Pflanzenwelt digital: Neue App macht Naturschutzarbeit effizienter

DBU Naturerbe: Meilenstein für Biotoperfassung
Klemmbrett, Stift und Papier waren gestern: Digitale Arteninventur auf der DBU-Naturerbefläche Mellrichstadt durch Dr. Roland Schröder.

Osnabrück. Saubere Luft, reines Wasser, gesunde Böden und Naturerholung – intakte Ökosysteme leisten zentrale Grundlagen für das menschliche Wohlergehen. „Als Instrument für den Schutz der Lebensvielfalt bietet die Digitalisierung ein erhebliches Potenzial“, so Alexander Bonde, Generalsekretär der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU). Jetzt hat die Tochtergesellschaft, das DBU Naturerbe, gemeinsam mit dem Software-Unternehmen Arc-Greenlab aus Berlin eine App zur Biotopkartierung entwickelt. Das mache Monitoring und Naturschutzplanungen im Offenland des DBU Naturerbes deutlich effizienter.

Meilenstein: Digitale Schnittstelle überträgt Geländedaten direkt ins System

Klemmbrett, Stift und Papier gehörten bisher zur Standardausrüstung: Damit erfassten das DBU-Naturerbe und beauftragte Büros auf den Flächen des Nationalen Naturerbes die Pflanzenwelt für die sogenannte Biotoptypenkartierung – eine flächendeckende Erfassung, Bewertung und Dokumentation von Vegetation in einem bestimmten Gebiet. Später wurden die so gewonnenen Daten, in einer speziell mit dem DBU Naturerbe entwickelten Onlinedatenbank, dem „Naturerbe Management und Informationssystem“ (Namis), eingegeben. Um diesen Prozess zu optimieren, arbeitet das Team nun mit einer speziell entwickelten mobilen Software-Anwendung (App): „Ab jetzt geben wir die Daten zur Biotoptypenkartierung während der Begehung im Gelände direkt in die neue Namis-Biotop-App ein“, sagt Henning Schneidereit, Datenbankbetreuer im DBU Naturerbe. „Wir haben damit einen Meilenstein erreicht: Über eine digitale Schnittstelle können die im Gelände erfassten Daten direkt ins System übergeben werden, das spart enorm viel Zeit sowie Kosten und senkt gleichzeitig die Fehlerquote.“ Die Biotoptypenkartierung sei Schneidereit zufolge eine der Grundvoraussetzungen für jegliche Naturschutzplanungen.

Naturschutzfachliche Bewertung und Planung auf rund 70.000 Hektar in zehn Bundesländern

Die Kartierung kann offline erfolgen. Sobald eine Internetverbindung vorhanden ist, synchronisiert sich die App mit dem Datenserver – auch bei gleichzeitigen Dateneingaben.

Die Stiftungstochter ist verantwortlich für die naturschutzfachliche Entwicklung von 66 Flächen des Nationalen Naturerbes mit insgesamt rund 70.000 Hektar. „Für jedes einzelne Gebiet müssen wir Lebensräume mit ihren wertgebenden Arten und deren Zustand ermitteln“, so Schneidereit. Dann geht es um die naturschutzfachliche Bewertung und Planung: „Mit unserer Expertise erkennen wir Beeinträchtigungen, bewerten den Handlungsbedarf und kennen Pflegemaßnahmen, welche die Biotope aufwerten.“ Ein Beispiel: Eine Orchideenwiese wird durch das Aufwachsen von Büschen und Bäumen gefährdet. „Ist die Beeinträchtigung hoch, sollte umgehend, also innerhalb von einem Jahr eine Pflegemaßnahme erfolgen. Das könnte eine Mahd, Beweidung oder ein händisches Entkusseln sein“, so Schneidereit.

Bundeslandspezifische Informationen können hinzugeladen werden

Um vergleichbare Daten zu erhalten, sind Artenlisten und Biotoptypenkartierungen in der Namis-Biotopdatenbank standardisiert. „Doch jedes Bundesland hat etwas andere Kartieranleitungen und die Bewertung des Erhaltungszustands ist ebenfalls ein bisschen unterschiedlich“, sagt Schneidereit und nennt damit eine der Herausforderungen für die in zehn Bundesländern befindlichen DBU-Naturerbeflächen. Die Entwickler konfigurierten die Namis-Biotop-App so, dass „man für jede Naturerbefläche die entsprechenden bundeslandspezifischen Informationen hinzulädt“, so Schneidereit. Das Praktische an dem System sei ihm zufolge, dass „die Kartierenden eine E-Mail mit QR-Code erhalten, der direkt in der App gescannt wird“. So landen die digitalen Flächen automatisch auf dem mobilen Endgerät und können vor Ort bearbeitet werden.

Kartierung kann ohne Internetverbindung erfolgen mit späterer Synchronisierung

Die Flächen des Nationalen Naturerbes zeichnen sich durch ihre Großräumigkeit, Unzerschnittenheit und Störungsarmut aus. „Was von großem Wert für die Natur ist, stellte für die App-Entwicklung eine Herausforderung dar“, sagt Schneidereit. Der Grund: „In diesen oft internetfreien Gebieten war eine digitalisierte Kartierung bisher nur eingeschränkt möglich.“ Doch auch diese Hürde löst die Namis-Biotop-App. „Die Kartierung kann offline erfolgen. Sobald eine Internetverbindung vorhanden ist, synchronisiert sich die App mit dem Datenserver – auch bei gleichzeitigen Dateneingaben“, sagt Felix Lehmann von Arc-Greenlab. Die Stiftungstochter nutzt eigene Server, auf denen alle Kartierungsdaten sicher und datenschutzkonform gespeichert werden. Lehmann: „Die App wurde als exklusive Anwendung für die Namis-Biotopdatenbank des DBU Naturerbes entwickelt. Eine Anwendung der App für weitere Nutzer*innen ist aber durchaus denkbar.“

Naturschutzplanung wird digitaler: Lena Fitzner vom DBU Naturerbe-Team erfasst mit der mobilen Namis-Biotop-App flächendeckend die Pflanzenwelt im oberfränkischen Reiterswiesen.

Erste Einsatzgebiete in Bayern

Die fehlerfreie Synchronisation der Daten zwischen Offline- und Online-Modus sei Schneidereit zufolge besonders herausfordernd gewesen: „Wir haben das mehrfach im Gelände getestet, unter anderem mit fünf parallelen Kartierungen.“ Da zudem zahlreiche Sonderfälle berücksichtigt und neue Anforderungen integriert werden mussten, dauerte die App-Entwicklung insgesamt zwei Jahre – von der ersten Idee inklusive Konzeptionierung im DBU Naturerbe über die Beauftragung von Arc-Greenlab bis zur Ausführung. Das DBU Naturerbe und das Berliner Software-Unternehmen blicken auf eine bereits 13 Jahre lange vertrauensvolle Zusammenarbeit zurück. Die ersten Einsatzgebiete der Namis-Biotop-App sind die in Bayern gelegenen DBU-Naturerbeflächen Mellrichstadt, Reiterswiesen und Lauterberg.

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