginnt genau hier. Bei jeder Mahd lässt der landwirtschaftliche Betrieb „Landgut Hundeluft“ ein Teil der Wiesenfläche stehen, der Insekten, Amphibien und Vögeln vielfältige Lebens-, Rückzugs- und Nahrungsräume bietet“, erklärt Jan Felix Schneider, Offenlandmanager im DBU Naturerbe, eine Tochtergesellschaft der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU).

Ungemäht für den Naturschutz
Es kreucht und fleucht zwischen den Grashalmen und es tummeln sich zahlreiche Vögel und Insekten am Blütenbuffet im Grünland. Gleichzeitig steht die Heumahd an. „Früher zog sich die Heuernte über eine längere Zeit hin und die Tiere konnten ringsherum auf ungemähte Flächen ausweichen. Mit den modernen Maschinen und Mähwerken werden Wiesen innerhalb weniger Stunden abgemäht. Da bleibt für die Tierwelt nur wenig übrig und es gibt kaum Ausweichmöglichkeiten“, erklärt Schneider. Sogenannte Altgrasstreifen können helfen. Dazu werden bei jeder Mahd bis zu zehn Prozent der Wiesenfläche stehengelassen und in Form von Streifen oder kompakten Inseln von der Mahd ausgespart. So bleiben unterschiedliche Strukturen auf der Fläche erhalten. „Altgrasstreifen bieten nicht nur im Sommer Lebensraum, sondern können auch als Winterquartiere in der offenen Landschaft dienen. Insekten überwintern in den Pflanzenstängeln oder am Boden“, erklärt Schneider. Er ergänzt „Wichtig ist aber, dass die Altgrasstreifen, die neben den dominierenden Gräsern auch viele krautige Pflanzenarten enthalten, im nächsten Jahr wieder an anderer Stelle angelegt werden, um die Pflanzenzusammensetzung nicht zu beeinträchtigen.“
Alte Grasstreifen schaffen neuen Lebensraum

„Wer genau hinschaut, sieht keine ungepflegte Wiese, sondern vielfältigen und wertvollen Lebensraum“, betont Daniel Andrick, Revierleiter vom Bundesforstbetrieb Mittelelbe. Während der Mahd werden in den Altgrasstreifen zahlreiche Tiere wie Heuschrecken und Spinnen verschont, die den schnellen Maschinen nicht ausweichen können. Nach der Mahd dienen ihnen die Streifen als Rückzugsräume und bieten Futter sowie Deckung vor Feinden. Ebenso fühlen sich Wiesenvögel in den ungenutzten Bereichen wohl und finden dort geeignete Brutplätze und Sitzwarten, von denen sie zur Nahrungssuche die Umgebung beobachten können. Feldhasen und weitere Kleintiere finden in dem hohen Gras Ruhe- und Deckungsbereiche. Wildbienen und Schmetterlinge profitieren von dem langfristigen Nahrungsangebot an Blüten oder Blattwerk. Ein weiterer Vorteil: Auch spätblühende Pflanzenarten kommen bis zur Samenreife. Andrick: „Nach der Mahd sind die Altgrasstreifen wiederum Startpunkt, von denen aus die Tiere die gemähten Bereiche nach und nach besiedeln.“
Ohne Mahd keine blühenden Wiesen
Bunte Wiesen sind besondere Lebensräume: artenreich aber mittlerweile selten in Deutschland. „Sie sind seit Jahrhunderten von Menschen und Landwirtschaft geprägt, doch verschwinden zunehmend aus unserer Kulturlandschaft, obwohl Deutschland für sie europäische Verantwortung trägt“, sagt Schneider. Einerseits reagiert der nach Flora-Fauna-Habitatrichtlinie geschützte Lebensraum sensibel auf Düngemittel und auf zu häufige Mahd, andererseits ist er auf regelmäßige Nutzung angewiesen. „Wiesen sind durch Mahd entstanden. Ganz ohne Pflegemaßnahmen würden die Wiesen nach und nach verbuschen, zu Wald werden und letztendlich verschwinden. Extensiv bewirtschaftet sind sie hingegen wahre Schatzkisten der Artenvielfalt“, verdeutlicht Schneider. In den Auenlandschaften auf der rund 1.650 Hektar großen DBU-Naturerbefläche Roßlauer Elbauen breitet sich die Elbe bei Hochwasser auf ihren natürlichen Überschwemmungsflächen aus. Auf den nährstoffreichen Böden hat sich in den ufernahen Bereichen Grünland mit einem hohen Artenreichrum entwickeln können.