Sternberg. Es ist frühmorgens um halb sieben. Langsam schiebt sich die Sonne hinter den Wolken hervor. Das Gras glitzert noch feucht vom Tau der Nacht, die Landschaft scheint still zu liegen. Doch auf der DBU-Naturerbefläche Kaarzer Holz sind Kathi Heuser, ihre Hündin Nike und ihre bunte Schaf- und Ziegenherde schon aktiv. Tag für Tag halten die Tiere mit ihrem Appetit Wiesen und Hänge offen, fördern so die biologische Vielfalt und tragen dazu bei, dass die wertvolle Landschaft nicht verbuscht und zuwächst. Eine Aufgabe, die ohne die Herde nicht funktioniert. Aber auch nicht ohne Kathi Heuser.

Ohne Pflege keine blühenden Wiesen
Üppig und bunt können die Magerrasen und europäisch geschützten Flachland-Mähwiesen im Norden auf der rund 2.800 Hektar großen DBU-Naturerbefläche der gemeinnützigen Tochtergesellschaft der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) blühen. So bieten sie Wiesenvögeln wie dem Wachtelkönig, aber auch Insekten, reichlich Nahrung und wertvollen Lebensraum. Doch die Bewirtschaftung der Flächen ist anspruchsvoll. Die Hänge im Hügelland rund um Sternberg sind aus landwirtschaftlicher Sicht schwierig zu nutzen. Sie sind kleinteilig, teilweise steil und mit Maschinen nur eingeschränkt erreichbar. Wo die regelmäßige Pflege ausbleibt, erobern Sträucher die Flächen. Ginster breitete sich hier zunehmend aus. Nach ersteinrichtenden Maßnahmen, die vom Landschaftspflegeverband Sternberger Endmoränengebiet mit Mitteln des Europäischen Landwirtschaftsfonds für die Entwicklung des ländlichen Raums (ELER) finanziert und durchgeführt wurden, übernahmen die Tiere von Heuser die Pflege. „2022 stand der Ginster hier noch kopfhoch. Seit meine bunte Truppe aus Skudden, Jakobschafen und Thüringer Waldziegen hier Büsche abknabbert und Gräser kurzhält, kommt auch die Blütenpracht der Mähwiesen und Magerrasen wieder zurück“, erzählt Heuser. Bei ihrem morgendlichen Rundgang schaut sie zwischen Gesundheitscheck sowie Zaun- und Wasserkontrolle genau hin. Zwischen den Gräsern entdeckt sie Blüten der Heidenelke und vom Knöllchen-Steinbrech. Beide Pflanzenarten gelten in Mecklenburg-Vorpommern auf der Roten Liste als gefährdet. Für die 37-Jährige sind solche Entdeckungen mehr als nur schöne Momentaufnahmen: Sie zeigen, dass die Landschaftspflege wirkt.

Zwischen Seen und Hügeln – Beweidung mit Ausblick
Stück für Stück arbeitet sich die Herde über die rund zehn Hektar große Beweidungsfläche vor. „Ich kann nicht rund um die Uhr bei der Herde bleiben. Das würde zeitlich nicht in meinen Alltag passen“, erklärt die Schäferin. Die Herde grast daher in umzäunten Bereichen von zwei bis vier Hektar und Heuser schaut mehrmals täglich vorbei. Dabei haben Schafe und Ziegen ihre eigenen Vorlieben: Ziegen fressen bevorzugt Blätter und junge Gehölztriebe, knabbern an der Rinde von Bäumen und Sträuchern, während Schafe vor allem Gräser und Kräuter am Boden bevorzugen. Gerade dieses Zusammenspiel macht die gemischte Herde zu einem optimalen Partner der Landschaftspflege im Nationalen Naturerbe. „Während die Tiere in einem Bereich fressen, stecke ich bereits die nächste umzäunte Teilfläche ab. Nach knapp zwei Wochen steht dann der Umzug an“, erläutert Heuser. Dann muss auch Border Collie Nike mithelfen: Die Hütehündin läuft voraus, hält die Herde zusammen und sorgt dafür, dass kein Tier im Hügelland verloren geht. Dabei reagiert Nike auf die verschiedenen Signale der Hütepfeife, die Heuser um den Hals trägt. Je nach Ton und Abfolge der Pfiffe weiß die Hündin, ob sie die Herde weiter treiben, abbremsen oder in eine bestimmte Richtung lenken soll. Für Außenstehende klingt die Pfeife dabei vielleicht nur wie eine Reihe schriller und kurzer Töne – für Nike sind die Signale klare Anweisungen.

Vom Hund auf die Schafe gekommen
„Aufs Schaf bin ich eigentlich durch den Hund gekommen“, erzählt Heuser. „Aus der anfänglichen Idee, eine kleine Herde für meinen Border Collie aus Trainingsgründen zu halten, ist nach zwölf Jahren nun ein bunter Betrieb geworden.“ Neben Schafen und Ziegen hält sie gemeinsam mit ihrem Mann, der ebenfalls Schäfer ist, auch weiße Galloways zur Landschaftspflege, züchtet Skudden und vermarktet Fleisch. Aus der Wolle entstehen Wollpellets. Und dann gibt es noch ein ganz anderes Standbein: Heuser hat zusätzlich eine eigene Physiotherapiepraxis in Sagsdorf. „Wenn der Tag mehr Stunden hätte, könnte ich ihn wahrscheinlich auch füllen“, sagt die Allrounderin mit einem Lächeln.

Langfristige Pflege durch förderfähige Flächen
Der Arbeitsalltag der Schäferin ist anspruchsvoll, die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen sind schwierig und für die 37-Jährige stellt sich die Frage, ob es langfristig weitergeht. Auch Jörg Tillmann, stellvertretener fachlicher Leiter im DBU Naturerbe, weiß, dass ohne eine langfristige Pflege der Lebensraum wieder verschwinden und erneut mit Ginster verbuschen würde. „Daher sind wirtschaftliche Anreize für die Landschaftspflege wichtig“, ergänzt Tillmann. Für Heuser bedeutet das neben ihrer eigentlichen Arbeit auf den Wiesen sich intensiv in die Förderkulissen und Antragsverfahren einzuarbeiten und Fördermittel der Europäischen Union beim Staatlichen Amt für Landwirtschaft und Umwelt Mecklenburg-Vorpommern zu beantragen. „Dafür könnte man eigentlich ein eigenes Studium brauchen“, sagt sie und muss lachen. Als Schäferin im Nebenerwerb habe sie sich in die Materie regelrecht „reinfuchsen“ müssen. Auch aus diesem Grund haben die Vereinten Nationen das Jahr 2026 zum Internationalen Jahr der Weidelandschaften und des Hirtentums erklärt, um auf die ökologische, kulturelle und wirtschaftliche Rolle extensiver Beweidung hinzuweisen. Denn am Ende braucht es mehr als Herde, Hund und Herz, um die Wiesen und Weiden auf der DBU-Naturerbefläche Kaarzer Holz zu erhalten.